Aktualisiert 22.03.2020 20:23

Corona

«Wir mussten unsere Traumhochzeit absagen»

Jahrelange Hochzeitsplanung umsonst, Flitterwochen, die nach zwei Tagen abgebrochen werden, und Paare, die es nicht mehr miteinander aushalten – all das fordert die Coronakrise.

von
jas/mim
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Claudio und seine Frau Yungchen haben Ende Februar geheiratet. Doch die Flitterwochen mussten sie nach zwei Tagen abbrechen, da das Hotel wegen des Coronavirus geschlossen wurde.

Claudio und seine Frau Yungchen haben Ende Februar geheiratet. Doch die Flitterwochen mussten sie nach zwei Tagen abbrechen, da das Hotel wegen des Coronavirus geschlossen wurde.

Privat
Vor eineinhalb Jahren haben Jariya und ihr Mann Chris mit der Planung ihrer Traumhochzeit begonnen. Den Antrag bekam Jariya in Cancun, Mexiko.

Vor eineinhalb Jahren haben Jariya und ihr Mann Chris mit der Planung ihrer Traumhochzeit begonnen. Den Antrag bekam Jariya in Cancun, Mexiko.

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Im Frühling 2019 machten die beiden ein Verlobungsshooting.

Im Frühling 2019 machten die beiden ein Verlobungsshooting.

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Anna (20) aus St. Gallen: «Meine Freundin und ich könnten uns bald erwürgen»

«Meine Freundin und ich sind emotional am Anschlag. Wir streiten sehr viel und fauchen uns an. Wir könnten einander bald erwürgen. Auf der Arbeit sind wir beide heillos überfordert. Ich arbeite in einer Kita und habe derzeit 26 Kinder auf nur zwei Personen. Meine Freundin arbeitet im Spital. Ihnen gehen Desinfektionsmittel, Handschuhe und Atemmasken aus. Sie lebt mit der ständigen Angst, angesteckt zu werden – und ich natürlich auch. Ich habe eine Lungenkrankheit, deshalb wäre eine Ansteckung für mich richtig gefährlich. Wenn wir von der Arbeit nach Hause kommen, versuchen wir, nicht über die Arbeit zu sprechen und alle News-Apps auszuschalten. Wir geben uns bewusst Freiraum, so sitze ich manchmal im Wohnzimmer, sie im Schlafzimmer. Wir versuchen, abends einen schönen Film anzuschauen oder ein Brettspiel zu spielen. Unsere Beziehung wird aber sehr stark auf die Probe gestellt. Wir versuchen, das Beste daraus zu machen, sind aber beide völlig überlastet.»

Paarberaterin Disler empfiehlt:

«Sehr gut finde ich, dass Anna und ihre Partnerin trotz der angespannten Zeit eine klare Trennlinie zwischen Arbeit und Privatleben ziehen. Sich den eigenen Raum zu nehmen, ist wichtig, um sich zu beruhigen und Energie aufzutanken. Helfen können klar festgelegte Zeitfenster, innerhalb derer sich beide bewusst aufeinander einlassen. Sie können Dates zu Hause organisieren und abwechslungsweise das Programm gestalten. Überraschungen sorgen für Abwechslung und bringen Leichtigkeit in diese schwierige Situation. Da sich beide einig sind, dass sie nicht über die Arbeit sprechen möchten, sollten sie nach anderen Gesprächsthemen suchen. Wenn mal alles zu viel wird, können auch Schweigeminuten vereinbart werden.»

Claudio (34) aus Basel: «Meine Frau verbringt unsere Flitterwochen allein zu Hause»

«Meine Frau und ich sind am Freitag in unsere Flitterwochen nach St. Moritz gefahren. Vor allem meine Frau hat sich sehr gefreut, endlich wieder Ski fahren zu können. Schon im Vorfeld hatten wir mitbekommen, dass die Skilifte geschlossen sein könnten. Wir haben uns dann gedacht, dass wir die Woche in dem noblen Hotel auch mit Wandern verbringen könnten. Als wir ankamen, wurden alle Gäste des Hotels zu einem Willkommensapéro eingeladen. Dabei wurde uns gesagt, dass das Hotel bis Montag schliessen müsse. Es war Totenstille. Alle im Raum waren sprachlos. Meine Frau und ich waren natürlich sehr enttäuscht, dass unsere Flitterwochen nach nur zwei Tagen geendet haben. Hinzu kommt, dass ich weiterhin zur Arbeit muss. Meine Frau verbringt unsere Flitterwochen nun alleine zu Hause. Wären wir nur eine Woche früher gefahren, hätten wir unsere Flitterwochen noch geniessen können. So oder so werden wir unsere Hochzeitsreise nachholen – wann, wird sich zeigen.»

Paarberaterin Disler empfiehlt:

«Claudio und seine Frau sollten versuchen, die kommenden Tage nicht als Flitterwochen zu betiteln, sonst geben sie ihrer Enttäuschung nur mehr Raum. Sie sollten die Umstände akzeptieren und darauf vertrauen, dass sie trotz Abbruch weitere Chancen bekommen werden. Wenn sie später auf diesen Moment zurückblicken, haben sie eine Geschichte zu erzählen, die kaum jemand anderer hat. Das ist sehr speziell, und genau solche Geschichten schweissen ein Paar noch mehr zusammen.»

