«Wir sind der Boxsack» – Autofahrer lassen Benzinpreis-Frust an Tankstellenpersonal aus

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«Wir sind der Boxsack»Autofahrer lassen Benzinpreis-Frust an Tankstellenpersonal aus

Innert weniger Tage sind die Preise für Diesel und Benzin in der Schweiz förmlich explodiert. Tankstellenmitarbeitende berichten von verärgerten Kunden. Autofahrer erzählen, dass sie die nächste Tankfüllung nicht mehr bezahlen können.

von
Daniel Krähenbühl
Fabian Pöschl
Dominic Benz
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Die Preise für Benzin und Diesel sind so hoch wie noch nie. 

Die Preise für Benzin und Diesel sind so hoch wie noch nie. 

20min/Taddeo Cerletti
Innert weniger Tage stiegen die Preise um bis zu 40 Rappen pro Liter. 

Innert weniger Tage stiegen die Preise um bis zu 40 Rappen pro Liter. 

20M
Zu spüren kriegen das unter anderem auch die Mitarbeitenden in den Tankstellen: «Wir Kassierer sind zum Boxsack geworden, die Leute lassen ihren Frust an uns raus», sagt eine Tankstellenverkäuferin aus dem Raum Winterthur.

Zu spüren kriegen das unter anderem auch die Mitarbeitenden in den Tankstellen: «Wir Kassierer sind zum Boxsack geworden, die Leute lassen ihren Frust an uns raus», sagt eine Tankstellenverkäuferin aus dem Raum Winterthur.

20min/Taddeo Cerletti

Darum gehts

  • Die Preise für Benzin und Diesel steigen stark an. Rohöl kostet fast doppelt so viel wie vor einem Jahr.

  • Grund dafür ist der Krieg in der Ukraine und die unsichere Versorgungslage mit Erdöl im Westen.

  • «Wir Kassierer sind zum Boxsack geworden, die Leute lassen ihren Frust an uns raus», sagt eine Tankstellenverkäuferin.

  • «Ich bin aufs Velo umgestiegen», sagt der ehemalige Autofahrer Julian (25). 

Ein Liter Benzin für 2.40 Franken, ein Liter Diesel für 2.65: Der Krieg in der Ukraine lässt die Preise an den Tankstellen stark steigen. Die Lage dürfte angespannt bleiben: Am Dienstag hatte die USA und Grossbritannien einen Importstopp von russischem Erdöl angekündigt. Auch die EU will die Abhängigkeit von russischem Gas und Erdöl minimieren. Die amerikanische Energy Information Administration (EIA) rechnet frühestens wieder 2023 mit tieferen Erdölkosten.

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Anfang der Woche kostete der Liter Diesel knapp über zwei Franken, den Liter Benzin 95 gabs noch für rund 1.90 Franken. In der Bevölkerung ist die Verärgerung ob dem happigen Preisaufschlag gross. Zu spüren kriegen das unter anderem auch die Mitarbeitenden in den Tankstellen: «Wir Kassierer sind zum Boxsack geworden, die Leute lassen ihren Frust an uns raus», sagt eine Tankstellenverkäuferin aus dem Raum Winterthur. «Sie werfen uns Abzockerei vor, dass wir unverschämt seien. Dabei können wir gar nichts für den Preisanstieg – uns sind die Hände gebunden.» Obwohl sich die Leute über den Benzinpreis ärgerten, stauten sich derzeit die Autos vor den Tankstellen, sagt die Frau. «Das zeigt mir, dass die Schmerzgrenze noch nicht erreicht ist.»

«Leute rechnen mit steigenden Preisen»

Ein Tankstellenwart aus Oerlikon (ZH) hat dafür eventuell eine Erklärung: «Viele Leute haben Angst, dass die Preise nur noch weiter steigen.» Statt wie normalerweise nur für 20 oder 30 Franken zu tanken, füllten sie nun ihren Tank. Auch zahlreiche andere Tankstellenmitarbeitende berichten von verärgerten und genervten Kunden und Kundinnen. «Mit Rabatten von fünf Rappen pro Liter versuchen wir derzeit die Kunden etwas zu beruhigen», sagt ein Verkäufer.

