14.09.2020 02:48

Schwere Vorwürfe gegen Zürcher Jugendheim «Wir kommen schlimmer raus, als wir rein sind»

Der 18-jährige J.D. war rund sechs Monate im Jugendheim Brüttisellen untergebracht. Wie der junge Mann sagt, gehören Drogenkonsum und fehlende Kontrollen dort zum Alltag.

von
Monira Djurdjevic
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J.D. war bis vor Kurzem im Landheim Brüttisellen in Bassersdorf-Baltenswil im Kanton Zürich untergebracht. 

J.D. war bis vor Kurzem im Landheim Brüttisellen in Bassersdorf-Baltenswil im Kanton Zürich untergebracht.

Nun erhebt der 18-Jährige schwere Vorwürfe gegen das Heim: «Was hier abläuft, ist eine Katastrophe. Die Jugendlichen benehmen sich daneben. Sie trinken, rauchen und konsumieren Drogen.»

Nun erhebt der 18-Jährige schwere Vorwürfe gegen das Heim: «Was hier abläuft, ist eine Katastrophe. Die Jugendlichen benehmen sich daneben. Sie trinken, rauchen und konsumieren Drogen.»

Ein weiteres Problem für den 18-Jährigen: «Wir haben keine richtige Anlaufstelle. Niemand nimmt uns ernst.» 

Ein weiteres Problem für den 18-Jährigen: «Wir haben keine richtige Anlaufstelle. Niemand nimmt uns ernst.»

Darum gehts

  • Ein 18-Jähriger erhebt schwere Vorwürfe gegen das Jugendheim Brüttisellen.
  • Im Heim würden chaotische Zustände herrschen.
  • Der Heimleiter nimmt Stellung dazu.


Chaotische Zustände, keine Kontrollen und inkompetente Mitarbeiter – das sind schwere Vorwürfe, die der 18-jährige J.D.* gegen das Jugendheim Brüttisellen in Bassersdorf-Baltenswil im Kanton Zürich erhebt. Rund sechs Monate war der junge Mann dort. Dazu sagt er: «Was hier abläuft, ist eine Katastrophe. Die Jugendlichen benehmen sich daneben. Sie trinken, rauchen und konsumieren Drogen.»

Einige seien gar bewaffnet. «Mein Zimmernachbar hatte eine Waffe unter dem Kissen versteckt. Ich habe mich wirklich unwohl gefühlt, hatte teilweise sogar Angst», so D. Das Schlimmste für den 18-Jährigen: «Die Mitarbeiter machen nichts dagegen und tolerieren ein solches Fehlverhalten.»

Ein weiteres Problem für den 18-Jährigen: «Wir haben keine richtige Anlaufstelle. Niemand nimmt uns ernst. Wir werden wie das «letzte Pack» behandelt und sind komplett auf uns alleine gestellt.» Er selbst habe sich schon bei der Heimleitung wie auch bei einer behördlichen Stelle des Kantons Zürich beschwert, wie er sagt. Jedoch ohne Erfolg: «Das interessiert die nicht. Die machen nur ihren Papierkram.»

Für die Resozialisierung ins Heim

Dass er selbst kein «Unschuldslamm» ist, weiss D. Auch er habe in der Vergangenheit viel «Seich» gemacht, wie er sagt. Wegen Raub- und Drogendelikten wurde der junge Mann, der eine Lehre als Landschaftsgärtner anfing und wieder abbrach, nach Jugendstrafrecht verurteilt. Letztes Jahr im November wurde er dann ins AH Basel fremdplatziert, wo er 81 Tage verbrachte. Danach kam er ins Jugendheim Brüttisellen: «Sie sagten mir, dass man mir hier helfen werde und ich die nötige Therapie bekomme.»

