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Coldplay«Wir sind extrem nervös»

Coldplay haben ein neues Album. Darum ist Sänger Chris Martin alles andere als cool.

von
Marlies Seifert

Das Hauptquartier der grössten Popband der Welt ist ein schmales Backsteingebäude im Londoner Nobelquartier Hampstead. Früher war es eine Bäckerei. Der Eingang ist videoüberwacht, im Treppenhaus hängt eine Gitarre. Ansonsten weist nichts auf Rockstars hin. Im oberen Stockwerk herrscht sogar eine bünzlige Finken-Pflicht. Chris Martin kommt herein – gross gewachsen und von seinen täglichen Yoga-Übungen gestählt. Mit festem Händedruck stellt er sich vor und fixiert mich mit seinen türkisblauen Augen: «Hallo, ich bin Chris.»

Hi Chris. Ich konnte mir einen Teil eures neuen Albums «Mylo Xyloto» anhören, und wie immer, wenn ich Coldplay höre, kriege ich danach die Melodie nicht mehr aus meinem Kopf.

Chris Martin: Oh, das tut mir leid. (Lacht)

Schon okay. Die Melodien sind einfach total eingängig.

Danke schön. Darf ich Danke sagen?

Klar, wieso nicht?

Es klingt irgendwie vorwurfsvoll, wenn Leute sagen, dass sie einen Song nicht mehr aus dem Kopf kriegen. Anfangs hab ich noch gedacht, es sei ein Kompliment, aber lang­sam bekomme ich den Eindruck, dass es nicht wirklich nett gemeint ist.

Ich meine es nett.

Gut.

Wie fühlt sich das eigentlich an, wenn die ganze Welt auf dein neues Album wartet?

Wir sind extrem nervös.

Wird man nicht gelassener mit der Zeit?

Man kann es nie allen recht machen. Und die ersten Leute, von denen man eine Reaktion bekommt, sind in der Regel nicht diejenigen, die deine Musik toll finden. Wir wissen mittlerweile, dass wir in den nächsten Monaten unten durch müssen.

Lasst ihr euch von Hatern wirklich noch beunruhigen? Ihr habt doch schon 50 Millionen Platten verkauft!

Es ist schwer, sich von negativen Kommentaren nicht beeinflussen zu lassen. Aber diesmal haben wir uns gesagt: Scheiss auf diese Leute, wir machen Musik für diejenigen, die Freude daran haben. Jeder, der mit seinem Geld an der Tankstelle unsere CD kauft, soll die nächsten 45 Minuten eine gute Fahrt haben. Wir machen Entertainment.

Wie war der Vibe im Studio?

Gut. Wir haben einen Weg gefunden, uns auf sehr nette Art zu sagen, dass wir etwas Scheisse finden. Es hilft, dass wir mit der Bakery endlich unsere eigenen vier Wände haben. Wenn wir uns mal zoffen, können wir uns aus dem Weg gehen. Wir wohnen nur ein paar Minuten von hier.

Was denkst du über die Unruhen in London?

Um ehrlich zu sein, konnte ich mir erst nicht vorstellen, dass irgendwer in England das Gefühl hat, sich gegen etwas auflehnen zu müssen. Allerdings geht es ein paar Leuten wahrscheinlich tatsächlich nicht so gut.

Habt ihr denn nichts mitbekommen?

Wir waren da gerade in New York. Aber die Riots waren direkt hier vor der Tür. Hauptsächlich versuchten Kids an ein Gratis-Velo und eine Pizza ranzukommen.

Aber deswegen plündern und Häuser in Brand stecken?

Ich habe gemischte Gefühle. Sorry, mehr kann ich dazu im Moment nicht sagen. Reden wir doch wieder über Musik.

Ok. Was wünschst du dir für euer neues Album?

(Denkt lange nach) Dass Barack Obama sich den Albumtitel «Mylo Xyloto» auf den Hals tätowieren lässt. Es würde mir ehrlich viel bedeuten, wenn er es so gut fände. Aber das wird wohl eher nicht passieren.

Du hast mal gesagt, dass du mit 33 keine Songs mehr schreiben möchtest, weil das mit Bierbauch nicht geht. Du bist jetzt 34, und ich sehe keine Fettpölsterchen. Heisst das, wir dürfen uns auf mehr Coldplay-Alben freuen?

Ich glaube nicht. Aber jetzt ist auch kein guter Moment, um mich das zu fragen. Wir haben alles in die neue Platte reingesteckt. Ein Sprinter ist nach 100 Metern ausgepowert. So geht es uns mit der Musik.

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