Impfstoff wartet im Gefrierschrank: «Wir könnten doppelt so schnell geimpft sein»
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Impfstoff wartet im Gefrierschrank «Wir könnten doppelt so schnell geimpft sein»

Die Schweiz könnte deutlich schneller eine wirksame Immunität aufbauen, sagt Swissnoso-Präsident Andreas Widmer. Dafür müssten die Behörden aber ein gewisses Risiko eingehen.

von
Daniel Graf
Leo Hurni
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Viele Kantone lagern Impfstoff auf Vorrat, damit in jedem Fall eine Zweitimpfung sichergestellt werden kann. 

Viele Kantone lagern Impfstoff auf Vorrat, damit in jedem Fall eine Zweitimpfung sichergestellt werden kann.

VBS/Clemens Laub
Andreas Widmer, Präsident des nationalen Zentrums für Infektionsprävention Swissnoso, empfiehlt den Kantonen, nur noch Erstimpfungen zu verteilen. Damit soll die Schweiz schneller aus dem Lockdown. 

Andreas Widmer, Präsident des nationalen Zentrums für Infektionsprävention Swissnoso, empfiehlt den Kantonen, nur noch Erstimpfungen zu verteilen. Damit soll die Schweiz schneller aus dem Lockdown.

Swissnoso
Denn die Schweiz stehe vor einer Entscheidung: «Entweder haben wir in der halben Zeit einen 80-prozentigen Schutz für alle, die das wollen. Oder wir warten doppelt so lange auf eine wirksame Immunität, weil wir die Hälfte des Impfstoffs für Zweitimpfungen reservieren müssen», so Widmer.

Denn die Schweiz stehe vor einer Entscheidung: «Entweder haben wir in der halben Zeit einen 80-prozentigen Schutz für alle, die das wollen. Oder wir warten doppelt so lange auf eine wirksame Immunität, weil wir die Hälfte des Impfstoffs für Zweitimpfungen reservieren müssen», so Widmer.

Madeleine Schoder/Tamedia

Darum gehts

  • Bis der Effekt der Impfung in der Schweiz greift, soll es noch drei Monate dauern, befürchtet die wissenschaftliche Covid-Taskforce.

  • Es lohne sich deshalb, anstatt zwei Impfungen vorerst nur Erstimpfungen zu machen, rät der Präsident von Swissnoso.

  • Die Zulassungsbehörde Swissmedic weist allerdings daraufhin, dass für eine zeitliche Verlängerung zwischen erster und zweiter Impfung bisher keine gesicherten Daten vorliegen.

Mehr als zwei Millionen Impfdosen wurden bisher an die Kantone ausgeliefert, 1,6 Millionen davon bereits verimpft (Stand 4. April). Trotzdem wird es laut Martin Ackermann, Präsident der Covid-Taskforce des Bundes noch drei Monate dauern, bis der Effekt der Impfungen in der Schweiz greifen wird. Damit dürfte sich auch die weitgehende Lockerung der Massnahmen nach hinten verschieben: «Die Herdenimmunität ist Voraussetzung für die Normalisierung des Lebens», sagte Patrick Mathys vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) am Mittwoch.

Geht es nach Andreas Widmer, emeritierter Professor am Unispital Basel und Präsident des nationalen Zentrums für Infektionsprävention Swissnoso, könnte die Schweizer Bevölkerung mit gut tragbaren Risiko deutlich schneller geimpft werden: «Neue Erkenntnisse zeigen, dass der Impfschutz bereits nach der ersten mRNA-Impfung rund 80 Prozent beträgt. Ausserdem lässt der Impfschutz nicht so schnell nach, wie ursprünglich erwartet.»

«Wir könnten wirksame Immunität in der halben Zeit erreichen»

Widmer schlägt vor, dass jetzt sämtlicher Impfstoff verwendet wird, um Erstimpfungen durchzuführen. «Wir können jetzt entscheiden: Entweder haben wir in der halben Zeit einen 80-prozentigen Schutz für alle, die das wollen. Oder wir warten doppelt so lange auf eine wirksame Immunität, weil wir die Hälfte des Impfstoffs für Zweitimpfungen reservieren müssen und dieser nicht sofort für weitere Impfungen verfügbar ist.» Angesichts der immensen Auswirkungen und Kosten der aktuellen Einschränkungen ist für Widmer die erste Variante klar zu favorisieren.

