Beruf Steuerfahnder: «Wir machen auch Hausbesuche»
Aktualisiert

Beruf Steuerfahnder«Wir machen auch Hausbesuche»

Sie stehen in aller Herrgottsfrühe vor der Türe, stellen Verdächtigen das Haus auf den Kopf, lassen festnehmen: Deutschlands Steuerfahnder verbreiten Angst und Schrecken. Mit Erfolg.

von
Sandro Spaeth
Die Männer der Steuerfahndung kommen selten allein: In der Regel stehen sie zu fünft oder zu sechst vor der Tür.

Die Männer der Steuerfahndung kommen selten allein: In der Regel stehen sie zu fünft oder zu sechst vor der Tür.

Eigentlich sieht er ganz nett aus. Er trägt ein Karo-Hemd und eine dunkelbraune Lederjacke. Die Aktenmappe hat er lässig unter den Arm geklemmt. «Wir machen auch Hausbesuche», steht unter dem Bild von Chef-Ermittler Harald Küper auf der Website der Steuerfahndung des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Wehe, wenn er klingelt! Selbst Kinderzimmer oder Gartenhäuschen sind vor dem Beamten der Finanz-Kripo Münster nicht sicher. Sein Herz schlägt für die Steuergerechtigkeit.

Die Männer der Steuerfahndung kommen selten allein: «In der Regel stehen Fahnder zu fünft oder zu sechst vor der Tür», erzählt ein deutscher Steueranwalt im Gespräch mit 20 Minuten Online. Die geballte Staatsmacht komme zum Steuerpflichtigen – um ihn einzuschüchtern. Der Steuerfahnder ist ein Frühaufsteher: Im Sommer schlägt er ab vier in der Früh, im Winter ab sechs Uhr zu. Der Anwalt, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, erzählt, dass er mehrmals pro Jahr aus dem Bett geklingelt wird, wenn die Fahnder mit dem Durchsuchungsbefehl vor den Häusern seiner Klienten stehen. Wer sich schlafend stellt und hofft, die Beamten würden wieder abziehen, irrt. Die Ermittler kennen kein Pardon und brechen auch mal eine Türe auf.

Willkommener Medienrummel

Internationale Bekanntheit erlangten die deutschen Steuerfahnder Mitte Februar 2008. Sie fuhren noch im Morgengrauen in Mercedes-Limousinen mit abgedunkelten Scheiben vor die Villa des damaligen Chefs der Deutschen Post, Klaus Zumwinkel. Der langjährige Top-Manager wurde vor laufenden TV-Kameras verhaftet, Villa und Büro bis ins hinterste Eck nach Beweismaterial durchsucht. Der Vorwurf: Steuerhinterziehung über Stiftungen in Liechtenstein.

Die Steuerfahnder hatten den bevorstehenden Zugriff Journalisten gesteckt. «Medienrummel zu erzeugen gehört zum Repertoire der Beamten. Dadurch erhoffen sie sich Selbstanzeigen», erklärt der Steueranwalt. Zahlen muss der Sünder zwar immer noch, aber nur Steuern plus Zinsen. Bei der Selbstanzeige entfällt das Strafverfahren.

Der Fahnder trägt keine Waffe, denn er ist weder Polizist noch Soldat. Obwohl sein Leben nach Abenteuer tönt, ist er ein Beamter. Normalerweise hat der Finanz-Kripo-Fahnder eine Steuerbeamten-Ausbildung absolviert und gehört dem Finanzamt seines Bundeslandes an. In Deutschland gibt es rund 2500 Steuerfahnder. Ihr Basislohn beträgt rund 40 000 Euro pro Jahr. Geldverdienen ist für die Steueragenten aber nicht das Wichtigste, Geld eintreiben hingegen schon. «Die Leute sind mit Herz und Seele dabei», erzählt der Anwalt.

Tipps von Ehefrauen und Zöllner

Die Fahndungsbeamten sollten auf Grund ihrer Routine nicht unterschätzt werden. Sie sind psychologisch geschult. «Sich auf keinen Fall auf vermeintlichen Small Talk mit den Fahndern einlassen oder Auskunft zur Person geben», rät eine Hamburger Kanzlei in ihrem Leitfaden «Verhalten bei Erscheinen der Steuerfahndung». Dem Steuerfahnder den Zutritt zu verweigern ist hingegen zwecklos. Man kann die Beamten nur bis zum Eintreffen des gerufenen Anwalts aufhalten.

Auf die richtige Spur bringen den Fahnder meist nicht seine gute Spürnase, sondern Tipps aus der Bevölkerung. Mal ist es die gehörnte Ehefrau, die ihren Gatten verpfeift, mal ist es der Geschäftspartner, der plappert. Auch die Zöllner machen eine Meldung ans Finanzamt, wenn sie bei der Kontrolle von Autos auf nicht deklariertes Bargeld von über 10 000 Euro stossen.

Steuergerechtigkeit als Fremdwort

Die Finanzbeamten im Aussendienst – so wie unser Mann mit Karo-Hemd und Lederjacke – sind besonders effektiv. Im Schnitt treibe ein Steuerfahnder jährlich zusätzlich knapp eine Million Euro ein, schätzte die «Süddeutsche Zeitung» im Frühjahr 2010. Multipliziert man diesen Betrag mit der Anzahl Steuerfahnder, kommt man auf Einnahmen von 2,5 Milliarden Euro. Und unter dem eingangs beschriebenen Bild des Steuerfahnders aus Münster steht: Harald Küper sitzt nicht nur hinter dem Schreibtisch. Er besucht auch die Bürger, für die Steuergerechtigkeit nur ein Fremdwort ist.

Steuerfahnder im Visier

Für einmal stehen nicht die Steuersünder, sondern die Steuerfahnder am Pranger. Drei deutsche Steuerfahnder aus Wuppertal und Düsseldorf sind in der Schweiz zur Verhaftung ausgeschrieben. Ihre Skiferien sollten sie derzeit besser nicht in der Schweiz verbringen. Die Angeschuldigten sollen nachrichtendienstliche Wirtschaftsspionage begangen haben. Die Bundesanwaltschaft wirft den Fahndern vor, im Jahr 2010 den Ankauf einer Steuersünder-CD (mit Kundendaten der Credit Suisse) an das Bundesland Nordrhein-Westfalen mit ausgehandelt haben.

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