Sektenexperte erklärt – «Wir müssen Verschwörungsfans mit Gewaltfantasien ernst nehmen»
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Sektenexperte erklärt«Wir müssen Verschwörungsfans mit Gewaltfantasien ernst nehmen»

Familienmitglieder, die sich in Verschwörungstheorien verstricken, werden vermehrt zum Problem für Kinder und Jugendliche. Ein Experte erklärt, wie es so weit kommt – und was man tun kann.

von
Christina Pirskanen
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Georg Otto Schmid ist Sektenexperte. Im Interview erklärt er, wieso Menschen Verschwörungstheorien verfallen und welche Risiken die Chance dafür erhöhen.

Georg Otto Schmid ist Sektenexperte. Im Interview erklärt er, wieso Menschen Verschwörungstheorien verfallen und welche Risiken die Chance dafür erhöhen.

ZSZ
«Das typischste Merkmal von Verschwörungstheoretikern ist, dass sie Verschwörer sehen – also böse handelnde Personen, die hinter allem stecken. Für solche Menschen gibt es keine Zufälle, alles ist auf die Verschwörer zurückzuführen», so Schmid.

«Das typischste Merkmal von Verschwörungstheoretikern ist, dass sie Verschwörer sehen – also böse handelnde Personen, die hinter allem stecken. Für solche Menschen gibt es keine Zufälle, alles ist auf die Verschwörer zurückzuführen», so Schmid.

Tamedia AG
Viele Verschwörungsfans fänden den Weg zurück in die «Realität» früher oder später sogar selbst. Die Prognosen seien günstig, dass ein solches Abdriften in Verschwörungstheorien eher eine Phase sei, als dass Personen jahrzehntelang hängenblieben, so Schmid.

Viele Verschwörungsfans fänden den Weg zurück in die «Realität» früher oder später sogar selbst. Die Prognosen seien günstig, dass ein solches Abdriften in Verschwörungstheorien eher eine Phase sei, als dass Personen jahrzehntelang hängenblieben, so Schmid.

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Darum gehts

Die kantonalen Fachstellen für Radikalisierung stellen jüngst einen Anstieg an Anfragen fest, bei denen Angehörige von Verschwörungstheoretikern und -theoretikerinnen um Hilfe bitten. «Derzeit kommen viele Menschen zu uns, weil eine ihnen nahestehende Person in Corona-Verschwörungstheorien abgedriftet ist», sagt Laurent Luks, Leiter der Fachstelle Radikalisierung und Gewaltprävention des Kantons Bern.

Wieso Menschen diesen Verschwörungstheorien verfallen und welche Risiken die Chance dafür erhöhen, erklärt Sektenexperte Georg Otto Schmid im Interview.

Herr Schmid, wann ist eine Person noch kritischer Denker, wann schon Verschwörungstheoretiker?

Wer annimmt, dass eine Sache vielleicht doch etwas anders abgelaufen ist als bisher gedacht und Umstände kritisch hinterfragt, ist noch kein Verschwörungstheoretiker. Das typischste Merkmal von Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretikern ist, dass sie Verschwörer sehen – also böse handelnde Personen, die hinter allem stecken. Für solche Menschen gibt es keine Zufälle, alles ist auf die Verschwörer zurückzuführen.

Das Gefühl, dass man als eine der wenigen Personen auf dieser Welt hinter die mutmassliche Lüge blickt, gibt Verschwörungsfans ein Elitegefühl. Alternative Erklärungen sind für den Menschen auch faszinierend – es regt das Belohnungszentrum im Gehirn an, wenn man denkt, man wisse mehr als der Rest der Bevölkerung.

Welche Personen sind besonders gefährdet, in Verschwörungstheorien abzudriften?

Ich sehe hier drei Faktoren: Das grösste Risiko ist, plötzlich zu viel Zeit zu haben. Das ist häufig bei frisch pensionierten oder arbeitslosen Menschen so, aber auch bei jungen Leuten, bei denen das Studium nicht vorangeht. Die Gefahr liegt im krassen Bruch von Vollauslastung zu gar keiner Auslastung.

Der zweite Faktor ist das Fehlen einer sinnvollen Beschäftigung: Oft sind es Menschen, die das Gefühl haben, keinen Unterschied machen zu können. Dabei agieren die Verschwörungen fast schon wie ein Religionsersatz.

Drittens spielt auch das Umfeld eine grosse Rolle: Soziale Einsamkeit oder psychisches Unwohlsein können zu Verschwörungsfantasien führen. Klar ist: Es interessiert sich niemand aus Jux oder Tollerei plötzlich für Verschwörungstheorien.

Kann man Menschen, die in Verschwörungstheorien abgedriftet sind, noch in die «Realität» zurückholen?

Ja, und viele finden den Weg zurück, früher oder später sogar selbst. Die Prognosen sind günstig, dass ein solches Abdriften eher eine Phase ist, als dass man jahrzehntelang hängenbleibt. Es gibt auch Menschen, die aufgrund einer Krise in Verschwörungstheorien abrutschen – diese Krise ist aber irgendwann hoffentlich wieder überwunden und somit auch der Hang zu Verschwörungen. Als Angehöriger kann man diesen Prozess sogar noch beschleunigen.

Wie?

Die Frage ist: Was sucht die Person und wie können wir ihr das geben? Man kann etwa versuchen, der Person wieder einen Lebenssinn zu geben – zum Beispiel durch wohltätige Arbeit und Einbinden in Sinnstiftendes. Wichtig ist auch, der Person Anschlussmöglichkeiten zu geben, sodass diese nicht einsam ist.

Was man auf jeden Fall nicht soll: Über die Verschwörungstheorien diskutieren. So müssen die betroffenen Personen die Theorien verteidigen – das wiederum verstärkt ihren Glauben daran.

Wie gefährlich sind Corona-Verschwörungstheoretiker?

Die ganz problematischen, gewaltbereiten Figuren sind ja nicht nur Corona-Leugner, sondern vertreten meist ein ganzes Set an Verschwörungstheorien. Es gibt vereinzelt Leute mit Gewaltfantasien gegenüber dem Bundesrat oder anderen Politikern – das ist nicht abhängig davon, welcher Verschwörungstheorie man nacheifert. Diese Drohung gilt es aber sehr ernst zu nehmen – vor allem, wenn man sie in der eigenen Umgebung wahrnimmt. Hier sollte man möglichst genau hinschauen und allenfalls intervenieren.

Was passiert, wenn Corona in Zukunft kein Thema mehr ist?

Das ist die grosse Frage: Wenn diese Personen keine andere Form von Lebenssinn finden, dann ist die Gefahr gross, dass sie einfach in eine andere Theorie abdriften – beispielsweise in die Klimawandelleugnung oder in die 5G-Thematik. Diese Entwicklung zeichnet sich jetzt bereits schon ab.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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