In Grossbritannien wird schon länger erfolgreich nach diesem Vorgehen geimpft, auch in Deutschland wird der Ruf nach mehr Erstimpfungen lauter (siehe unten).

«Es könnte noch schlimmere Ausschreitungen als in St. Gallen geben»

Das hätte gemäss dem Swissnoso-Präsidenten neben dem gesparten Geld weitere Vorteile: «So könnten auch Jüngere, die das wollen, noch im Mai eine erste Impfung erhalten. Wenn alles nach Plan läuft, hätten sie noch vor den Sommerferien die zweite Impfung hinter sich. Warten wir zu, besteht das Risiko, dass nur ältere Personen reisen werden können. Das könnte den Frust bei den Jungen deutlich erhöhen, es wären noch schlimmere Szenen als kürzlich in St. Gallen zu befürchten.»

Das BAG verweist auf Anfrage an Swissmedic: «Aktuell basiert die Impfempfehlung auf deren Zulassungsdaten. Wir beobachten mit der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (EKIF) die Datenlage und prüfen laufend mögliche Anpassungen der Impfempfehlung auf Basis neuer Erkenntnisse.» Exakt dieselbe Antwort gibt EKIF-Präsident Christoph Berger und ergänzt: «Die EKIF ist sich der dritten Welle bewusst und evaluiert auch in diesem Zusammenhang den bestmöglichen Einsatz der zur Verfügung stehenden Impfstoffe.»

Swissmedic ist von Daten der Impfstoffhersteller abhängig

Swissmedic beruft sich auf die Studien, die durchgeführt wurden, als die Empfehlungen zu den Impfabständen gemacht wurden: «Aus den Resultaten hat sich ergeben, dass sieben beziehungsweise 14 Tage nach der zweiten Dosis ein 95-prozentiger Schutz erreicht wird, wenn ein Abstand zwischen den beiden Dosen von 21 beziehungsweise 28 Tagen eingehalten wird», sagt Mediensprecher Alex Josty. Aktuell lägen keine gesicherten Daten vor, die eine Verlängerung des Impfabstands auf drei Monate erlauben würden.

Eine solche Entscheidung könne nur getroffen werden, wenn neuere Daten oder Studien vorlägen. Ob das in absehbarer Zeit passieren werde, lässt Josty offen: « Die Firmen entscheiden, wann bestimmte Daten eingereicht werden. Einmal bei Swissmedic eingereicht, werden diese wie bis jetzt prioritär begutachtet und die Entscheidung wird schnell getroffen.» Eine Änderung der Impfstrategie der Schweiz ist letztlich also abhängig von den Impfstoff-Herstellern.

Widmer spricht von einem «rechtlichen Korsett», in dem die Entscheidungsträger sich befänden: «Ich schätze das Risiko, dass etwas schiefgehen könnte, auf unter fünf Prozent. Sollten wir aber aus welchen Gründen auch immer tatsächlich über drei Monate keinen Impfstoff mehr für Zweitimpfungen geliefert bekommen, muss irgendjemand die Verantwortung übernehmen. Ausserdem muss sichergestellt werden, dass die zweite Impfung nicht ganz vergessen wird.» Deshalb traue sich jetzt niemand, diese etwas riskantere Strategie mit viel grösseren Aussichten auf einen schnellen Erfolg zu fahren.

«Wir könnten 10’000 Menschenleben retten»

Laut dem deutschen Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach könnten im Nachbarland im Falle einer schweren dritten Welle bis zu 10’000 Menschenleben gerettet werden, indem der Abstand zwischen den Impfungen auf zwölf Wochen verlängert wird. Das schreibt er auf Twitter. Auch Grossbritannien setzt auf die «One-Shot-Strategie». «Boris Johnson gibt an, dass dies weitere Öffnungen ermöglicht und er bereits am 12. April draussen im Pub ein Bier trinken will. Es ist ein schwieriger Entscheid, aber letztlich überwiegen die Vorteile die Risiken», sagt Widmer.

Deine Meinung

366 Kommentare
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Ardit.

09.04.2021, 20:28

Ich lasse mich vielleicht impfen ohne Impfung keine reisen ect

FreakShow_

09.04.2021, 09:26

Sucht mal auf dem Video Streaming Dienst YT nach "SRF Rundschau, 07. April 2010". Ist das etwa auch eine Verschwörungstheorie?

Eswird Sugeriert

09.04.2021, 07:30

dass alle dringend am warten sind auf die Dosen. Dabei stimmt das ja gar nicht. Warum ist das so? Freue mich auf Antworten.