Streit um Auftritt in Zürich: «Wir reden hier von der AfD, nicht von Mördern»
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Streit um Auftritt in Zürich«Wir reden hier von der AfD, nicht von Mördern»

Soll der AfD-Chefideologe in einem Zürcher Theater seine Positionen darlegen dürfen? Ja, findet Politologe Michael Hermann.

von
J. Büchi
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Marc Jongen, Vordenker der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD), soll an einer Podiumsdiskussion im Theater Gessnerallee auftreten. Diese Ankündigung provozierte in linken Kreisen scharfe Kritik.

Marc Jongen, Vordenker der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD), soll an einer Podiumsdiskussion im Theater Gessnerallee auftreten. Diese Ankündigung provozierte in linken Kreisen scharfe Kritik.

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In einem offenen Brief protestierten mehrere Hundert Kulturschaffende gegen die geplante Veranstaltung. Sich mit ihm auf ein Podium zu setzen, zeuge von «Blauäugigkeit», heisst es im Dokument. Zu den Unterzeichnern zählt etwa Samuel Schwarz von der Digital Bühne Zürich.

In einem offenen Brief protestierten mehrere Hundert Kulturschaffende gegen die geplante Veranstaltung. Sich mit ihm auf ein Podium zu setzen, zeuge von «Blauäugigkeit», heisst es im Dokument. Zu den Unterzeichnern zählt etwa Samuel Schwarz von der Digital Bühne Zürich.

Keystone/Arno Balzarini
Juso-Präsidentin Tamara Funiciello sagt, für einen Teil der Linken sei klar, dass es nichts bringe, mit Rechtspopulisten zu diskutieren. Sie selber sieht das dezidiert anders: «Wer das Gespräch mit Rechten verweigert, gibt ihnen nur Futter für ihre antidemokratischen Positionen.»

Juso-Präsidentin Tamara Funiciello sagt, für einen Teil der Linken sei klar, dass es nichts bringe, mit Rechtspopulisten zu diskutieren. Sie selber sieht das dezidiert anders: «Wer das Gespräch mit Rechten verweigert, gibt ihnen nur Futter für ihre antidemokratischen Positionen.»

Keystone/urs Flueeler

Michael Hermann, in linken Kreisen tobt ein Streit darüber, ob es richtig ist, den Chefideologen der rechtspopulistischen AfD an eine Podiumsdiskussion im Zürcher Theater Gessnerallee einzuladen. Finden Sie die Kritik berechtigt oder geht hier gerade die Schweizer Gesprächskultur flöten?

Gerade im Theater gehört es dazu, dass man provoziert. Wer etwa «Tötet Köppel»-Aktionen gutheisst, sollte auch den Mumm haben, sich den Positionen radikal Andersdenkender zu stellen. Zumal wir hier nicht von Mördern oder Verbrechern reden: Die AfD ist keine verbotene Partei.

Ähnliche Diskussionen flammen ja auch regelmässig auf, wenn die Gästeliste der «Arena» publik wird. Gibt es Positionen, die aus Ihrer Sicht zu extrem sind, um Platz in der Talk-Sendung des Schweizer Fernsehens zu haben?

Holocaust-Lügner haben in einer solchen Sendung sicher nichts zu suchen. Solange Positionen vertreten werden, die nicht strafbar sind, sehe ich grundsätzlich kein ethisches Problem. Als Moderator würde ich mir jedoch die Frage stellen, ob eine Runde Sinn ergibt: Wenn jemand nur radikale Positionen runterbetet, kann kein konstruktives Gespräch entstehen, der Zuschauer langweilt sich und kann seinen politischen Horizont nicht erweitern.

Kommen Populisten in Talks nicht per se besser weg als Politiker, die differenziert argumentieren?

Ja, wenn die «Arena» eine Art verbaler Boxmatch ist, dann landen jene, die stark vereinfachen und Schläge in Richtung Bauchgefühl platzieren, oft am meisten Treffer. Es ist kein Geheimnis, dass die Sendung massgeblich zum Aufstieg der SVP in den 90er-Jahren beitrug. Das funktioniert aber nur bei Gefässen mit kurzem, heftigem Schlagabtausch. Wären dieselben Themen in einer Sendung wie dem «Club» behandelt worden, hätte die SVP kaum auf diese Weise reüssieren können.

Dann haben Linke, die den Rechten das Gespräch verweigern, einfach eine Art Abwehrreflex entwickelt?

Linke haben sicher eher die Tendenz, sich vor der anderen Seite zu schützen als umgekehrt. Rechte gehen solche Konfrontationen oft entspannter an, weil sie wissen, dass sie in der direkten Konfrontation punkten können, wenn sie nur richtig poltern.

Hält die Linke die Rechte auch als gefährlicher als umgekehrt?

Heute ist die Rechte wesentlich revolutionärer und umstürzlerischer als die Linke. Sie stellt bestehende Institutionen infrage. Deshalb: Ja, die Rechte ist aus Sicht der Linken wohl gefährlicher als umgekehrt. Früher war das anders: Kommunisten galten als Landesverräter, viele Bürger erachteten sie als existenzbedrohend für die Schweiz. Doch dann hat der Kommunismus seinen Schrecken verloren, auch die Linke selber wurde harmloser.

Redet man in der Schweizer Politik heute weniger über die Parteigrenzen miteinander als früher?

Ganz generell würde ich sagen: Ja. Lange war es in der Schweizer Politik üblich, dass man sich vor der Kamera die Köpfe einschlug und anschliessend gemeinsam ein Bier trinken ging. Heute bleiben die politischen Gegner eher im eigenen Club, auch die Gesellschaft ist stärker nach Milieus sortiert. Im internationalen Vergleich geht es im Bundeshaus aber immer noch sehr familiär zu und her.

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