Rassismus-Debatte in Egerkingen: «Wir sind stolz darauf, Negerchinger zu sein»
Aktualisiert

Rassismus-Debatte in Egerkingen«Wir sind stolz darauf, Negerchinger zu sein»

Für ihren Fasnachtsnamen «Negerchinge» erntete die Gemeinde Egerkingen Kritik. Die Fasnächtler reagieren mit Unverständnis – und wollen an ihrem Namen festhalten.

von
S. Ulrich

Egerkingens Gemeindepräsidentin Johanna Bartholdi nimmt die Rassismus-Debatte in ihrer Ansprache aufs Korn.

Die Chräieschränzer hornen, blasen und trommeln, was das Zeug hält. Im solothurnischen Egerkingen hat soeben der Naarechlapf, der Auftakt in die Fasnachtswoche, begonnen. Zu den fröhlichen Klängen der hiesigen Guggenmusik haben sich jüngst allerdings Misstöne hinzugesellt.

Denn just zum Start der Narrenzeit hat die Rassismus-Debatte die Gäuer Gemeinde erreicht. Hier setzen die Fasnächtler für sieben Tage ein N vor ihren Dorfnamen und nennen sich «Negerchinger». Die Praxis blieb über viele Jahre unbescholten. Kürzlich aber trabte ein Schulbub samt Lehrerin bei Gemeindepräsidentin Johanna Bartholdi an, um seine Bedenken anzumelden.

Eine Rüge gabs auch von der Eidgenössichen Kommission gegen Rassimus (EKR). Diese empfiehlt den Verantwortlichen der Egerkinger Fasnacht, mehr «Geschichtsbewusstsein, Feingefühl und Grundanstand» walten zu lassen. Der Fasnachtsnamen sei klar rassistisch und gehöre deswegen abgeschafft, forderte gar der Afrikanische Diaspora-Rat.

Gemeindepräsidentin hat sich «schwarz geärgert»

Bartholdi kündigte auf die Kritik hin an, das Thema in ihrer Fasnachtsansprache aufzugreifen – und hielt Wort. Sie habe besagtem Schüler erklären müssen, dass Negerchinge nicht diskriminierend gemeint sei, erklärte sie vor versammelter Menge. «Im Gegenteil: Alle Egerkinger Fasnächtler sind stolz darauf, während der fünften Jahreszeit Negerchinger zu sein.» Dann stellte sie die Gretchenfrage ans Publikum: «Seid ihr stolz, Negerchinger zu sein?» Frenetischer Jubel.

Dass nun auch die Presse das Thema aufgenommen habe, habe sie «schwarz geärgert», frotzelte Bartholdi weiter. Egerkingen sei ganz und gar nicht rassistisch: «Sogar Zürcher, Berner und Luzerner fühlen sich bei uns wohl.» Schallendes Gelächter. Die Schweiz müsse ein glückliches Land sein, dass sie sich mit solchen Problemen herumschlagen könne.

Bei Bartholdis Dorfgenossen stösst die Rassismus-Diskussion um Egerkingens Fasnachtsnamen ebenso auf Unverständnis. «Mit gesundem Menschenverstand hat das nichts mehr zu tun», ärgert sich ein Besucher. Jeder hier wisse, dass der Name scherzhaft und nicht rassistisch gemeint sei. Dass sich Afrikanischstämmige dadurch diskriminiert fühlen könnten, das will der Mann nicht recht glauben. «Die brauchen das N-Wort ja selber unter sich», gibt er zur Antwort.

«Wir wollen keinem etwas Böses»

Ein Chräieschränzer erklärt, dass Negerchinge keineswegs einen rassistischen Hintergrund habe. Der Begriff sei nach dem ersten Weltkrieg in Anlehnung an die Schweizerische Konservative Volkspartei, die spätere CVP, entstanden, der schon damals die Farbe Schwarz zugeordnet worden sei. «Da es in Egerkingen viele Konservative gab, kam es zum Wortspiel Negerchinge – was also die Schwarzen im politischen Sinne meint», so der Guggenmusiker. Er versichert: «Mit unserem Fasnachtsdorf-Namen wollen wir keinem etwas Böses.»

Am Naarechlapf zeigt sich klar: Ihren 100-jährigen Fasnachtsnamen werden sich die Egerkinger so schnell nicht nehmen lassen. Gemeindepräsidentin Bartholdi jedenfalls blickt optimistisch in die närrische Zukunft: «Ich bin überzeugt, dass Egerkingen während der Fasnachtszeit weiterhin Negerchinge heissen wird.»

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