Das Jahr der Hacker: «Wir sind die neuen Rockstars»
Aktualisiert

Das Jahr der Hacker«Wir sind die neuen Rockstars»

Verunstaltete Webseiten, Datenlecks und überlastete Server: 2011 stand im Zeichen von Anonymous und Co. Die «Hacktivisten» sehen sich als Robin Hoods des Internets - und schrecken vor nichts zurück.

von
dsc

Sie haben Sicherheitslücken aufgedeckt, Kundenkonten geknackt und DDoS-Attacken gestartet: Hacktivisten haben dieses Jahr ihr Unwesen getrieben und für so manche beunruhigende Nachricht gesorgt. «2011 war nicht das aktivste, aber das sichtbarste Jahr der Hacktivisten», sagte Stephan Urbach von der internationalen Netzaktivisten-Gruppe Telecomix gegenüber der deutschen Presseagentur DPA und ergänzte: «Hey, wir sind eh die neuen Rockstars, es wird Zeit, dass die Leute das auch mitbekommen.»

Nicht nur für Nerds

Und sie scheinen es mitbekommen zu haben: «Es gibt eine wachsende Gruppe von Menschen, die Fans dieser Bewegung sind und die ihre Unterstützung öffentlich äussern wollen», sagte ein renommierter Sicherheitsexperte gegenüber DPA. Und das seien keineswegs nur Leute aus der Nerd-Ecke, sondern Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen auf der Suche nach neuen Anstössen. Dabei gerate teilweise aus dem Blick, «dass viele Dinge, die von den Hacktivisten unternommen werden, einfach illegal sind».

Ob illegal oder nicht - den Hackern und ihren Supportern geht es darum, ein Zeichen zu setzen. Gruppierungen wie Anonymous oder LulzSec deckten Sicherheitslücken bei grossen Unternehmen oder Behörden auf, unter anderem bei Sony, beim US-Senat oder auch der Website des US-Geheimdienstes CIA oder der NATO.

Anonymous bekannte sich auch zu Cyber-Angriffen auf Firmen wie VISA, Mastercard und Paypal, die zuvor ihre Beziehungen zur Enthüllungsplattform WikiLeaks abgebrochen und ihr damit eine wichtige Finanzierungsmöglichkeit genommen hatten. Vergangene Woche wurde bekannt, dass Anonymous-Aktivisten eine grosse Zahl an E-Mail- und Kreditkartendaten des in den USA ansässigen Sicherheitsinstituts Stratfor gestohlen hatten. Ziel der Aktion sei es gewesen, mit den Daten eine Million Dollar zu entwenden und diese dann als Weihnachtsspenden zu verschenken, teilten die Hacker mit.

Häufig starteten Web-Piraten sogenannte DDoS-Attacken, bei denen auch Leute ohne grosses Computer-Fachwissen mitmachen können. Dabei werden Web-Server von vielen Computern gleichzeitig mit Anfragen bombardiert und in die Knie gezwungen. Die Reaktion der Polizei liess nicht auf sich warten.

Freiheitskämpfer und Vandalen

Anonymous beruhe «auf einer festen antihierarchischen Ethik, die keine Promis erzeugen will, und ihre Aktionen sind offen für alle, die dazu beitragen wollen», erklärte die New Yorker Kulturwissenschaftlerin und Hacker-Expertin Gabriella Coleman in einem Beitrag für die Zeitschrift «Public Culture». Diesen Hackern gehe es um liberale Grundüberzeugungen wie Meinungs- und Informationsfreiheit und darüber hinaus um den Nervenkitzel, in Computer einzubrechen.

Bei einer Attacke auf das Netzwerk der Spielkonsole Playstation erhielten die Angreifer Zugriff auf mehr als 100 Millionen Kundenkonten, wie im April bekannt wurde. Das Unternehmen wurde anschliessend massiv kritisiert, weil es sein Netz nicht ausreichend gesichert und die Kunden nach Bekanntwerden des Falles nicht schnell genug informiert habe.

Staatstrojaner im Visier

Auch staatliche Organisationen mussten Kritik einstecken. Nachdem der Chaos Computer Club einen Staatstrojaner-Skandal in Deutschland aufdeckte, gerieten auch die Schweizer Amtsstellen unter Druck. Als mehrere Ermittlungsbehörden den Einsatz von Schnüffel-Programmen zugegeben hatten, gab der Bundesrat die Stossrichtung vor. Staatliche Trojaner-Einsätze sollen - unter strikten Auflagen - gesetzlich erlaubt sein. Die Reaktionen fielen gespalten aus.

Staatliche Hacker-Angriffe sind längst kein Tabu mehr. Genau dies werfen die USA immer offener China vor. So wird vermutet, dass chinesische Hackergruppen, deren Treiben in Peking gesteuert wird, hinter Angriffen auf Behörden und Firmen in den USA stecken.

LulzSec löst sich auf

Doch das Leben als illegaler Internet-Aktivist ist nicht einfach. Die Hacker-Gruppe LulzSec gab im Juni die Auflösung bekannt. Ob es ein endgültiger Abschied war, wird sich zeigen. Angeblich gelang es der Polizei, führende Köpfe zu verhaften. Die namenlosen Aktivisten von Anonymous werden sicher auch im neuen Jahr in den Schlagzeilen präsent sein. «Die umstrittenen Hacker-Kollektive werden ihre hacktivistische Bewegung fortsetzen und damit auch in kommender Zeit für Unruhe im Internet sorgen», prognostiziert die Schweizer Sicherheitsfirma Scip AG.

Angst scheint für die meisten Hacker ohnehin ein Fremdwort zu sein. Das Kollektiv Anonymous verscherzte es sich gar mit dem mexikanischen Drogenkartell Los Zetas - gefährlichere Feinde kann man sich kaum machen.

Natürlich kommt bei den Hackern auch die Selbstbeweihräucherung nicht zu kurz. Unbekannte haben bei YouTube einen Jahresrückblick zu den zahlreichen Anonymous-Attacken veröffentlicht. Der siebenminütige Film endet mit der Ankündigung, dass auch 2012 mit Anonymous zu rechnen sei. Die «Rockstars» bleiben also «on Tour». (dsc/dapd)

Die Amis misstrauen dem Netz

Im vergangenen Jahrzehnt hat sich das Internet wie kein anderes Medium im Leben der Menschen vor allem auch in den USA breitgemacht. Den Informationen, die online verbreitet werden, trauen sie aber immer weniger, wie aus einer jetzt veröffentlichten Studie der Universität von Südkalifornien (USC) hervorgeht.

Für drei Viertel der Internetnutzer ist das World Wide Web zwar eine wichtige Informationsquelle, für verlässlich halten sie das, was sie online sehen, aber nicht unbedingt. Das gilt besonders für die sozialen Netzwerke. Dort suchen die Menschen aber auch nicht nach verlässlichen Informationen, sondern es geht darum, sich mit anderen auszutauschen.

Das Zentrum befragt seit 1999 jedes Jahr 2000 Haushalte in den USA. Zunehmend Sorge machen sich die Amerikaner demnach um den Datenschutz. Dabei beunruhigt sie vor allem, dass Firmen das beobachten, was sie online machen.

(dapd)

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