Aktualisiert 19.10.2012 16:53

Punk's not dead«Wir lassen uns nicht von einer Jury massregeln!»

Ein Psychobilly-Musiker geht zu «Voice of Germany», und was passiert? Gelinde gesagt: Die Kacke ist am Dampfen. Ein Fazit im Voraus: Finger weg von Casting-Shows!

von
Oliver Baroni

Gestern Abend, auf Pro7; es läuft die erste Folge der neusten Staffel von «The Voice of Germany». Ein sympathisch aussehender junger Amerikaner tritt ans Mikro und gibt eine Version von «I Follow Rivers» zum Besten (Video). Und das gar nicht schlecht – eine rauhe, direkte Singstimme hat der Herr, ohne das übliche Talentshow-affine Uuh-Ooh-Gesäusel. Kurz sieht es danach aus, als wollten die Boss-Hoss-Jungs den roten Taster drücken, doch letztendlich bleibt es aus. «Wir sind im Moment eher verliebt in die ruhigeren Töne», so Juror Xavier Naidoos Begründung. Jaja. Aus und vorbei für Matt Voodoo - so heisst der Herr -, der die Niederlage locker wegsteckt und Backstage von Freundin Roxy in die Arme genommen wird. «Für seine Roxy bleibt Matt die Nummer eins», so das Voiceover.

«Kurz und schmerzlos»

Casting-Show-Alltag im deutschen Farbfernsehen? Durchaus. Ausserhalb davon, in der realen Welt des Rock'n'Rolls, herrscht helle Aufregung. Denn Matt Voodoo ist nicht irgendein Teenie, dessen musikalische Erfahrungen sich darauf beschränken, sämtliche Staffeln «DSDS» verfolgt zu haben, sondern Gitarrist bei der alt-ehrwürdigen Berliner Psychobilly-Kultband Mad Sin. Verzeihung, er WAR Gitarrist bei Mad Sin, denn auf der offiziellen Website der Band wurde das folgende Statement veröffentlicht:

«Hallo Leute, leider müssen wir Euch mitteilen, dass Matt Voodoo ab sofort nicht mehr festes Mitglied von MAD SIN ist. Der Grund ist kurz und schmerzlos der folgende: Matt überraschte uns alle gegen Ende der letzten Woche mit der Nachricht, dass er sich kürzlich im Rahmen der TV-Talentshow ‹The Voice Of Germany› probiert hat und seine Performance in absehbarer Zeit auch ausgestrahlt werden würde. Dass sich solche TV-Formate unter keinen Umständen mit dem Selbstverständnis von MAD SIN vereinbaren lassen, dürfte jedem, der sich mal etwas intensiver mit uns beschäftigt hat, klar sein.»

Ka-BLAM! Da soll aber niemand behaupten, die Jungs würden nicht zu ihren Prinzipien stehen! Matt selbst antwortete mit einem längeren Statement auf seiner Facebook-Page. Darin erklärt er, wie die «Vocie»-Idee als «besoffener Witz» ihren Anfang nahm und dann unerwartet mehr Erfolg zeitigte als zunächst angenommen. Dabei zeigt er sich locker distanziert: «Eigentlich solltet ihr euer TV kaputthauen, denn diese Scheisse verfault eure Hirne – solltet ihr jedoch euch dagegen entscheiden und heute mal reinschauen wollen, dann nehmts nicht für bare Münze, sondern mit Humor. Genau so hab ichs getan.» Er habe niemals Mad-Sin-Fans enttäuschen wollen, so Matt weiter, «ihr bedeutet mir was».

Matts Freundin, die Burlesque-Künstlerin Roxy Diamond (die in ihrem heimatlichen Zürich auf den Namen Nadine hört), geht mit den Psychobillies etwas härter ins Gericht: «Dass Junkies, die von Hartz IV leben, über andere urteilen, die tatsächlich versuchen einen Lebensunterhalt zu verdienen, ist verdammt lächerlich», schreibt sie auf ihrem Facebook-Profil. Ja, sie habe ursprünglich die Idee gehabt – aus Jux, mehr nicht. Niemand habe aus Matt einen Popstar machen wollen.

Keine Gewinner

Alle Sichtweisen sind verständlich. Einer Band, die Jahrzehnte lang ihr Herzblut in ihre Musik steckt und kompromisslos zu ihrem Sound steht, gebührt Respekt. «Wir lassen uns nicht von einer wie auch immer bestückten Jury massregeln», heisst es unter anderem im offiziellen Statement. Logisch, dass sie nicht wollen, dass eine Kommerz-Sendung sie im Vorbeigehen als durchgeknallte Punks abstempelt, nur um ein Kurzporträt eines Kandidaten etwas aufzupeppen («Voice» hatte bereits beim Label der Band für ein Pressefoto angefragt). Der Rauswurf ist eine sehr harte, aber letztendlich konsequente Reaktion.

Andererseits kann man Matt und Roxy auch keine üble Absicht vorwerfen. Beide ziehen ihr Ding als Künstler durch. Die «Voice»-Idee war wirklich nur als Scherz gedacht, und wenn Matt wider Erwarten in die erste Casting-Runde kommt, wieso soll ers nicht gleich mal weiter probieren – zumal er die Sache locker und mit einer gesunden Portion Distanz angeht. Okay, dass er seine Teilnahme der Band offenbar nicht mitgeteilt hat, ist in der Tat ungeschickt.

Finger weg!

Letztendlich kann man niemandem böse sein. Eines ist aber sicher: Vorsicht vor der zerstörerischen Kraft von Casting-Sendungen! Die sind Gift für jeden wahren Künstler. Aus einem Scherz kann schnell mal ein Shitstorm werden. Ein Trost bleibt: Allzu lange werden sich alle Beteiligten nicht von dieser unschönen Episode aufhalten lassen. Das nächste Mad-Sin-Album kommt bestimmt und es wird garantiert grossartig kompromisslos wie eh und je.

Ach ja - wer Mad Sin zum letzten Mal mit Matt Voodoo in Aktion erleben will, kann heute Freitagabend im Zürcher Dynamo vorbeischauen. Dort treten die Jungs auf. Rock and Roll, baby!

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