WWW-Erfinder: «Wir müssen alle lernen, Daten zu verschlüsseln»

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WWW-Erfinder«Wir müssen alle lernen, Daten zu verschlüsseln»

Tim Berners-Lee ist der Erfinder des World Wide Web. Gestern Abend wurde er in Rüschlikon mit dem Gottlieb-Duttweiler-Preis geehrt.

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tob
Setzt sich unermüdlich für ein Web ein, das allen offensteht: Sir Tim Berners-Lee erhält den Gottlieb-Duttweiler-Preis.

Setzt sich unermüdlich für ein Web ein, das allen offensteht: Sir Tim Berners-Lee erhält den Gottlieb-Duttweiler-Preis.

Sir Tim, haben sie vor 25 Jahren geahnt, welche Formen das World Wide Web dereinst annehmen würde?

Die Hits auf unserem ersten Server am CERN haben sich jedes Jahr verzehnfacht. Heute gibt es Milliarden Websites im Netz. Eine Art «Big Bang» in dem Sinne gab es aber nie. Ich habe einfach stets zugeschaut, wie das Web exponentiell immer weiter und weiter gewachsen ist.

Die erste Website im Internet hatte eine .ch-Endung. Können wir darauf stolz sein?

Das CERN ist wirklich ein verrückter Ort. Damals habe ich mit Akademikern und Physikern aus aller Welt in Genf zusammengearbeitet. Wir hatten bereits Bildschirme auf den Schreibtischen, als Computer noch nicht wirklich verbreitet waren. Die verschiedenen Computersysteme haben wir miteinander vernetzt, da wir Informationen austauschen mussten. Deshalb ist es sicher kein Zufall, dass die erste Website hierzulande online gegangen ist – darauf darf die Schweiz bestimmt ein bisschen stolz sein.

Heute überwachen nicht nur Behörden, sondern auch Firmen und Organisationen das Netz. Wie gefährlich ist diese Entwicklung für das Internet und unsere Gesellschaft?

Jeder weiss, dass es Realität ist. Jeder weiss, dass Behörden das Internet überwachen und ihre Möglichkeiten haben, um nach Kriminellen zu fahnden. Das ist ihr Job. Was die Leute beunruhigt, ist, dass ihre persönlichen Daten weiterverarbeitet werden. Wir müssen uns klar werden, dass die Überwachung hier und jetzt geschieht. Die Enthüllungen von Edward Snowden haben viele Leute wachgerüttelt. Jetzt müssen wir dafür kämpfen, dass das Internet ein offener Ort bleibt. Das geschieht in Bars, wo Leute über das Thema diskutieren, aber auch im europäischen Parlament oder in den USA.

Was kann ich persönlich gegen Überwachung tun?

Die Sicherheit von Computersystemen ist ein fortlaufender Kampf. Eine mögliche Lösung ist die Verschlüsselung per PGP. E-Mails können so zwar immer noch abgefangen, aber nicht mehr entziffert werden. PGP schützt nicht nur vor behördlicher Überwachung, auch vor kriminellen Organisationen oder schnüffelnden Firmen. Das ist eine Basis an IT-Sicherheit, die wir uns alle aneignen müssen.

Also einmauern?

Privatsphäre heisst nicht, sich einfach völlig abzuschotten. Wenn Sie zum Beispiel von einem Tram angefahren werden, zählen sie darauf, dass die Ärzte so schnell wie möglich an ihre medizinischen Daten gelangen. Wirklich wichtig ist, dass wir eine öffentliche Diskussion führen müssen, wer welche Daten nutzen kann und wer nicht. Forscher etwa zählen darauf, dass sie Zugriff zu grossen Datenbeständen erhalten.

Für die Begründung des World Wide Web haben Sie gestern den Gottlieb-Duttweiler-Preis erhalten (siehe Box). Über die Jahre hat das Internet viele zu Millionären gemacht. Sie haben auf Patente verzichtet, weshalb?

Wir haben heute ein Problem mit der grossen Lücke zwischen Milliardären und normalen Menschen. Das ist etwas Neues. Ich bin ein Kind der 60er- und 70er-Jahre. Als ich aufgewachsen bin, waren wir daran, die Welt in einen gerechteren Ort zu verwandeln.

GDI ehrt Tim Berners-Lee

Er hat einen grossen Beitrag zum mächtigsten Kommunikationskanal überhaupt beigetragen. Der britische Physiker und Informatiker Sir Tim Berners-Lee gilt als Vater des World Wide Web (WWW) und Erfinder der Hypertext Markup Language (HTML). Er ist Vorsteher des WWW-Consortium (W3C) und unter anderem Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT). 1996 ging unter seiner Leitung am CERN, wo er arbeitete, der erste Webserver online.

Tim Berners-Lee ist der zwölfte Träger des Gottlieb-Duttweiler-Preises. Die Übergabe fand am 29. April in Rüschlikon statt. Vor Berners-Lee wurde der Preis bereits an Wikipedia-Gründer Jimmy Wales oder Friedensnobelpreisträger Kofi Annan verliehen.

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