Die Mär vom Problembär: «Wir hätten wohl etwas mehr Geduld gehabt»
Aktualisiert

Die Mär vom Problembär«Wir hätten wohl etwas mehr Geduld gehabt»

Seit Jahren machen freche Petze aus Italien das Engadin unsicher. Trients Bären-Manager Claudio Groff über die Wiederansiedlung, Bärentöter und den Grund, weshalb Italiener gelassener bleiben.

von
Lukas Egli

Wer die Nachrichten über den Alpentransit von Bären verfolgt, hat den Eindruck, Ihr Ansiedlungsprogramm bringe nur Problembären hervor. Stimmts?

Claudio Groff: Nein, das ist nicht wahr. Die neun Bären, die das Projekt 2002 begründet haben, brachten in zehn Jahren insgesamt 53 Junge hervor. 16 von ihnen verliessen das Trentino, und nur drei von ihnen waren sogenannte Problembären: JJ1, der in Bayern Bruno genannt wurde, JJ2, der in der Schweiz Lumpaz hiess, und JJ3. Zwölf der Bären, die unsere Region verlassen haben, sind noch immer unterwegs – zum Teil wieder im Trentino – und zeigen ein ganz normales Verhalten. Auch JJ4 und JJ5, die beiden Geschwister der JJs, sind normale Bären.

Trotzdem ist die Häufung von Problembären doch auffällig.

Es ist klar, dass sich junge Männchen auf Wanderschaft anders verhalten als jene, die in ihrem Territorium bleiben. Wandernde Bären brauchen schnell viel Nahrung und greifen darum bisweilen zu unorthodoxen Methoden, um sich diese zu beschaffen. Die Eltern von M12 und M13 beispielsweise, die sich aktuell in der Schweiz herumtreiben, sind sehr scheu.

Wie viele der 53 Nachkommen der Pioniergruppe leben noch?

Wir haben 2011 mindestens 31 von ihnen nachgewiesen.

Ist das genug für eine stabile Population?

Nein, wir gehen davon aus, dass es im Minimum 40 bis 60 Bären braucht, damit die Population langfristig überleben kann. Das Ziel des Projekts sind 50 Bären. Auf diese Zahl kam man im Rahmen einer Machbarkeitsstudie vor Projektstart.

Wie können Sie das Wachstum der Population unterstützen?

Vor allem mit Monitoring, Aufklärungsarbeit sowie Schadens- und Kompensationsmanagement. Denn man muss sehen: Auch wenn das Trient nicht so dicht besiedelt ist wie die Schweiz, Österreich oder Oberbayern – wir leben hier nicht in Sibirien.

Ist der Mensch der grösste Feind des Bären?

Nein, nicht unbedingt. Aber in Regionen, wo Bären und Menschen nah zusammenleben, ist ihre Freiheit eingeschränkt – sie können nicht tun und lassen, was sie wollen. Wir mussten auch schon Bären aus dem Verkehr ziehen wegen deren problematischem Verhalten. Das gehört zum Management in von Menschen dominierten Gegenden.

Ihr Projekt musste einige Verluste hinnehmen. Würden Sie sagen, dass die Bärenansiedlung erfolgreich ist?

Ja, auf jeden Fall – zumindest bis heute. Ich glaube, es gibt kein vergleichbares Projekt in Europa. Wir haben gezeigt, dass man mit allen möglichen Problemen umgehen kann. Aber wir sollten nicht nur über Probleme sprechen: Bären sind eine Riesenchance – für die Biodiversität, für den Bezug der Menschen zur Natur und zur Wildnis, für den Tourismus.

In der Schweiz und in Deutschland ist die Aufregung jeweils gross, wenn ein Petz auftaucht. In Norditalien scheint das anders zu sein. Wie geht das Trient mit diesen vielen Bären um?

Die Bären werden hier tatsächlich gelassener aufgenommen. Das hat vor allem mit zwei Sachen zu tun: Zum einen ist das Trient, wie schon erwähnt, nicht so dicht besiedelt. Zum anderen, und das ist meine persönliche Meinung, ist es eine Frage der Attitüde: Die Italiener sind Bären gegenüber viel toleranter. Sie sind in unseren Augen ein Risiko, mit dem man in den Bergen leben muss, wie mit Lawinen oder Schneestürmen. Deutschsprachige haben einen anderen Bezug zu den Alpen. Zusammen ergeben die beiden Faktoren einen grossen Unterschied im Umgang mit Bären.

JJ1 wurde in Bayern erlegt, JJ3 in der Schweiz – schmerzt es Sie, was mit Ihren Bären in der Schweiz und in Deutschland passiert ist?

Im Fall von JJ1 sind wir etwas erschrocken. Die Bayern haben ihn erschossen, ohne vorher ernsthaft zu versuchen, sein Verhalten zu ändern. Bayern hatte 2006 schlicht keine Erfahrung und keine Notfallpläne. Die Schweizer haben es im Fall von JJ3 wenigstens versucht. Wir hätten wohl noch etwas länger Geduld gehabt. Allerdings muss ich sagen, dass wir auch zwei Bären töten mussten, darunter Jurka, die Mutter der JJs.

Also keine schlechten Gefühle?

Der Fall JJ1 hat uns überrascht. Und ja, der Bär hat uns ein bisschen leidgetan. Nicht wegen ihm als Individuum, sondern wegen der Umstände, unter denen er zu Tode kam. Aber die Bären gehören ja nicht uns. Sie sind Bären der Alpen, wie die Adler und Steinböcke oder das Edelweiss. Wenn sie einmal die Grenze überschreiten, sind sie im Zuständigkeitsbereich von jemand anderem. Wir sind nicht eifersüchtig.

Das Interview erschien im Mai 2012, als der nun getötete M13 erstmals die Schweiz betreten und für Schlagzeilen gesorgt hat.

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