«Layla»-Produzent: «Wir sind keine Idioten, die auf Kosten der Frau Quoten machen wollen»

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«Layla»-Produzent«Wir sind keine Idioten, die auf Kosten der Frau Quoten machen wollen»

Die Sexismus-Kontroverse um den Ballermann-Song «Layla» hält an – und auch der Charterfolg. Produzent Ikke Hüftgold bezieht gegenüber 20 Minuten Stellung zur Kritik.

von
Angela Hess
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Der umstrittene Song «Layla» dominiert aktuell sowohl hierzulande als auch in Deutschland und Österreich die Charts. Matthias Distel (45) – besser bekannt als Ikke Hüftgold – hat das Lied produziert.

Der umstrittene Song «Layla» dominiert aktuell sowohl hierzulande als auch in Deutschland und Österreich die Charts. Matthias Distel (45) – besser bekannt als Ikke Hüftgold – hat das Lied produziert.

Instagram/ikkehueftgold
Gesungen wird «Layla» von DJ Robin (26, l.) und Schürze (31). Im Songtext heisst es unter anderem: «Schöner, jünger, geiler.»

Gesungen wird «Layla» von DJ Robin (26, l.) und Schürze (31). Im Songtext heisst es unter anderem: «Schöner, jünger, geiler.»

Instagram/djrobin1996
Kritikerinnen und Kritiker werfen den beiden Interpreten und Ikke – im Bild ohne sein Markenzeichen, die schwarze Perücke, zu sehen – seit mehreren Wochen vor, mit «Layla» sexistische Inhalte zu verbreiten.

Kritikerinnen und Kritiker werfen den beiden Interpreten und Ikke – im Bild ohne sein Markenzeichen, die schwarze Perücke, zu sehen – seit mehreren Wochen vor, mit «Layla» sexistische Inhalte zu verbreiten.

Instagram/matthiasdistel

Darum gehts

  • Seit mehreren Wochen herrscht um den Party-Schlager-Hit «Layla» von DJ Robin und Schürze eine öffentliche Diskussion.

  • Kritikerinnen und Kritiker argumentieren unter anderem, dass der Inhalt des Songtexts sexistisch sei.

  • An zahlreichen Veranstaltungen in Deutschland wird das Lied nicht gespielt, gleiches fordert die Juso in der Schweiz.

  • Dennoch steht «Layla» auch hierzulande auf Platz eins der Charts.

  • Matthias Distel (45), alias Ikke Hüftgold, ist Ballermann-Star und hat «Layla» produziert. Im Interview spricht er über die Vorwürfe.

Ikke, kannst du nachvollziehen, dass «Layla» eine Kontroverse ausgelöst hat?

Die Diskussion um «Layla» kann ich natürlich verstehen. Das gehört auch dazu in einer freien Gesellschaft, dass man diskutiert. Aber ich verstehe in keinster Weise, dass diese Diskussion so hitzig geführt wird und mit Verboten einhergeht – da entscheidet man ganz klar gegen die Mehrheit. Die Mehrheit sagt nun mal: «Der Song ist vollkommen in Ordnung.» Und deshalb wird er auch von Millionen von Leuten aktuell gehört.

Und was sagst du zur Debatte, dass der Songtext als sexistisch bezeichnet wird?

Da kann man darüber streiten. Wir wissen, dass Schürze und Robin die Frau auf die Attribute «schöner, jünger, geiler» reduzieren, aber das Ganze in einem sehr humoristischen, satirischen Rahmen. Und deshalb haben die Jungs auch entschieden, das Musikvideo mit einem Mann als Layla zu drehen, um dieser Debatte aus dem Weg zu gehen. Von daher sind wir hier alle keine Idioten, die auf Kosten der Frau Quoten machen wollen, sondern wir gehen da bedacht an solche Songtexte ran und definieren unsere Grenzen, die vereinbar sind mit dem, was es bei uns am Ballermann schon immer gab.

Volksfeste verbieten das Lied, in Radios läuft es gar nicht oder erst spätabends. Auch in der Schweiz fordern unter anderem Politikerinnen und Politiker, dass «Layla» nicht gespielt wird. Wie geht man als Produzent und Künstler mit solchen Beschlüssen und Forderungen um?

Radios haben unsere Musik eh noch nie gespielt. Und Verbote führen ja immer dazu, dass Themen noch grösser werden, das hat man an «Layla» gesehen. Das war natürlich für unsere Branche der absolute Jackpot: Die Party-Schlager-Musik von allen Künstlerinnen und Künstlern wird aktuell in solchem Masse gestreamt, dass wir mittlerweile fünf Songs in den deutschen Charts haben. Das gab es noch nie. Die Leute konsumieren übers Internet, das Radio verliert immer mehr an Bedeutung. Wenn das Radio clever wäre, würde der eine oder andere Sender auch sagen: «Komm, das ist nun mal Mainstream, wir geben dem Programm auch eine Chance.»

