Eis go zieh mit ... Regula Rytz: «Wir sind die Partei der Windräder»
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Eis go zieh mit ... Regula Rytz«Wir sind die Partei der Windräder»

Den Grünen steht ein harter Wahlherbst bevor. Co-Präsidentin Regula Rytz über Frauen-Klischees, Polterpolitik und die Zukunft ihrer Partei.

von
sma
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Regula Rytz, Co-Präsidentin der Grünen, beim Gespräch mit 20 Minuten im Bundeshaus. Sie spricht über die Zukunft ihrer Partei, Polterpolitik und Frauen-Klischees.

Regula Rytz, Co-Präsidentin der Grünen, beim Gespräch mit 20 Minuten im Bundeshaus. Sie spricht über die Zukunft ihrer Partei, Polterpolitik und Frauen-Klischees.

Die 53-Jährige sich für den Herbst mit schlechten Wahlprognosen konfrontiert. Im optimalsten Fall dürften die Grünen ihre Wähleranteile halten können.

Die 53-Jährige sich für den Herbst mit schlechten Wahlprognosen konfrontiert. Im optimalsten Fall dürften die Grünen ihre Wähleranteile halten können.

Keystone/Walter Bieri
Regula Rytz und Adèle Thorens bei ihrer Wahl ins Co-Präsidium der Grünen vor drei Jahren.

Regula Rytz und Adèle Thorens bei ihrer Wahl ins Co-Präsidium der Grünen vor drei Jahren.

Keystone/Salvatore di Nolfi

Unter Parlamentariern gilt sie als Perfektionistin. Nun droht Regula Rytz, Co-Präsidentin der Grünen, eine schmerzliche Niederlage: Statt auf die 10-Prozent-Marke zuzusteuern – ein Ziel, das sich Rytz und Adèle Thorens bei ihrer Wahl ins Doppelpräsidium vor drei Jahren setzten –, sieht sich die 53-Jährige für den Herbst mit schlechten Prognosen konfrontiert. Im besten Fall dürften die Grünen ihre Wähleranteile halten können.

Wie verkraftet die ehemalige Lehrerin – deren politische Karriere von der Studentenrätin über die Gross- bis hin zur Gemeinde- und schliesslich Nationalrätin nahezu tadellos verlief – solche Hiobsbotschaften? Es scheint, als fühlte sie sich jetzt erst recht herausgefordert. Gebetsmühlenartig wiederholt sie, dass man es schaffen könne, sich aber nun nicht zurücklehnen dürfe, dass die einzige relevante Umfrage der Wahlsonntag vom 18. Oktober sei.

So auch an diesem Nachmittag beim Treffen im Café des Alpes im Bundeshaus. Sie spricht vom «sportlichen Schlussspurt» und davon, dass der drohende Rechtsrutsch die Wähler aufrütteln und die umweltbewussten Menschen an die Urne bringen könne. Rytz bestellt sich einen Espresso und blickt auf den Bildschirm vor ihr, um auch während des Gesprächs keine Abstimmung zu verpassen. Der Nationalrat debattiert gerade über das Asylgesetz. Es sei schon unglaublich traurig, was sich in Europa gerade abspiele. «Hätte ich mehr Zeit, ich würde sofort Flüchtlinge bei mir aufnehmen.» Im Herbst werde sie stattdessen als Freiwillige in der Asylunterkunft, die in ihrem Quartier die Türen öffnet, mithelfen.

«Partei der Windräder, nicht der Windfahnen»

Doch der Terminkalender ist voll – sehr sogar. Zugegeben, gesund sei ihr Lebensstil momentan sicher nicht. Parteipräsidium, Wahlkampf, Session – ein Fulltime-Job, bei dem «man wenig schläft, kaum mehr zum Joggen kommt und Familie und Freunde hintanstehen müssen». Doch sie erhalte auch viel Unterstützung. «Es fägt», sagt sie und strahlt über den Tisch in gewohnt stilsicherem Outfit mit goldenem Schmuck im linken Ohr. Schliesslich mache sie Politik aus Überzeugung – «aus Überzeugung für den Umweltschutz, für eine nachhaltige Wirtschaft, für eine gerechtere Welt», sagt Rytz, die sich selbst vegetarisch ernährt, mit dem Velo zur Arbeit fährt und Ferien in den heimischen Bergen solchen an exotischen Stränden vorzieht.