Ein weiterer Tankstellenbetreiber im Raum Zürich will hingegen nicht jammern: «Die Leute ärgern sich über den Benzinpreis, aber auf solche Diskussionen lasse ich mich nicht ein.» Die paar Rappen würden in keinem Verhältnis zum Leid in der Ukraine stehen. «Dort sterben die Menschen und die Städte werden zerstört.» Das sei eine Tragödie, so der Mann. «Wir haben wenigstens noch Benzin zur Verfügung.»

Vor allem Autofahrer und Autofahrerinnen, die zwingend auf das Fahrzeug angewiesen sind, zeigen sich von der Preisexplosion überrascht:

G. (36): «Autofahren können sich nur noch Reiche leisten»

«Als alleinerziehende Mutter von drei Kindern bin ich nicht auf Rosen gebettet. Bereits bisher musste ich mich bei allem an ein fixes Budget halten. Der jetzige Preisanstieg fürs Benzin ist für uns unerträglich und zwingt mich wohl, das Autofahren aufzugeben. Eine Tankfüllung kostet uns mittlerweile ein kleines Vermögen, das kann ich mir nicht mehr leisten. Die Schmerzgrenze ist erreicht. Schlimm ist: Für die ganze Familie wäre der öffentliche Verkehr nicht mal günstiger. Hier sollte der Staat einschreiten.

Auf das Auto bin ich angewiesen, weil ich meine Tochter oft ins Spital fahren muss. Zudem bin ich auf Jobsuche und das Auto würde helfen, eine Anstellung zu finden. Stand jetzt können sich aber nur noch Reiche Autofahren leisten. Das finde ich extrem unfair.»

Julian (25): «Bin aufs Velo umgestiegen»

«Ich kann mir ab sofort weder das Autofahren, noch den ÖV leisten. Der Benzinpreis hat mich nun ganz in die Knie gezwungen: Bisher konnte man sich ein günstiges Auto anschaffen, das wenig verbraucht und dessen Versicherung nicht viel kostet. Doch das ist jetzt auch nicht mehr möglich. Von vorher 100 bis 150 Franken sind meine Kosten fürs Benzin mittlerweile auf fast 400 gestiegen. Da ich als Flugbegleiter sowieso aufs Geld achten muss, schmerzt jede Preiserhöhung beim Benzin gleich doppelt. Noch enger kann ich mir den Gürtel nicht schnallen, deshalb bin ich jetzt auf das Velo umgestiegen. Die krasse und plötzliche Preiserhöhung hat mich sehr überrascht: Ich rechnete damit, dass die Preise erst allmählich in den nächsten Wochen steigen werden.»

Matthias (32): «Nicht alle leben in einer Stadt»

«Als Rollstuhlfahrer ist es mir nur schlecht möglich, auf das Auto zu verzichten: Allein für meinen Arbeitsweg müsste ich drei Mal umsteigen, wobei ich immer auf fremde Hilfe angewiesen wäre. Es wäre deshalb sehr umständlich und kompliziert. Obwohl ich nicht am Hungertuch nage, tut dieser hohe Benzinpreis aber auch mir weh. 2.20 Franken für einen Liter ist so ziemlich die Schmerzgrenze, bei allem drüber müsste der Staat den Steuerzahlern meiner Meinung nach entgegenkommen. Sei das mit einer Senkung der Mineralölsteuern oder der Strassenverkehrsabgaben. Schliesslich sind ganz viele Leute auf das Auto angewiesen – nicht alle Leute leben in einer Stadt, wo jede Busstation nur 50 Meter entfernt ist.»

Nothilfe für Menschen in der Ukraine

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