02.01.2017 05:50

Klimaforscher

«Wir müssen mit viel mehr Waldbränden rechnen»

Die Waldbrände der letzten Tage waren kaum zu stoppen. Ein Klimaforscher warnt: Unternehmen wir nichts gegen den Klimawandel, drohen schlimme Folgen.

von
T. Bircher

Herr Fischlin, sind diese Waldbrände im Tessin und in Graubünden aussergewöhnlich?

Andreas Fischlin: Ja, vor allem wegen der einzigartigen Wetterlage. Es sind mehrere ungewöhnliche Faktoren zusammengekommen, die zu idealen Bedingungen für einen Waldbrand führten. Es ist derzeit sehr trocken, der Schnee fehlt, dazu windet der Nordföhn, der praktisch keine Feuchtigkeit mit sich bringt. Im Tessin trocknet er den Boden zusätzlich aus, der Wind verbreitet das Feuer weiter. Bei derart trockenem Laub und Unterholz greifen die Flammen schnell um sich.

Ein Waldbrand im Winter – gibt es das oft?

Nein, normalerweise brennt es eher im Sommer. Doch dieses Jahr hatten wir im Herbst extrem wenig Niederschlag, was vor allem im Tessin und in Graubünden zu eben dieser Trockenheit geführt hat. Die hohen Temperaturen wiederum hängen mit dem Klimawandel zusammen.

Das heisst, es wird in Zukunft mehr Waldbrände in der Schweiz geben?

Ja, wir müssen in der Schweiz mit mehr Waldbränden rechnen – und zwar auch an ungewohnten Orten. Der Klimawandel wird insbesondere im Sommer mehr Hitzewellen und Dürren bringen, es wird noch trockener. Da reicht dann bereits ein Blitz, eine unachtsam weggeworfene Zigarette oder ein Zündholz für einen Waldbrand.

Werden diese Waldbrände auch vermehrt im Winter auftreten?

Das ist schwierig vorherzusehen. Die Klima-Modelle zeigen, dass es in Zukunft im Winter insgesamt mehr regnen wird, jedoch im Sommer weniger. Über die genaue Verteilung auf die Wintermonate lässt sich noch nichts Genaues sagen. Dennoch kann man Waldbrände im Winter nach einem trockenen Herbst nicht ausschliessen. Der Grund für die jetzigen Grossbrände liegt ja auch darin, dass die Herbstmonate extrem trocken waren. Tendenziell wird es jedoch zu mehr Bränden vor allem im Sommer kommen.

Wie genau wirkt sich der Klimawandel auf die Schweiz aus?

Bei ungebremstem Klimawandel wird das Mittelmeerklima auch auf die Schweiz ausbreiten. Es werden hierzulande ähnliche Bedingungen herrschen wie heute in Portugal, Spanien, Frankreich und Griechenland. Dort treten ja wegen der Sommertrockenheit andauernd Brände auf. Bei solch hohen Temperaturen und wenig Sommerregen verdunstet das Wasser stark und die Böden trocknen aus. Wenn der Klimawandel wie bisher fortschreitet, müssen wir mit weit mehr Waldbränden in der Schweiz rechnen, als wir es gewohnt sind.

Was sind die Konsequenzen?

In empfindlichen Regionen wie dem Wallis werden die Wälder ganz verschwinden. Auch in der übrigen Schweiz ändert sich die Vegetation und Landschaft stark. Bei vielen Bränden nimmt der Holzvorrat ab. Wichtige Baumarten werden vielerorts kaum noch eine Zukunft haben.

Welche?

Beispielsweise die Fichte. Sie ist viel empfindlicher auf Trockenheit als andere Bäume. Da sie ein wirtschaftlich sehr wichtiger Nutzbaum ist, stehen Förster dann vor einem Problem. Doch das ist nicht die einzige Herausforderung, mit der wir kämpfen werden müssen.

Was noch?

Durch die Brände sind auch Schutzwälder gefährdet. Davon haben wir viele in der Schweiz. Sie beschützen Dörfer, Strassen und Schienen vor Lawinen, Steinschlag und Hangrutschungen. Bauliche Massnahmen sind nicht nur teurer, sondern schaffen es kaum, grossflächig die Stabilität eines Hanges zu gewährleisten.

Was müssen wir also tun, um dies zu verhindern?

Den Klimawandel bekämpfen. Das ist auf Dauer die einzige und billigste Lösung.

Andreas Fischlin (67) ist Professor für Terrestrische Systemökologie an der ETH Zürich. Als führender Mitautor des Berichts zum Klimawandel des Weltklimarats (IPCC) war Fischlin im Jahr 2007 Mitempfänger des Friedensnobelpreises.

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