Exotische Stechmücken : «Wir müssen die Situation gut beobachten»
Aktualisiert

Exotische Stechmücken «Wir müssen die Situation gut beobachten»

Mit Containern und Flugzeugen wurden sie in Europa eingeschleppt: exotische Moskitos – und mit ihnen tropische Krankheiten wie Dengue- oder das West-Nil-Fieber. Experten sind besorgt.

von
Runa Reinecke

Nirgends schmeckt ein kühles Getränk nach einem heissen, sonnigen Tag besser als an der frischen Luft. Doch während wir gelassen an der Erfrischung nuckeln, wittern Stechmücken die Chance, ihren Durst bei uns zu löschen. Was uns in der Einstichstelle bleibt, ist ein vom Minivampir abgegebenes Sekret, das uns noch Tage mit Juckreiz an die unfreiwillige Blutspende erinnern wird.

Unangenehm, aber harmlos – hoffentlich! Denn glaubt man aktuellen Medienberichten, drohen uns durch die kleinen Blutsauger Gefahren, denen wir bislang ausschliesslich bei Reisen in tropische Gefilde ausgesetzt waren. Durch Viren oder sogenannte Plasmodien ausgelöste Erkrankungen wie Gelbfieber, Dengue, Chikungunya, West-Nil-Fieber oder Malaria – gestern noch in Afrika oder Asien, heute bei uns? In der Tat: Experten wie der Basler Entomologe Pie Müller beobachten bei den mehr als 40 in der Schweiz domestizierten Stechmückenarten Neuzugänge, die in Transport-Containern und als blinder Passagier in Flugzeugen eingeschleppt wurden. «Dazu gehört die Asiatische Buschmücke. Sie ist keine tropische Art und das Klima in unseren Breiten ist für sie optimal», weiss der Spezialist. Die Asiatische Buschmücke ist in der Lage, das gefürchtete West-Nil-Virus zu übertragen – bei einer Erkrankung besteht die Gefahr einer Hirnhautentzündung. Das Tückische: Wie bei anderen tropischen und durch Stechmücken übertragenen Leiden können nur die Symptome behandelt werden – in den Verlauf der Erkrankung lässt sich kaum eingreifen.

Die Tigermücke im Tessin

Einsam fühlt sich die Stechmücke, deren Herkunft nicht zuverlässig geklärt ist, in Europa nicht, denn sie hat seit kurzer Zeit Verstärkung: Aedes albopictus, auch unter dem Namen Asiatische Tigermücke bekannt, fungiert nicht nur als Überträger des West-Nil-Virus, sondern vermag auch Erreger zu verbreiten, die Gelbfieber, Dengue- oder Chikungunya-Fieber auslösen.

«In Südeuropa breitet sich die Asiatische Tigermücke weiter aus. Im vergangenen Jahr gab es erste Dengue-Virus-Infektionen, die in Kroatien und Frankreich erworben wurden», sagt Jonas Schmidt-Chanasit vom deutschen Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Auch in Deutschland sei die Tigermücke bereits entdeckt worden. Der Virologe erarbeitete zusammen mit Wissenschaftlern der Universität Heidelberg und der Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung von Stechmückenplagen (KABS) eine Datenbank. Auf Basis dieser Informationen soll zukünftig eine deutschlandweite Mückenkarte Auskunft über das regionale Vorkommen heimischer und zugewanderter Mückenarten geben. Mitteleuropäische Länder wie Deutschland und die Schweiz blieben bislang von der Ausbreitung tropischer Erkrankungen durch Stechmücken verschont.

Klein und gefährlich

Ein ähnliches Projekt verfolgten auch die Insektenforscher der Universität Basel: Im Rahmen einer Masterarbeit wurde untersucht, welche Arten in der Region Basel und rund um den Euroairport zu finden sind. Dabei wurde allerdings keine Mückenart entdeckt, die nicht schon zuvor bei uns aufgefallen war. Anders sieht das im Tessin aus. Im milden Klima der sonnenverwöhnten Südschweiz fühlen sich die Zuzüger pudelwohl: «Tatsächlich kommt die Tigermücke im Raum Chiasso vor», weiss Pie Müller und erinnert daran, dass vor vier Jahren rund 200 Menschen in Italien am Chikungunya-Fieber erkrankt waren. Mutmasslicher Vektor, also Überträger des Virus: die Asiatische Tigermücke. Könnte die Klimaerwärmung dazu beitragen, dass sich diese Art auch in den nördlichen Kantonen der Schweiz ausbreitet? Müller hält das eher für unwahrscheinlich: «Der Asiatischen Tigermücke dürfte es weniger leicht gelingen, den Winter in den nördlichen Kantonen zu überstehen.»

Grund zur Sorge oder gar zur Panik bestehe, so der Entomologe, nicht – dennoch werde «die Situation gut beobachtet». Das drohende Übel geht man bereits jetzt mit der biologischen Keule an: Das Bakterium BTI soll die Zahl der Stechmücken in der Schweiz reduzieren. Das Clevere: Es wirkt sich nur auf Stechmücken aus, indem es den Verdauungstrakt der Blutsauger zerstört – Menschen und andere Tierarten bleiben völlig unbehelligt.

Selbst wenn es – allen Bemühungen zum Trotz – in der Zukunft zu vereinzelten Ausbrüchen von tropischen Erkrankungen in der Schweiz kommen würde: Von einer Ausbreitung kann dem Experten nach nicht die Rede sein. Viel wichtiger sei es, auf den Schutz vor Moskitos hinzuweisen. Müller rät deshalb zu Mückenabwehrprodukten mit Qualitätslabel des Schweizerischen Tropeninstituts: «Unter Laborbedingungen bieten sie über mindestens vier Stunden Schutz vor Mücken. Darüber hinaus sind feinmaschige Gitter an Türen und Fenstern sowie Moskitonetze zu empfehlen.»

Dengue-Fieber:

Das durch Mücken übertragene Dengue-Virus macht sich nach einer Inkubationszeit von drei bis 14 Tagen vielfach durch milde Symptome bemerkbar, die einer Grippe ähneln. Zu den Symptomen gehören Schüttelfrost, Kopf- und Muskelschmerzen sowie Hautausschlag. Bei bis zu vier Prozent aller Patienten nimmt das Dengue-Fieber einen schweren Verlauf: Es kommt zum Dengue Hämorrhagischen Fieber mit unkontrollierten Blutungen. In einigen Fällen kann die Krankheit zum Tode führen. Gegen das Leiden selbst gibt es keine Medikamente – es kann nur symptomatisch behandelt werden.

West-Nil-Fieber:

Über Moskitostiche gelangt das West-Nil-Virus in den menschlichen Blutkreislauf. Ähnlich wie das Dengue-Fieber, verläuft eine Infektion häufig ohne grössere Komplikationen und macht sich durch grippeähnliche Symptome bemerkbar. Bei Kindern, Älteren und Menschen mit geschwächtem Immunsystem kann das West-Nil-Fieber einen schweren Verlauf mit einer lebensbedrohlichen Hirn- beziehungsweise Hirnhautentzündung nehmen.

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