04.04.2020 18:26

Sonderkurs im Kampf gegen Corona

«Wir kontrollieren uns in Schweden selbst»

Im Kampf gegen das Coronavirus setzt Schweden auf eine Durchseuchung der Bevölkerung statt auf einen Lockdown. Eine Schweizerin, die mit ihrer Familie dort lebt, erzählt.

von
Qendresa Llugiqi
1 / 8
Anders als andere europäische Länder legt Schweden nicht weite Teile des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft still. So kann man immer noch shoppen gehen. Dieses Bild zeigt Stockholm am Donnerstag, 2. April 2020.

Anders als andere europäische Länder legt Schweden nicht weite Teile des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft still. So kann man immer noch shoppen gehen. Dieses Bild zeigt Stockholm am Donnerstag, 2. April 2020.

Fredrik Sandberg
Ein Bier mit Freunden ist dort – trotz Corona – noch möglich.

Ein Bier mit Freunden ist dort – trotz Corona – noch möglich.

Janerik Henriksson
Am Mittwoch (1. April 2020) machten viele Stockholmer Sport in einem öffentlichen Gymnastik-Park.

Am Mittwoch (1. April 2020) machten viele Stockholmer Sport in einem öffentlichen Gymnastik-Park.

Keystone/Jessica gow / tt

Durchseuchung statt Lockdown – anders als andere europäische Länder legt Schweden nicht weite Teile des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft still. Das Leben soll auch zu Corona-Zeiten normal weitergehen. So sind etwa Kitas und Schulen bis zur 9. Klasse offen, auf Spielplätzen darf noch getobt werden und auch ein Bier mit Freunden ist möglich. Das Land vertraut auf die Eigenverantwortung seiner Bürger und setzt auf eine Durchseuchung der Bevölkerung. Das Ziel: eine gewisse Herdenimmunität. Zuvor sind auch die Briten und die Niederländer diesen Weg gegangen, haben dann aber eine Kehrtwende gemacht. Dort wurde das öffentliche Leben mittlerweile drastisch heruntergefahren, so wie auch in der Schweiz seit mehreren Wochen.

Eine Schweizerin (37), die mit ihrer Familie in Schweden lebt und sich täglich über die Corona-Situation in der Schweiz informiert, macht einen Vergleich.

Wie war Ihr Leben in Schweden bisher?

Mein Mann, der Schwede ist, und ich sind vor drei Jahren von Zürich in die Region Stockholm gezogen, weil wir das Gefühl hatten, dass sich Karriere und Familie hier besser unter einen Hut bringen lassen. Wir haben zwei Töchter, sechs und drei Jahre alt. Bisher waren wir sehr zufrieden.

Was hat sich in Schweden jetzt in der Corona-Krise verändert?

Viele im Ausland haben das Gefühl, dass die Schweden die Corona-Krise nicht ernst nehmen, beziehungsweise der Staat alle ins offene Messer rennen lässt. Wenn man beispielsweise die von der Schweiz getroffenen Massnahmen und jene von Schweden vergleicht, scheint sich dieser Eindruck im ersten Augenblick zu bewahrheiten. Doch der Eindruck trügt.

Inwiefern?

Die Leute nutzen die Freiheit, die ihnen der schwedische Staat lässt, nicht aus. Obwohl Läden und Restaurants offen haben, hat es wenig Leute. Ich habe das Gefühl, dass es an der schwedischen Mentalität liegt: Hier muss nicht zuerst der Staat mit dem Mahnfinger kommen. Die Schweden kontrollieren sich selbst und übernehmen Verantwortung. Gleichzeitig sind sie so rücksichtsvoll, dass sie an die gefährdeten Mitmenschen denken.

Wie würden Sie denn die Stimmung in Schweden generell beschreiben?

Mein Eindruck ist, dass viele Schweden positiv eingestellt sind und der Glaube an den Staat und die Institutionen hoch ist. Sowie der Staat seinen Bürgern eine hohe Mündigkeit zutraut.

Und Sie? Stehen Sie als Schweizerin auch hinter dem schwedischen Kurs «Durchseuchung der Bevölkerung»?

Ich bin skeptisch. Ich frage mich, ob das schwedische Gesundheitssystem die Kapazität hat, die Erkrankten zu behandeln, falls die Kurve der Infizierten weiterhin so exponentiell ansteigt. Nicht zuletzt deswegen, weil Schweden gemäss «Financial Times» im europäischen Vergleich am zweit schlechtesten abschneidet, wenn es um Intensiv-Behandlungsplätze per Einwohner geht. Nur Portugal ist schlechter aufgestellt.

Inwiefern betrifft Corona euch als Familie?

Weil unsere ältere Tochter Diabetes hat, macht uns das schon etwas unsicherer als andere Menschen hier in Schweden. Vorsichtshalber haben wir uns seit Mitte März in Selbst-Quarantäne begeben. Wir sind vorübergehend in das Landhaus meiner Schwiegereltern gezogen, obwohl es heisst, dass die Menschen dort bleiben sollen, wo sie auch sonst leben. Weiter in Stockholm – dem schwedischen Corona-Hotspot – zu bleiben, war uns zu riskant.

Was ist mit dem Job und der Schule?

Mein Mann und ich arbeiten im Homeoffice, was ja auch hier empfohlen wird. Unsere älteste Tochter bekommt Distanzunterricht. Anders als andere Schulen in Schweden wurde ihre deutsche Schule aus Personalmangel geschlossen. Viele ihrer Lehrkräfte fallen ebenfalls in die Risikogruppe.

Fehlt Ihnen denn das soziale Leben?

Vor allem das Kulturleben fehlt mir. Aber wir haben die Kultur mit der Natur ersetzt. Ausserdem finde ich es begrüssenswert, dass wir etwas entschleunigen können. Die Frage ist nur, wie lange wir konsequent sein können.

Fehler gefunden?Jetzt melden.