Jariya (31) aus Zürich: «Ob wir die Hochzeit nachholen, wissen wir nicht»

«Vor eineinhalb Jahren haben mein Mann Chris und ich mit der Planung unserer Traumhochzeit begonnen: Nachdem wir im Dezember 2019 standesamtlich in der Schweiz geheiratet haben, hätte im April 2020 eine grosse Zeremonie in meinem Heimatland Thailand auf der Insel Koh Samui stattfinden sollen. Die Planung lief perfekt: Wir haben ein wunderschönes Hotel direkt am Meer gebucht, unsere knapp 50 Gäste bereits ihr Flugticket gekauft. Wir haben uns wahnsinnig auf unsere romantische Strandhochzeit gefreut. Nun ist alles geplatzt: Bereits als im Februar die ersten Corona-Fälle in Thailand aufgetreten sind, rieten mir meine Eltern, die in Thailand leben, die Feier abzusagen. Als der Bund den Notstand ausgerufen hat, gingen wir der Empfehlung nach und cancelten unsere Hochzeit.

Die Enttäuschung ist natürlich riesig. Ausserdem haben wir einen grossen finanziellen Verlust erlitten: Wir haben 16'000 Franken für die Hochzeit ausgegeben – ob uns etwas von dem Geld zurückerstattet wird, ist noch ungewiss.

Was mich an der ganzen Situation besonders traurig macht: Meine Mutter und mein Vater – die wichtigsten Personen in meinem Leben – waren bereits an der standesamtlichen Trauung nicht dabei. Deswegen habe ich mich umso mehr auf unsere Heirat in Thailand gefreut. Ob wir die Hochzeit nachholen werden, wissen wir noch nicht. Zurzeit sind wir sehr durcheinander. Für die Gesundheit unserer Gäste war die Absage die richtige Entscheidung. Den 16. April werden wir nun ganz normal zu Hause verbringen.»

Paarberaterin Disler empfiehlt:

«Wenn man sich eineinhalb Jahre lang auf ein Ziel fokussiert hat, das dann plötzlich wegfällt, kann ein grosses emotionales Loch entstehen. Gegenseitige Unterstützung hilft, wieder Boden unter den Füssen zu bekommen. Die eigene Hochzeit zu feiern, bedeutet auch, vor seinen engsten Menschen ‹Ja› zum Partner zu sagen. Dieses Ritual hat für manche Paare eine wichtige Bedeutung. Ich wünsche den beiden, dass sie trotz den Umständen einen neuen Weg finden, diesem Ja Ausdruck verleihen zu können – und zwar ohne dass Corona darauf Einfluss nehmen kann.»

Nicole (29) aus Bern: «Wir wissen nicht, wann wir uns wiedersehen werden»

«Mein Freund Christian arbeitet seit mehr als einem Jahr als Diplomat für die karibische Botschaft in Marokko. Normalerweise sehen wir uns etwa alle zwei Monate. Ich war zuletzt im Februar bei ihm und wollte ihn im April wieder besuchen gehen. Diesen Plan muss ich wegen des Ausbruchs der Corona-Epidemie aber auf Eis legen. Marokko hat wegen des Coronavirus ein Ausreiseverbot verhängt – sogar für Diplomaten. Nun wissen Christian und ich nicht, wann wir uns das nächste Mal sehen. Das ist hart für uns beide. Ihm wurde von der Botschaft angeordnet, das Haus nicht zu verlassen. Die Vorstellung, dass er allein in Marokko in seinem Zuhause festsitzt, tut mir weh. Ausserdem mache ich mir Sorgen um die Lage in Marokko, denn im Gegensatz zur Schweiz wird die Grundversorgung dort in einigen Wochen eventuell nicht mehr gesichert sein. Gerade in solchen Situationen wünscht man sich die Nähe des Partners noch mehr. Wir vermissen uns sehr und telefonieren täglich miteinander. Wir wissen zwar nicht, wann und wo wir uns das nächste Mal sehen werden, aber versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.»

Paarberaterin Disler empfiehlt:

Trotz grosser räumlicher Distanz bleibt dieses Paar im regen Austausch miteinander. Und gerade, weil wir alle nicht wissen, wann es wieder möglich sein wird, einander besuchen zu dürfen, pflegen wir den Kontakt zu unseren Liebsten bewusster. Zukunftspläne stehen auf wackeligen Beinen und Träume könnten jetzt platzen. Diese Phase der Ungewissheit ermöglicht Beziehungen eine andere Art der Begegnung. Wir lernen den Partner von seiner verletzlichen Seite kennen, tauschen uns über Ängste und Hoffnungen aus. Solche Umstände machen Menschen sensibler und damit auch verständnisvoller für die Unsicherheiten des Partners. Somit gewinnen Beziehungen mehr an Vertrauen und können gestärkt aus einer Krise hervorgehen.

Bettina Disler ist Paar- und Sexualberaterin in Zürich.

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