Findest du «Layla» sexistisch?

«Layla» steht auch in der Schweiz an der Spitze der Charts. Ist der Song nur wegen der aktuellen Kontroverse so erfolgreich?

«Layla» ist natürlich nicht wegen der Debatte so erfolgreich geworden, sondern war zumindest in Deutschland und Österreich schon Nummer eins, als die Debatte begann. Die Debatte befeuert das nur noch mehr, jetzt kennt wirklich jeder «Layla». Es kommt ja keiner mehr daran vorbei. Das hilft uns natürlich auch wieder, aber es hilft vielleicht auch, eine breite Diskussion am Leben zu halten: Was ist denn noch vertretbar in der Musik?

«Layla» ist nicht der einzige Party-Schlager-Song, der die Frau so in den Fokus stellt. Sind explizite Texte das Erfolgsgeheimnis am Ballermann? Ist das noch angebracht im Jahr 2022 – Stichwort Feminismus und #MeToo?

Die Würze macht es definitiv bei den Ballermann-Songs. Wir haben ja ganz viele erfolgreiche Songs, die mit dem Körper der Frau oder auch dem Körper des Mannes kokettieren. Das gehört halt zu dieser Partyszene dazu, es gibt eine gewisse Freizügigkeit. Also ja, um Erfolg zu haben, brauchen wir auch immer wieder Themen, die ein Stück weit polarisieren oder provozieren.

Bist du jemand, der sich gegen Sexismus einsetzt? Ist dir das Thema wichtig?

Ja, Sexismus ist ein riesiges Thema für mich. Ich habe dort ganz klare Grenzen definiert, in meinen Texten und in meinem Verhalten sowieso. Ein Mann hat verdammt noch mal sowohl seine Hände von Frauen zu lassen, wenn dies nicht gewollt ist, als auch sie nicht zu beleidigen und auf ihren Körper zu reduzieren. Das passiert natürlich relativ oft in der Gesellschaft  – das ist ein Thema, das diskutiert werden muss.

Und diskutieren ist der richtige Weg, nicht Zensur. Die Leute, die mit Party-Schlager feiern möchten, sollen das auch dürfen, solange sich das im gesetzlichen Rahmen bewegt. Alle anderen können wegschauen und sich für andere Musik entscheiden, die ja oft deutlich sexistischer ist. Jeder zweite englische Songtext, den man übersetzt, hat sexistische Züge. Die Songs werden alle im Radio gespielt. 

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, aufgrund der Geschlechtsidentität diskriminiert? 

Hier findest du Hilfe:

Gleichstellungsgesetz.ch, Datenbank der Fälle aus Deutschschweizer Kantonen

Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann

Du hast dich zur «Layla»-Debatte relativ schnell selbst zu Wort gemeldet und auf künstlerische Freiheit plädiert. Was bedeutet das für dich?

Künstlerische Freiheit ist in jeder Demokratie fest verankert. Man muss eine Kultur mit künstlerischer Freiheit leben dürfen, weil gerade auch sie dazu führt, dass diskutiert wird. Wo fängt Kunst an, wo hört sie auf? Für mich gibt es da den legalen und den moralischen Rahmen. Und die Moral definiert jeder ein Stück weit anders.

Auf Social Media heisst es momentan häufig, dass auch im Deutschrap sexistische Texte keine Seltenheit sind, dort aber kein derartiger öffentlicher Aufschrei entsteht. Was denkst du darüber?

Es ist unfassbar traurig, was für Texte von diversen Künstlern – für mich sind das Gewaltverherrlicher – in die Welt gesetzt werden. Da ist keine Satire oder Humor dabei. Das ist in ganz vielen Texten die blanke Menschenverachtung. Das ist das Fragwürdige an unserer Gesellschaft, wieso so etwas stattfinden darf. Das ist nicht gut, weil unsere Jugend im schlimmsten Fall nachlebt, was in den Texten geschrieben wird.

Welche Musik hört man als Ballermann-Star privat?

Ich höre privat in der Tat keinen Party-Schlager. Mein Herz schlägt für die gute alte Rockmusik. Ich mag auch Deutschrock – da fühle ich mich zu Hause, da komme ich her. Aber wenn ich auf Tour am Sonntagmorgen allein auf der Autobahn nach Hause fahre, höre ich mir auch mal eine Stunde Klassik an, weil das unfassbar bewegende Musik ist.

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