Grüne Themen, mit denen die Partei momentan aber nur schwer punkten kann. Der Fukushima-Effekt ist längst verpufft. Mit der Frankenstärke und der Flüchtlingskrise stehen derzeit zudem andere Probleme im Fokus der Öffentlichkeit. «Wir sind die Partei der Windräder und nicht der Windfahnen und bleiben unseren Haltungen treu», sagt Rytz. Die Grünen seien die Einzigen, die wirklich Klartext redeten («Wir werden der SVP bei den Bundesratswahlen keine Stimmen geben») und nicht täglich ihre Meinung änderten («Wir sind nicht einmal für den EWR und dann wieder dagegen»). Für gewisse Parteipräsidenten möge es stimmen, sich in der Sonntagspresse mit absurden Vorschlägen anzupreisen. «Ich aber verkaufe meine Überzeugungen nicht für zwei Sekunden Scheinwerferlicht.»

«Muss nicht wie Blocher bis 70 zuvorderst stehen»

Rytz ist bekannt für eine Politik der leisen Töne («Man muss nicht alles mit 180 Dezibel in die Welt hinausposaunen») und wird deswegen nicht selten als zurückhaltend, unscheinbar, ja fast schon als langweilig abgestempelt. Der «Tages-Anzeiger» schrieb über Rytz und Thorens einmal, sie seien so aufregend wie «Zierpflanzen in einem Swingerclub». «Das sind dumme und sexistische Vorurteile», kontert Rytz. Kein Wunder, «wird man in Bern zur Feministin». Sie verweist auf ein kürzlich erschienenes Rating von Politologe Michael Hermann, in dem sie als erste Frau auf dem neunten Platz der aktivsten Parlamentarier landet. «Frauen sind in politischen Führungspositionen leider immer noch die Ausnahme der Regel», sagt Rytz. «Das wollen wir Grünen ändern.»

Mit ihrer Präsidiumskollegin lebt Rytz ein modernes Modell der Gleichberechtigung – «Jobsharing in der Führungsposition, sozusagen». Konflikte gebe es kaum. «Wir widersprechen uns weniger als zum Beispiel FDP-Präsident Philipp Müller sich selbst», lacht sie. Adèle Thorens habe ein kleines Kind und sei froh um mehr Zeit für die Familie. Ganz uneigennützig sei die Aufgabenteilung – Rytz ist für die Deutsch-, Thorens für die Westschweiz zuständig – aber auch aus einem anderen Grund nicht. «Bei französischen Radio- oder Fernsehinterviews komme ich ins Schwitzen.»

Rytz selbst lebt mit ihrem Partner im Berner Breitequartier, Kinder haben sie keine. Familien- und Karriereplanung hat Rytz nie interessiert. Sie habe das Leben immer so genommen, wie es gekommen sei. Einzig für ihr Göttikind findet die Nationalrätin im hektischen Wahlkampf am Wochenende manchmal Zeit. «In den nächsten Jahren will ich mit den Grünen den Atomausstieg ins Trockene bringen und die bilateralen Verträge retten.» Was danach komme, wisse sie aber nicht. Vielleicht werde sie mal noch Journalistin oder leite eine Schule. Nur eines sei sicher. «Ich muss nicht wie Christoph Blocher noch mit 70 in der vordersten Reihe stehen.» Ihre Eltern würden es ihr danken: «Sie mögen es nicht besonders, dass ich eine öffentliche Person bin.»

Fünf Fragen an Regula Rytz

Was wären Sie gerne geworden?

Pianistin

Wann haben Sie das letzte Mal geweint?

Als ich die Bilder der Flüchtlinge in Ungarn sah. Es macht mich , wenn Menschen in Not sind

Was war Ihr bester Entscheid?

Das ich mit meinen Mann zusammengezogen bin

Wer macht bei Ihnen zuhause die Hausarbeit?

50/50

Welche Schlagzeile würden Sie gerne über sich lesen?

«Rytz hat mit den Grünen den Atomausstieg durchgesetzt»

(sma)

«Eis go zieh mit...»

Während den Parlamentssessionen trifft sich 20 Minuten jeweils mit bekannten und weniger bekannten Politikern verschiedener Parteien auf ein Bier. Oder auch auf ein Glas Wein, einen Kaffee oder einen Himbeersirup. Hauptsache, es entstehen spannende Gespräche, die auch einen Einblick in die Persönlichkeiten hinter der politischen Arbeit erlauben.

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