Aktualisiert 09.01.2018 13:37

Politische Bildung«Wir müssen Schülern das Debattieren beibringen»

Der Verein Discuss It will Schülern zeigen, wie man über Politik richtig streitet. Das sei nötig, weil viele Angst hätten, ihre Meinung zu sagen.

von
P. Michel

Anna-Lina Müller und Reto Mitteregger vom Verein Discuss It erklären, worauf man beim Debattieren achten sollte.

In den USA hat jede Highschool neben einer Footballmannschaft und einem Schachteam auch einen Debattierclub. Dort lernen Schüler, eine politische Position mit Argumenten zu vertreten und über aktuelle Themen zu streiten: Verstösst das US-Drohnenprogramm gegen die Menschenrechte? Oder sollten Jugendliche bereits ab 18 Jahren Alkohol konsumieren dürfen?

Eine solche Debattierkultur will der Verein Discuss It nun auch in die Schweiz bringen. Ziel des Vereins ist es, dass an jeder Kantons- und Berufsschule Podien über anstehende politische Entscheide stattfinden und sich damit Jugendliche für Politik interessieren. Auf dem Programm stehen zurzeit die No-Billag-Initiative oder die Rolle der Schweiz in Europa. In den Debattierrunden werden zuerst Hintergrundinformationen zu den Vorlagen präsentiert, danach debattieren die geladenen Politiker an einem Podiumsgespräch. Schliesslich wird die Runde für die Schüler geöffnet.

«Der Schweiz fehlt eine Streitkultur»

«Wir müssen Schülern das Debattieren beibringen», sagt Daria Prots, Vorstandsmitglied von Discuss It. Denn hierzulande fehle es an einer Streitkultur, die es den Schülern ermögliche, sich zu informieren und eine eigene Meinung zu bilden.

«In der Schweiz haben viele Angst, ihre Meinung zu sagen, weil sie befürchten, den Kontrahenten persönlich zu verletzen.» Diese Kultur der Zurückhaltung ist laut Prots für die politische Debatte, aber auch für konstruktive Diskussionen in allen Lebensbereichen problematisch, da sie einen Wettstreit der besten Argumente verhindere. «Schon die Schüler sollten lernen, dass es um die Sache und nicht um die Person geht.» Wer diese Unterscheidung machen könne, sei auch bereit, die eigene Meinung zu überdenken.

Richtig streiten auf Social Media

Da sich die Debatte gerade bei den Jungen auch auf Social Media abspielt, will der Verein Discuss It den Schülern auch für die dortigen Debatten das nötige Rüstzeug mitgeben. «Während in herkömmlichen Debatten zu zurückhaltend gestritten wird, ist es auf Social Media umgekehrt: Dort wird hemmungslos ausgeteilt, da man anonym ist und kaum Konsequenzen zu befürchten hat», sagt Prots.

Discuss It sei es wichtig, den Schülern zu erklären, dass auch auf anderen Kommunikationskanälen wie Social Media die Argumente zählen, erklärt Prots. «Statt etwa nach einer Debatte auf der Facebook-Seite der SVP einen unüberlegten Post abzusetzen, wollen wir aufzeigen, wie eine konstruktive Diskussion möglich ist.» Dazu will der Verein in Zukunft auf seiner Facebook-Seite zu aktuellen Vorlagen informieren und die Möglichkeit sowie die Plattform für eine ausgewogene Debatte auch nach den Podien bieten.

Machen die Schulen bereits genug?

«Politische Debatten müssen Teil des Unterrichts sein», fordert Yasmin Malli von der Union der Schülerorganisationen. Es sei zwar zu begrüssen, dass es entsprechende freiwillige Angebote gebe. «Aber es kann nicht sein, dass interessierte Schüler dafür ihre Freizeit opfern müssen.» Malli stellt sich vor, dass im Gymnasium oder in der Berufsschule je eine Lektion für die vier Volksabstimmungen im Jahr reserviert werden. «Das muss möglich sein, ohne Abstriche bei anderen Fächern zu machen. Zudem haben Schulen viele Möglichkeiten, einzelne Lektionen mit selbstständigem Arbeiten zu kompensieren.»

Auch SP-Nationalrätin Nadine Masshardt sieht Handlungsbedarf. «Jeder Schüler muss mit praxisnaher politischer Bildung in Kontakt kommen.» Gerade Podiumsdiskussionen seien eine Möglichkeit, das Interesse an der Politik zu wecken. Masshardt hat deshalb im Dezember eine parlamentarische Initiative eingereicht mit dem Ziel, in der Berufsbildung «Massnahmen zur Förderung der politischen Bildung» zu verankern. Schulen, die Angebote wie Discuss It in den Unterricht integrieren wollen, könnten dann Gelder beantragen.

Silvio Stucki, Präsident des Mittelschullehrpersonenverbands Zürich, findet hingegen das bestehende Angebot ausreichend. «Natürlich könnte man immer noch mehr vermitteln.» Aber im Kanton Zürich machen die Gymis bereits viel, meint er und sagt: «Staatskundewochen, Diskussionen mit Jungpolitikern oder Politik am Mittag sind nur einige Veranstaltungen.» Grundsätzlich begrüsst Stucki, wenn alle Schulen solche Podien durchführen würden. «Ideal wäre, wenn eine Debatte im Rahmen des normalen Unterrichts stattfinden könnte.» Da die Arbeitsbelastung aber schon jetzt sehr hoch sei, könne ein solcher Zusatzaufwand nicht unbegrenzt eingefordert werden.

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