Aktualisiert 02.05.2020 12:30

Corona-Krise trifft Reisebüros

«Wir müssten uns richtig hoch verschulden»

Die Corona-Krise setzt dem Tourismus stark zu. Während Tourismusanbieter in der Schweiz dank Schweizer Gästen auf eine Erholung hoffen, trifft es die Reisebranche hart. Wer träumt aktuell noch von Fernreisen? Ein Gespräch mit Reisebüromitinhaber Tomi Biedermann.

von
Martin Hoch
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Wo sind die Touristen?
Wo sind die Touristen?

Die Kamele in der Wüste Omans warten geduldig auf die ausbleibenden Gäste.

© Thomas Schenker
Madagaskar
Madagaskar

Aktuell sind die Fichten in den Schweizer Bergen erreichbarer, als die Baobab-Bäume in Madagaskar.

© Thomas Schenker
Reisefeeling
Reisefeeling

Campieren am Fishriver Canyon in Namibia – dem weltweit zweitgrössten Canyon der Welt.

© Thomas Schenker
  • Aktuell bucht keiner Auslandreisen – geht es bei Ihnen als eigenständiges Reisebüro ans Eingemachte?

Würde ein Grossteil unserer Kunden, die bereits gebucht haben, auf eine Annullierung ihrer Reise bestehen, ginge es jetzt so richtig an die Substanz. Wir sind in dieser Situation darauf angewiesen, dass die Kunden stattdessen auf ein anderes Datum umbuchen. In der gesamten ersten Hälfte des Aprils hatten wir so viele Buchungen wie sonst an einem Tag.

  • Bei einem kleinen Reisebüro wird die Kundenbindung höher sein, was sich in einer solchen Krise auszahlt?

Tatsächlich waren unsere ersten Kunden unsere Freunde, Verwandten und Bekannten. Dazu kamen Stammkunden mit denen wir im regelmässigen persönlichen Austausch stehen. Ja, das hilft uns aktuell, wir erleben eine grosse Solidarität unserer Kunden. Und doch ist die aktuelle Krise eine Herausforderung, denn den weiterhin bestehenden Fixkosten stehen kaum Einnahmen gegenüber.

Tomi Biedermann, B&B Travel

Quo vadis? Wann buchen Touristen wieder Fernreisen?
Quo vadis? Wann buchen Touristen wieder Fernreisen?

Tomi Biedermann ist Mitinhaber eines kleinen Reisebüros.

© Thomas Schenker

B&B Travel ist ein unabhängiges Reisebüro für alle Arten von Reisen weltweit und die Schweizer Vertretung des Trekking- und Wanderanbieters Hauser Exkursionen. In seinem 25-jährigen Bestehen konnte die Firma im Zürcher Seefeld einen soliden Kundenstamm aufbauen und sich mit der Organisation von Privat-, Individual-, Gruppen- und Incentivereisen etablieren. www.bandbtravel.ch

  • Was würde Ihnen als Reisebüro konkret helfen?

Nebst der angesprochenen Solidarität eine Kampagne des Schweizerischen Reiseverbands (SRV) und des Bundes, die der Bevölkerung kommunizieren würden, dass Reisen wieder möglich sein wird.

  • Aber liegt es nicht auf der Hand, dass bei dieser unsicheren Lage nur wenige eine Fernreise buchen möchten?

Das verstehen wir. Gleichzeitig kann man die aktuelle Situation zu Hause gut nutzen, um von der nächsten Reise zu träumen, sie zu planen und eine Buchung zu tätigen. Würde vor Antritt der Reise eine ähnliche Situation wie jetzt eintreffen, wäre es erneut möglich, die Reisen zu verschieben. Geld würden die Kunden nicht verlieren. Hier könnten der SRV oder auch der Bund etwas offensiver kommunizieren.

«Kein funktionierender Tourismus bis Frühling 2021 wäre für uns das totale Worst-Case-Szenario.»

