Aktualisiert 04.03.2011 13:49

Mutter fordert«Wir müssen in der Schweiz suchen»

Hunderte Freiwillige sollen in der Schweiz nach Livia und Alessia suchen. Denn die Zwillinge sind wohl nie in Marseille angekommen, glaubt man den Videobildern.

von
A. Hirschberg

Livia und Alessia sollen nun endlich gefunden werden. Irina L. sucht darum im Internet Freiwillige, die ihr helfen die Zwillinge Livia und Alessia zu suchen. Hilfsbereite können sich bei Swiss Missing eintragen und werden dann via SMS-Alarm aufgeboten. Hinter diesen Plänen steckt der Glaube der Mutter, die Suche müsse anders ausgerichtet werden. «Jetzt müssen wir die Mädchen in der Schweiz suchen. Sie haben sie vielleicht gar nie verlassen», sagte sie gebenüber der Illustré.

Die Polizei ist da anderer Ansicht. Nach Suchaktionen auf Korsika, wo Matthias S. vermutlich am 1. Februar war, im süditalienischen Cerignola, wo er sich am 3. Februar vor einen Schnellzug warf und in Saint-Sulpice VD, seinem Wohnort, konzentrieren sich die Bemühungen vor allem auf Korsika. Jacques Dallest etwa, der Staatsanwalt von Marseille, ist überzeugt, dass Matthias S. sich der Mädchen auf der Fähre entledigt hat.

Auf den Aufnahmen ist Matthias S. immer allein

Irina L. meint hingegen: «Es gibt keinen Beweis, dass Livia und Alessia die Schweiz verlassen haben.» Zuletzt gesehen wurden die beiden Mädchen vom Nachbarn. Am Sonntag, 30 Januar waren sie bis 13 Uhr bei ihm. Ihr Vater Matthias S. hat sie um diese Zeit dort abgeholt und ist wohl wenig später mit ihnen weggefahren. Danach gibt es kein gesichertes Lebenszeichen mehr von den beiden 6-Jährigen. Und: Nichts deutet darauf hin, dass die Mädchen je in Marseille angekommen sind. Vielmehr zeigen die Überwachungsbilder aus der HafenstadtMatthias S. immer allein.

Auf den Bildern sieht man, wie der 44-Jährige. um 11.30 Uhr in einer privaten Parking-Garage seine Sachen aus dem Audi holt und wegläuft: Von den Kindern keine Spur.

Kein Leichengeruch im Auto

Dasselbe bei den Aufnahmen vor mehreren Bancomaten in Marseille: Matthias S. ist auf keiner in Begleitung seiner Kinder. Zurück in der Parkgarage um 16.05: wartet Matthias S. ebenfalls wieder alleine im Eingangsbereich auf sein Auto.

Wo hätte er die Mädchen lassen können? In einem Hotel oder bei Bekannten? Es gibt keine Anzeichen oder Hinweise, die diese Theorie bestätigen. Sie könnten aber bereits tot in den vermissten Koffern im Auto gelegen haben. Die Leichenspürhunde haben im Audi jedoch keinen Leichengeruch gefunden. Die einzig plausible Erklärung für das Fehlen der Zwillinge auf den Aufnahmen ist darum: Sie waren gar nicht mehr bei Matthias S.

Vier Stunden Zeit in der Schweiz

Dafür spricht auch die Tatsache, dass er die Taschen mit ihren Kleidern, ihre Kuscheltiere und ihre Kindersitze zu Hause in Saint-Sulpice gelassen hat.

Im Internet spinnen die User schon zahlreiche Theorien, was Matthias S. mit seinen Töchtern gemacht hat. So kommt für viele vor allem der Genfersee und die Region um Morges in Frage. Er könnte die Mädchen in den Koffern in den See geworfen oder sie in einer verlassenen Gegend verscharrt haben, so die Überzeugung. Denn vom Zeitpunkt, an dem Matthias S. seine Mädchen um 13 Uhr beim Nachbarn abgeholt hat bis zur ersten Handy-Ortung um 15.50 h in Morges blieben ihm schon rund drei Stunden, um den Mädchen etwa anzutun.

Danach ist wieder Funkstille bis 18.04. Zu diesem Zeitpunkt fährt Matthias S. über die Grenze bei Annency. Von Morges bis zur Grenze dauert es aber keine Stunde. Insgesamt hatte der Ingenieur aus Saint Sulpice also mehr als vier Stunden zur Verfügung, um seine Töchter in der Schweiz zu töten und zu verstecken. In der Gegend von Lyon kann sein Handy um 19.38 Uhr zum letzten Mal geortet werden – was etwa der Fahrtzeit entspricht. Danach schaltet er das Gerät aus.

«Eine makabere Schatzjagd»

Von Lyon bis nach Marseille sind es nur noch etwas mehr als drei Fahrtstunden. Im Parkhaus in Marseille kommt der Ingenieur aber erst um 11.30 Uhr am nächsten Tag an. Es bleiben ihm also nochmals rund 12 Stunden, in denen er die Mädchen nachts irgendwo auf der Fahrt zwischen Lyon und Marseille hätte töten und vergraben können.

Die Fährtickets für drei Personen und das viele Geld, das Matthias S. in Marseille abgehoben hat sind vermutlich absichtlich gelegte falsche Fährten für seine Frau Irina L. und die Polizei. «Es ist eine makabere Schatzjagd, mit der er alle zu täuschen versucht», sagte Irina L. am italienischen Fernsehen, «Matthias hat alles gut durchdacht und geplant.»

Antwort der Polizei

Noch immer suchen rund ein Dutzend Fahnder der Polizei nach den verschwundenen Zwillingen Livia und Alessia. Sie konzentrieren sich auf die Fahrt des Vaters von der Schweiz nach Marseille. Die Polizei verlangt von der Familie eine Liste mit Orten für weitere Ermittlungen.

Obwohl die Spur in Korsika im Vordergrund stehe, lasse man nichts ausser Acht, sagte Jean-Christophe Sauterel, Sprecher der Waadtländer Polizei, am Donnerstag. Bisher gebe es jedoch keine neuen Erkenntnisse.

Im Zusammenhang mit privaten Trupps, die in der Genferseeregion nach den verschwundenen Zwillingen suchen, sagte Sauterel: Es sei nicht Sache der Polizei, solche Aktionen von Privaten abzusegnen. Sie dürften auf eigene Faust suchen, solange sie das Gesetz und privaten Besitz respektierten.

«Die Erwartungen der Familie sind enorm», sagte Sauterel. Es sei daher «normal», dass sie den Eindruck habe, die Polizei unternehme nicht genug. Die Polizei ihrerseits erwartet von der Familie eine Liste mit präzisen Angaben über Orte, an denen die Fahnder weiter ermitteln können.

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