Um einen Lehrabschluss zu erhalten, hätte er zudem im Sommer eine Ausbildung zum Haustechniker beginnen sollen. «Bis dahin arbeitete ich in der Stiftung, was ich auch ganz ok fand», sagt D. Weniger gut seien hingegen die Therapie-Sitzungen abgelaufen: «Die gingen nicht auf mich ein. Es lief alles so halbpatzig ab. Vorschläge, die ich machte, wurden nicht umgesetzt.»

Unterbringung als zweite Chance

Dabei hätte sich der 18-Jährige von der Unterbringung im Heim so viel mehr erhofft: «Ich sah das als eine Chance, mich auf das Leben draussen vorzubereiten und mich zu bessern.» Nun aber sagt er: «Drinnen ist es schlimmer als draussen. Wäre ich auf der Strasse geblieben, wäre ich besser aufgehoben.» Denn in der Zwischenzeit sei nicht nur seine Psyche angeschlagen, auch hätte er wegen der fehlenden Kontrollen im Heim wieder angefangen zu kiffen. Sein Fazit: «Wir kommen nach einem solchen Aufenthalt im Heim schlimmer raus, als wir reingegangen sind.»

Er selbst wurde in der Zwischenzeit aus dem Jugendheim freigestellt. Er glaubt zu wissen warum: «Ich habe Vieles kritisiert und hinterfragt. Das hat ihnen nicht gepasst.» Besonders bitter für den 18-Jährigen: «Ich habe mich wirklich kooperativ gezeigt und wollte mein Leben wieder in den Griff bekommen.» Wie es nun mit ihm weitergeht, weiss er nicht: «Ich wohne zurzeit bei meiner Freundin und warte ab, was die Jugendanwaltschaft entscheidet.» Diese Ungewissheit mache ihm Angst: «Das Schlimmste für mich wäre, wenn sie mich einfach irgendwo wieder versorgen würden.»

Zimmerdurchsuchungen bei Verdacht

Wie der Leiter des Jugendheims Brüttisellen, Sascha Rittel, auf Anfrage erklärt, sei der Drogenkonsum wie auch der Besitz von Waffen oder waffenähnlichen Gegenständen «selbstverständlich verboten und verstosse gegen die jedem Jugendlichen geläufige Hausordnung.» Er fügt an: «Tauchen solche Dinge mal auf, was durchaus vorkommen kann, werden sie sofort eingezogen. Der Jugendliche wird gegebenenfalls auch verzeigt.» Sanktionen, wie gekürzte Ausgangszeiten, Taschengeldabzug oder Zusatzaufgaben für die gesamte Gruppe, werden je nach Regelverstoss möglichst individuell ausgesprochen, so Rittel.

Zu den Kontrollen meint der Heimleiter: «Bei Verdacht finden die Zimmerdurchsuchungen immer im Beisein des Jugendlichen statt.» Zudem würden permanente Beobachtungen und ständige Interventionen wie Konfrontieren und Grenzsetzungen bestehen. Er sagt aber auch: «Sicherlich ist ein offenes Jugendheim immer auch ein Spiegelbild von Jugendkulturen, eher sogar ein Brennglas, da dort die Gefährdungen adoleszenter Entwicklungen verstärkt und konzentriert auftauchen.»

Landheim Brüttisellen

Das Landheim Brüttisellen befindet sich in Bassersdorf-Baltenswil im Kanton Zürich. Insgesamt sind es 22 Jugendliche, die dort teilweise über mehrere Jahre wohnen und betreut werden. Wie Heimleiter Sascha Rittel erklärt, weisen die im Landheim platzierten Jugendlichen diverse schwierige Verhaltensmuster auf.

Das Landheim ist laut Rittel eine klassische Non-Profit-Organisation. Die Kosten für die Unterbringung eines Jugendlichen belaufen sich auf 300 bis 700 Franken. Dazu sagt Rittel: «Die Massnahme ist auf den ersten Blick teuer, wenn man aber sieht, was eine erfolgreiche Massnahme an künftigen Kosten für den Sozialstaat einspart, ist sie wiederum verhältnismässig günstig und lohnenswert.» Die Finanzierung erfolgt durch die zuweisenden Behörden, IV und Elternbeiträge sowie Subventionen durch das Amt für Jugend und Berufsberatung AJB und das Bundesamt für Justiz BJ.

