Aktualisiert 30.06.2017 18:40

Städte-Ranking

«Wir leben sehr gut mit dem letzten Rang»

Im «Bilanz»-Städteranking landet Steffisburg BE auf dem letzten Platz. Der Gemeindepräsident hält nicht viel von dieser Einstufung.

von
Stefan Ehrbar
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Letzter in der Rangliste: Steffisburg BE landet im «Bilanz»-Ranking auf dem letzten Platz. Der Gemeindepräsident wehrt sich.

Letzter in der Rangliste: Steffisburg BE landet im «Bilanz»-Ranking auf dem letzten Platz. Der Gemeindepräsident wehrt sich.

zvg
Am vorderen Ende der Rangliste: Die Zürcher Stadt Horgen landet im «Bilanz»-Ranking wie im vergangenen Jahr auf Platz 15. In der Kategorie Steuerattraktivität schneidet Horgen besonders gut ab.

Am vorderen Ende der Rangliste: Die Zürcher Stadt Horgen landet im «Bilanz»-Ranking wie im vergangenen Jahr auf Platz 15. In der Kategorie Steuerattraktivität schneidet Horgen besonders gut ab.

Keystone/Alessandro Della Bella
Platz 14 geht an die Aargauer Stadt Lenzburg. Im Bild: Schloss Lenzburg.

Platz 14 geht an die Aargauer Stadt Lenzburg. Im Bild: Schloss Lenzburg.

Keystone/Gaetan Bally

Laut «Bilanz» ist Steffisburg die schlechteste Stadt des Landes. Das stört den Gemeindepräsidenten nicht, wie er im Interview verrät.

Herr Marti, zum wiederholten Mal ist Ihre Gemeinde die schlechteste Stadt der Schweiz. Was halten Sie davon?

Wir können mit dem letzten Rang sehr gut leben. Das Ranking hat für uns keine Relevanz. Es gibt eine Bewertung des Handels- und Industrievereins, die relevant ist und die wir anerkennen. Dort nehmen wir einen Spitzenplatz ein. Beim «Bilanz»-Ranking von Wüest und Partner merkt man, dass die Kenntnisse über die Region fehlen. Ich lade die Macher gerne zu uns ein, damit sie sich persönlich ein Bild machen können von unseren Qualitäten.

Was haben die Macher des Bilanz-Rankings vergessen?

Natürlich mussten sie messbare Kriterien heranziehen. Die Distanz zur nächsten Klubschule oder zum nächsten NLA-Club gilt dann als Indikator für die Lebensqualität. Aber ist das wirklich so? Unsere Bürger sind zufrieden. Sollen wir einen Fussballclub aus dem Boden stampfen oder unsere Gemeinde an den Zürcher Flughafen legen, damit wir im Ranking weiter vorne sind? Natürlich ist das für das Gewerbe gut. Aber viele Familien sind ganz froh, wenn nicht im Minutentakt Flugzeuge über ihre Häuser fliegen.

Worauf achten Sie denn, wenn nicht auf diese Kriterien?

Für unsere Bevölkerung sind andere Dinge zentraler. Wenn wir tatsächlich so schlecht für Familien wären – weshalb haben wir stabile Schülerzahlen? Weshalb attestiert uns unsere Pensionskasse eine höhere Lebenserwartung als im schweizerischen Schnitt? Uns geht es gut, das können wir auch mit unserer laufenden Ortsplanungsrevision und Meldungen aus der Bevölkerung dokumentieren.

Wieso liegen ihre Einschätzung und die der Bilanz so weit auseinander?

Weiche Faktoren werden im Ranking von Wüest und Partner nicht berücksichtigt. Die Experten haben eine Zürcher Goldküsten-Optik. Die Bilanz ist so etwas wie die «Schweizer Illustrierte» der Wirtschaft. Dagegen habe ich nichts, ich lese beide Titel gerne. Aber wirklich relevant ist das nicht. Man kann uns nicht einfach eins zu eins mit Zürcher Agglo-Gemeinden vergleichen. Das Bedürfnis, alles bewerten zu wollen, ist übrigens ein Wahn, der in den letzten Jahren stark zugenommen hat.

Die Stadt Zürich ist zum wiederholten Mal die Nummer 1. Wären Sie nicht lieber Zürcher Stadtpräsident?

(lacht) Wieso nicht? Das wäre sicher spannend! Aber ob die Zürcher Stadtpräsidentin am Ende des Tages glücklicher ist? Die Lebensqualität hier in Steffisburg ist hoch. Ich habe die Nähe zur Bevölkerung und eine wunderschöne Gemeinde. Ich fühle mich wohl hier.

Trotzdem: Es muss Ihnen ein Anliegen sein, steuerlich attraktiv zu sein und Unternehmen anzulocken.

Natürlich ist das ein Thema! Wir machen eine sehr aktive Bodenpolitik und damit Wirtschaftsförderung. Wir haben im Dorf Firmen von Weltrang. Wenn Sie heute einen Nespresso-Kaffee getrunken haben, wäre das nicht möglich gewesen ohne die Steffisburger Firma Rychiger AG.

Die Bilanz macht ein Städteranking, sie bezeichnen ihre Gemeinde aber als Dorf. Was stimmt denn nun?

Wir liegen direkt neben der Stadt Thun. Seit 1957 haben wir das Stadtrecht. Wir haben einen intakten Dorfkern, der die Identität prägt. Gleichzeitig ist der neuere Teil des Dorfs eher urban. Wir sehen uns als Verbindung zwischen Stadt und Land mit Elementen von beidem. Das ist eine gewaltige Qualität! Wenn ich Ihnen hier ein Häuschen anbieten könnte, ich garantiere Ihnen, sie würden nicht mehr wegwollen.

Jürg Marti (38) ist Gemeindepräsident von Steffisburg BE.

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