15.07.2016 15:20

Terrorismus-Experte«Wir müssen in jedem Auto eine Gefahr sehen»

Jedes Fahrzeug stelle eine Angriffsmöglichkeit dar, sagt Stephan Humer. Der Terror-Experte fordert Massnahmen, wie sie Israel schon lange anwendet.

von
M. Rehberg
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Die Promenade des Anglais ist gut anderthalb Tage nach dem Attentat wieder komplett für Fussgänger geöffnet. (16. Juli)

Die Promenade des Anglais ist gut anderthalb Tage nach dem Attentat wieder komplett für Fussgänger geöffnet. (16. Juli)

Keystone/Ian Langsdon
Nizza trauert: An der Promenade des Anglais versammelten sich Menschen, um den Opfern und Hinterbliebenen des Attentats zu gedenken.

Nizza trauert: An der Promenade des Anglais versammelten sich Menschen, um den Opfern und Hinterbliebenen des Attentats zu gedenken.

AFP/Boris Horvat
Die Polizei sichert Spuren neben zurückgelassenen Kinderwagen.

Die Polizei sichert Spuren neben zurückgelassenen Kinderwagen.

Alberto Estevez

Herr Humer, warum hat es Nizza getroffen und nicht etwa Paris?

Ich habe schon vor einem Monat vor Beginn der EM gesagt, dass es genau diese mittleren Ziele sind – also nicht Top-Ziele wie der Eiffelturm oder die Champs-Élysées – , die in den Fokus rücken, eben weil dort vielleicht nicht so aufgepasst wird. Diese Ziele werden dann mit genau den Mitteln angegriffen, die wir jetzt auch gesehen haben: eben mit einem LKW. Gewählt wurde mit dem 14. Juli ein symbolträchtiges Datum, der Nationalfeiertag. Ich gehe fest davon aus, dass das weiter so passieren wird.

Hat der Täter sich von IS-Propaganda inspirieren lassen?

Das ist wahrscheinlich und es passt ins Gesamtmuster, aber das werden die nächsten Tage zeigen. Es ist vermutlich wieder genau dieser Tätertyp: vom Verlierer zum Märtyrer oder zum Krieger. Der IS versteht es nun einmal meisterhaft, genau diese Angebote medial bereitzustellen und Anschlagsvarianten und -orte vorzuschlagen. Das sind Dinge, die man sich wie an einem kalten Büffet einfach nur herauspicken muss. Es sieht so aus, als wäre das hier der Fall gewesen. Ob der Täter vorher als politisch radikal aufgefallen ist, ist völlig egal. Er war vermutlich in einer Situation, die ihm als der richtige Zeitpunkt erschien.

Wie konnte der LKW auf die Strasse kommen?

Ohne im Detail Kenntnis von den Gegebenheiten vor Ort zu haben, vermute ich, dass man bei den Sicherheitsmassnahmen noch eher vorsichtig war und etwa keine Panzersperren oder schwer bewaffnete Polizei eingesetzt hat. Da muss man umdenken, gerade auch bei diesen eher mittelgrossen Zielen, die man nicht sofort auf dem Schirm hat. Zum Beispiel muss man in jedem PKW grundsätzlich eine Angriffsmöglichkeit sehen und entsprechende Massnahmen ergreifen. Wir werden uns dabei an Ländern wie Israel orientieren müssen, wo das bereits gemacht wird. Die Denkweise «wahrscheinlich wird hier schon alles gut gehen» muss ein für alle Mal ein Ende haben.

Was lässt sich über den Täter sagen?

Bei bisher fast allen Tätern hat sich das Motto «vom Loser zum Krieger» herauskristallisiert. Ganz oben auf der Rangliste möglicher Tätertypen steht der Mensch, der glaubt, im Leben zu kurz gekommen zu sein und noch eine letzte Möglichkeit sieht, für eine bestimmte Gruppe zum Helden zu werden. Natürlich darf auch ein möglicher Hintergrund psychischer Erkrankungen nicht ausgeschlossen werden.

Hat die Ankündigung der Aufhebung des Ausnahmezustands etwas mit der Tat zu tun?

Da der Täter den Laster offenbar schon Tage zuvor gemietet hat, gehe ich davon aus, dass die Tat lange geplant war und Hollandes Ankündigung eher zufällig auf das gleiche Datum fiel. Für die Terroristen ist das natürlich ein willkommener Zufall.

War es Kalkül, den Anschlag kurz nach der ohne Terror-Akte verlaufenen EM zu verüben?

Premier Valls und Präsident Hollande greifen nun verstärkt auf Reservisten von Militär und Polizei zurück. Dass alle Kräfte mobilisert wurden, hat man ja auch schon daran gesehen, dass die Ausschreitungen der Hooligans zu Beginn der EM relativ schnell eingedämmt wurden. Aber diesen Kraftakt kann man nicht ewig aufrechterhalten. Das wissen natürlich auch die Terroristen, und die warten dann möglicherweise den Moment ab, in dem die Kräfte nachlassen. Diese Schwachpunkte kann man relativ einfach ausmachen.

Stephan Humer ist im Vorstand des Netzwerkes Terrorismusforschung in Deutschland.

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