Ziel jeder Massnahme sei es, «den Jugendlichen möglichst gut auf ein eigenständiges Leben nach dem Heim vorzubereiten», erklärt Rittel. Dabei hätten im letzten Jahr fünf Jugendliche ihre Lehre abgeschlossen. «Im Jahr davor waren es sogar acht. Bei gesamthaft 22 Plätzen für Jugendliche, die bei uns während zwei bis vier Jahren eine Ausbildung absolvieren, ist das eine gute Quote.» Für alle konnten zudem Anschlusslösungen auf dem Arbeitsmarkt und im Bereich «Wohnen» aufgegleist werden, so Rittel.

Um dies zu erreichen, werde im Heim viel Wert auf die tägliche Struktur gelegt, erklärt der Heimleiter. Ebenso sei die Psychotherapie ein fester Bestandteil des Angebots: «Dieses decken wir intern mit zwei Jugendpsychiatern ab, die den Jugendlichen beratend zur Seite stehen.» Manche Jugendliche hätten aber auch externe psychiatrische und psychologische Therapien, so Rittel.

«Ansprechpartner sind immer anwesend»

Im Heim arbeite man zudem mit einem Bezugspersonensystem. «Ansprechpartner sind immer anwesend und auch auf den höheren Hierarchiestufen der Heimorganisation für Beschwerden verfügbar.» Rittel betont: «Das galt auch für den 18-Jährigen. Seine persönlichen und kritischen Einschätzungen nahmen wir selbstverständlich ernst.» Aus Gründen des Persönlichkeits- und Datenschutzes könne er aber keine detaillierten Angaben zur sozialpädagogischen Arbeit mit dem Jugendlichen machen. Ebenso dürfe er sich nicht zum weiteren Platzierungsverlauf äussern.

Wie die zuständige Behörde, das Amt für Jugend und Berufsberatung (AJB) Kanton Zürich, auf Anfrage sagt, hätte das Landheim Brüttisellen den Vorfall zeitnah gemeldet. Dazu heisst es: «Die Vorwürfe, dass es im Landheim chaotisch zu und her gehe, betreffen die Zeit während des Lockdown. Diese Situation stellte für viele soziale Gefüge – und somit auch die Kinder- und Jugendheime – eine grosse Herausforderung dar.»

Amt für Jugend und Berufsberatung

Das Amt für Jugend und Berufsberatung (AJB) beaufsichtigt die Kinder- und Jugendheime im Kanton Zürich. Es gibt im Kanton Zürich rund 70 Kinder- und Jugendheime mit Plätzen für Kinder ab Geburt bis Volljährigkeit unter der Aufsicht des Amt für Jugend und Berufsberatung (AJB). Pro Jahr nutzen über 2000 Kinder und Jugendliche – zumindest zeitweise – ein solches betreutes stationäres Angebot.

Beim Fachverband Sozial- und Sonderpädagogik Integras kann man sich zum Fall des 18-jährigen nicht äussern. «Wir kennen weder die Einzelheiten, noch sind wir mit dem Fall vertraut.» Zum Jugendheim Brüttisellen sagt der Fachverband: «Unsere Mitglieder, wie unter anderem das Landheim Brüttisellen, verpflichten sich unserer Integras-Charta und haben dabei einen hohen Anspruch an die Fachlichkeit und Kompetenz ihrer Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.»

Zudem seien die Fachpersonen der Sozialen Arbeit in der Schweiz ihrem Berufskodex verpflichtet und würden durch die zuständigen kantonalen Behörden beaufsichtigt. Das ist laut Integras besonders wichtig, da den Kinder- und Jugendheimen eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe zukomme.

*Name der Redaktion bekannt

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