Tomi Biedermann, B&B Travel
  • Kritiker monieren, dass selbstständige Unternehmer in guten Zeiten profitieren und nun in einer Krise nicht gleich in Bittstellung gehen sollen.

Ich kann diese Aussage natürlich nicht gänzlich widerlegen. Nur ist es allgemein bekannt, dass die Margen und der Verdienst eines unabhängigen Reisebüros auch in guten Zeiten nicht durch die Decke gehen. Wir legten uns ein finanzielles Polster zu. Doch diese Reserven reichen für wenige Monate.

  • Und wenn sich die Krise bis ins Frühjahr 2021 weiterziehen würde?

Keine Chance. Ich kann das ehrlich beantworten – wir müssten uns richtig hoch verschulden oder die Firma liquidieren. Kein funktionierender Tourismus bis Frühling 2021 wäre für uns das totale Worst-Case-Szenario.

  • Erst die Klimakrise und Overtourism und nun das Coronavirus – die Reisebranche steht im Kreuzfeuer. Wie gehen Sie damit um?

Wir gehen mit einem guten Gewissen damit um, da wir uns auf naturverbundenes Reisen, beispielsweise Trekkingreisen, spezialisiert haben. Wir bewegen uns in einem nachhaltigeren Segment. Und ich glaube, so schlecht ist der Ruf des Reisens nicht. Die Menschen möchten raus, sie möchten unterwegs sein und etwas entdecken.

«Wir möchten nicht Moralapostel spielen.»

Tomi Biedermann, B&B Travel
  • Billigflüge, Schnäppchenpreise, Kreuzfahrtschiffe mit Tausenden Passagieren – vieles wird inzwischen kontrovers diskutiert. Müsste sich die Reisebranche nicht an der eigenen Nase nehmen und Veränderungen vorantreiben?

Wir verkaufen die Reisen, die der Kunde auswählt. Wir möchten nicht Moralapostel spielen. Wir möchten Reiseträume ermöglichen. Es geht schliesslich nicht um unsere Vorlieben und Vorstellungen, sondern um die des Kunden.

  • Wird die Krise das Reiseverhalten von uns allen verändern?

Ich glaube nicht. Diese Krise wird es wohl in die Geschichtsbücher schaffen, aber wir Menschen vergessen im Alltag schnell wieder. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Ich stand einst auf dem Gipfel des Kilimandscharo. Da überkam mich ein derart erhabenes Gefühl. Ich fühlte mich glücklich und stark, und ich dachte, das hält ewig an. Ich bildete mir ein, dieser Moment mache mich zu einem neuen Menschen. Zwei Monate später war das verflogen, und natürlich war ich noch immer derselbe. Die meisten von uns lernten durch die Krise wohl etwas, aber ich denke nicht, dass wir unser Verhalten drastisch ändern werden.

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102 Kommentare

Martial2

29.05.2020, 08:58

Reisen bildet das ist ein Teil der Kultur. Wer nur seine vier Wände kennt hat vom Leben viel verpasst, ist einseitig und kleinkariert. Ich kann nicht verstehen, dass man keine Freude hat anderen Länder, Menschen, Essen zu entdecken!

Das hätte nicht sein müssen!

12.05.2020, 17:23

diese Schulden wären nicht nötig gewesen, hätte unser Maskenlager genügend Masken für Alle gehabt. Tja, die Kosten, die durch die Schliessung entstanden sind, übernehmen, die Verantwortlichen jetzt nicht. Im Gegenteil! Jetzt behaupten Sie, dass es immer genügend Masken gehabt hätte !

Heiweh

12.05.2020, 12:21

Reisen ist richtig blöd geworden. Jeder soll alles gesehen haben? Wird nicht funktionieren. Die Umwelt geht drauf. Überall den gleichen Junkfood und überall die gleichen Betonklötze. Der verblödete Mittelstand zelebriert seinen Pseudowohlstand auf Kreuzfahrten. Pfui!!! Tourismus wird sterben.