Aktualisiert 20.10.2015 15:53

Bewohner des Gammel-Hauses«Wir sind dem Vermieter egal»

Kakerlaken, Uringeruch und Abfall auf sieben Etagen. In einer Grossaktion hat die Polizei den Vermieter verhaftet und Dutzende Bewohner befragt. Einer davon zeigt seine Wohnung.

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ann/zed/rom

Kakerlaken, Uringeruch und Abfall auf 7 Etagen. (Video: Murat Temel)

Schon im Treppenhaus des siebenstöckigen Wohnblocks aus den 1970er-Jahren an der Neufrankengasse im Kreis 4 stinkt es nach Urin. Überall liegt Abfall herum. Türen, Geländer – alles ist dreckig oder kaputt. Es sind vor allem Randständige, die in diesem und im Nachbarblock leben. Am Dienstagmorgen erhielten sie unerwartet Besuch von einem Grossaufgebot der Polizei.

Die Kantonspolizei Zürich befragt zusammen mit der Stadtpolizei Zürich und der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat rund 120 Bewohner dreier Mietshäuser. «Die Befragungen laufen den ganzen Morgen», sagt Stadtpolizei-Medienchef Marco Cortesi. Man habe Durchsuchungsbefehle für die Häuser an der Neufrankengasse und der Magnusstrasse im Zürcher Kreis 4, nicht aber für die Wohnungen. Längst nicht jeder Bewohner lässt die Ermittler hinein.

«Ich habe selber Löcher gestopft»

Einer der die Tür aufgemacht hat, ist Ljubisa Grulovic. Er wohnt seit vier Jahren in einer Eineinhalbzimmer-Wohnung mit rund 15 Quadratmetern im dritten Stockwerk und bezahlt dafür 1100 Franken im Monat, zuvor waren es gar 1300 Franken. In der Wohnung riecht es übel. «Es sind schlimme Zustände, aber der Vermieter hat nie etwas dagegen gemacht – wir sind ihm egal. Ich bin froh, dass ich überhaupt irgendwo wohnen kann», sagt der 43-jährige Sozialhilfeempfänger. Die Stadt bezahlt ihm 800 Franken an die Wohnung.

Es gibt nur eine spärlich eingerichtete, kaputte und vermutlich erst nachträglich eingebaute Küche mit zwei Herdplatten. Als Spülbecken dient ein kaputtes Lavabo, das eigentlich zur Dusche und Toilette gehört. Die Duschkabine ist voller Essensreste. Von der Decke blättert der Verputz ab. Vermutlich handelt es sich bloss um einen Teil einer ursprünglich grösseren Wohnung, die seit Jahren als separates Appartment vermietet wird.

«Ich habe selber Löcher gestopft, damit sich die Kakerlaken nicht weiter ausbreiten», sagt Ljubisa. Von den Nachbarn kenne nicht viele, oft sei es die ganze Nacht hindurch laut, viele seien betrunken oder auf Drogen. «Angst habe ich nicht», sagt der alleinstehende Serbe, der sich laut eigenen Angaben mit Gelegenheitsjobs durchschlägt.

Bedenkliche Zustände

Laut Stefan Oberlin, Sprecher der Kantonspolizei Zürich, sind viele Wohnungen in den beiden Häusern an der Neufrankengasse und in jenem an der Magnusstrasse «in einem bedenklichen Zustand und wurden zu horrenden Preisen vermietet».

Der Aktion gegen dreisten Miet-Wucher waren umfangreiche Abklärungen vorausgegangen. Auf engstem Raum – teilweise ohne funktionierende Wasser-, Strom- oder Wärmeversorgung – hausen mindestens 120 Menschen zu überteuerten Preisen. Sanitäre Anlagen beschränken sich im Wohnhaus an der Magnusstrasse auf Etagentoiletten, die nur zum Teil funktionsfähig sind.

Aktiv geworden ist die Polizei wegen polizeilichen Kontrollen, die sie in der Vergangenheit aus verschiedensten Gründen in den betroffenen Liegenschaften durchgeführt hat.

Nur die nötigsten Reparaturen wurden gemacht

Für ein Zimmer mit rund 10 bis 20 Quadratmetern wurden Mietzinse von über tausend Franken pro Monat verlangt, heisst es in der Mitteilung der Polizei. In den sanierungsbedürftigen Häusern befinden sich auch Mietobjekte mit beschränktem Tageslicht. Obwohl die Feuerpolizei (GVZ) und das Amt für Umwelt- und Gesundheitsschutz der Stadt Zürich (UGZ) den Eigentümer mehrmals auf die Mängel aufmerksam gemacht hatten, sind bislang jeweils nur die nötigsten Reparaturen vorgenommen worden. Die Polizei befragt derzeit sämtliche Bewohner der Häuser als Auskunftspersonen.

Bei den Festgenommenen handelt es sich laut der Polizei um den Eigentümer der Liegenschaften sowie um drei Personen, die im Dienste der Liegenschaftsverwaltung stehen. Die drei Männer und eine Frau sind zwischen 39 und 56 Jahre alt und stammen aus der Schweiz und dem Libanon. Die Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat hat ein Strafverfahren wegen Wuchers eröffnet.

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