31.07.2020 02:51

Steigende Fallzahlen

«Wir laufen Gefahr, in einen zweiten Lockdown zu geraten»

Maskenpflicht und Gäste-Obergrenze in Clubs: Der Bund fordert die Kantone zum Handeln auf. Reagierten sie nicht, werde der Bundesrat ein Machtwort sprechen müssen, sagt ein Gesundheitsökonom.

von
Daniel Waldmeier, Bettina Zanni
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«Einige Kantone haben nicht verstanden, dass die volkswirtschaftlichen Schäden bei einem erneuten Lockdown noch viel grösser wären», sagt Gesundheitsökonom Willy Oggier.

«Einige Kantone haben nicht verstanden, dass die volkswirtschaftlichen Schäden bei einem erneuten Lockdown noch viel grösser wären», sagt Gesundheitsökonom Willy Oggier.

Foto: Keystone
Für Willy Oggier zeigt sich in der Pandemie ein Systemversagen in der Schweiz: «Die Kantonsregierungen sind vom Volk gewählt. Darum zaudern sie bei unpopulären Entscheiden, weil sie die Wiederwahl im Hinterkopf haben.»

Für Willy Oggier zeigt sich in der Pandemie ein Systemversagen in der Schweiz: «Die Kantonsregierungen sind vom Volk gewählt. Darum zaudern sie bei unpopulären Entscheiden, weil sie die Wiederwahl im Hinterkopf haben.»

Foto: Keystone
BAG-Chef Strupler empfahl aufgrund der steigenden Fallzahlen eine Maskenpflicht in allen Läden oder in allen öffentlich zugänglichen Innenräumen, eine Obergrenze von 100 Personen in Clubs sowie eine Erfassung der Gästedaten in Restaurants.

BAG-Chef Strupler empfahl aufgrund der steigenden Fallzahlen eine Maskenpflicht in allen Läden oder in allen öffentlich zugänglichen Innenräumen, eine Obergrenze von 100 Personen in Clubs sowie eine Erfassung der Gästedaten in Restaurants.

Foto: Keystone

Darum gehts

  • Die Zahl der Neuinfektionen in der Schweiz schiesst in die Höhe. Das BAG empfiehlt den Kantonen weitere Massnahmen wie eine Maskenpflicht in allen Läden.
  • Gesundheitsökonom Willy Oggier warnt vor einem erneuten Lockdown, ziehe die Schweiz
    die Schraube nicht an.
  • Geschlafen werde in keinem Kanton, betonte BAG-Boss Pascal Strupler.

Die Maskenpflicht könnte bald auch ausserhalb des ÖV zum Zug kommen. Am Donnerstag forderte der Bund die Kantone zum Handeln auf. BAG-Chef Pascal Strupler empfahl aufgrund der steigenden Fallzahlen eine Maskenpflicht in allen Läden, eine Obergrenze von 100 Personen in Clubs sowie eine Erfassung der Gästedaten in Restaurants.

Gegenüber 20 Minuten begrüssen mehrere Fachleute den Appell des Bundes. Für Gesundheitsökonom Willy Oggier kommt er aber zu spät. «Die Fallzahlen hinken den Ansteckungen immer hinterher. Wenn wir nicht die Schraube anziehen, laufen wir Gefahr, in einen erneuten Lockdown zu geraten.»

«Systemversagen zeigt sich»

Für ihn zeigt sich in der Pandemie ein Systemversagen in der Schweiz: «Die Kantonsregierungen sind vom Volk gewählt. Darum zaudern sie bei unpopulären Entscheiden, weil sie die Wiederwahl im Hinterkopf haben.» Die Kantonsregierungen täten sich auch darum schwer damit, Öffnungen rückgängig zu machen, weil der Druck der Wirtschaft gross sei. «Einige Kantone haben nicht verstanden, dass die volkswirtschaftlichen Schäden bei einem erneuten Lockdown noch viel grösser wären.»

Dabei seien die Forderungen des BAG noch «brav». «Die erweiterte Maskenpflicht kennen andere Länder schon längst. Ringen sich die Kantone nicht bald zum Handeln durch, wird der Bundesrat wieder eingreifen und die ausserordentliche Lage ausrufen müssen.» Auch der Tessiner Infektiologe Christian Garzoni sagt: «Die Masken und die Obergrenze in Clubs haben praktisch keine Nebenwirkungen und sind überfällig.» Sie würden noch stärkere Massnahmen verhindern.

«Verantwortung nicht abschieben»

Geht es nach Marcel Tanner, Epidemiologe der wissenschaftlichen Covid-Taskforce des Bundes, sollten die Kantone und «wir alle» schnell handeln. «Jetzt ist sicher Pragmatismus gefragt. Alle sitzen im gleichen Boot. Lösungen sollen nicht in einer Woche, sondern schon morgen umgesetzt werden», sagt Tanner. Es sei der falsche Zeitpunkt, um Rollen und Verantwortungen einander abzuschieben.

Er würde es auch begrüssen, wenn sämtliche Grossverteiler sofort für die Kunden eine Maskenpflicht einführen würden. «So gingen sie mit gutem Beispiel voran. Andere Läden würden bestimmt automatisch nachziehen.» Auch an öffentlichen Orten wie in Bahnhofshallen erachte er eine Maskenpflicht als sinnvoll.

Rudolf Hauri, Präsident der Vereinigung der Kantonsärzte und Kantonsärztinnen der Schweiz, wehrte sich an der Medienkonferenz gegen den Vorwurf, nichts zu tun. Die Kantone würden die empfohlenen Massnahmen prüfen und sich abstimmen. Es handle sich um eine differenzierte Strategie, sagte er. «Die Kantone versuchen, lagegerecht zu handeln. Es hat keinen Sinn, strenge Massnahmen durchzusetzen, wenn sie fast keine Fälle haben.» BAG-Boss Pascal Strupler betonte: «In keinem der Kantone wird geschlafen.»

Das sagen die Grossverteiler

Die Migros beobachtet die Situation. Man folge den Weisungen der Kantone, sagt Migros-Sprecher Tristan Cerf. Dabei bezieht er sich auf die bereits umgesetzte Maskenpflicht beim Einkaufen in Genf, im Jura und in der Waadt. «Wir setzen bei unseren Schutzkonzepten vor allem auf Abstandhalten und Handhygiene. Dies war bis jetzt sehr erfolgreich.» Sollte die Maskenpflicht kommen, würde die Migros diese selbstverständlich umsetzen. Ähnlich klingt es bei Coop. «Bei einer allfälligen Maskenpflicht in den Verkaufsstellen sind wir schweizweit vorbereitet», sagt Rebecca Veiga, Leiterin der Medienstelle.

Drei verschiedene Lagen

Das Epidemiengesetz sieht in der Schweiz drei verschiedene Stufen vor. Je nach Lage hat der Bundesrat mehr oder weniger Kompetenzen. Derzeit gilt nach der ausserordentlichen wieder die besondere Lage.

Normale Lage

In der normalen Lage sind grundsätzlich die Kantone für das Anordnen von Massnahmen zur Verhütung und Bekämpfung von übertragbaren Krankheiten zuständig. Die Befugnisse des Bundes sind begrenzt. Sie umfassen etwa die Bereiche Information und Empfehlungen sowie Massnahmen bei der Ein- und Ausreise.

Besondere Lage

Der Bundesrat hat in einer besonderen Lage die Kompetenz, gewisse Massnahmen selbst anzuordnen. Zuerst hört der Bundesrat aber die Kantone an.

Ausserordentliche Lage

Sind bei einer ausserordentlichen Gefährdung der öffentlichen Gesundheit weitere Massnahmen notwendig, kann der Bundesrat diese gestützt auf das Epidemiengesetz anordnen, ohne die Kantone anzuhören. Diese Lage ermöglicht dem Bundesrat, ohne Grundlage in einem Bundesgesetz Polizeinotverordnungsrecht zu erlassen.

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797 Kommentare
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Lottaliese

01.08.2020, 12:24

Hmm...ist alles nicht so einfach . Auf eine Seite kann man verstehen das die Leute ihr normales Leben wieder wollen . Wir gehen arbeiten , schicken die Kinder zur Schule .. Hinzu kommt es ist Sommer unter der Maske hat man das Gefühl ner Sauna und man wartet auf den nächsten Aufguss. Aber irgendwie müssen wir uns , unsere Familie, Freunde und Mitmenschen schützen . Maske , Abstand und Hände waschen steht momentan einfach ganz oben

Realist

01.08.2020, 09:16

Klar doch, und das nächste Mal noch die Warenwirtschafts-Netze Komplet abwürgen, dass dann auch alle Angst bekommen.

Schweiz feiert Geburtstag

01.08.2020, 09:13

Vor dem vom Bundesrat verordneten Lockdown hatten die Kantone nichts zu sagen. Nur was BAG(Dr.Koch) befohlen hat, hat gegolten. Jetzt wo Koch weg ist, ist es im BAG und Gesamtbundesrat auffallend ruhig geworden, nachdem die Verantwortung den Kantonen abgegeben worden ist. Na ja,wir sind ein Land das zusammenhält und die Krise meistern werden. So Frau Bundespräsidentin!