Blutiges Signal an Maliki: «Wir sind um unser Leben gerannt»
Aktualisiert

Blutiges Signal an Maliki«Wir sind um unser Leben gerannt»

Über 155 Tote und 500 Verletzte werden nach verheerenden Anschlägen in Bagdad im Irak gezählt. Zwei Autobomben explodierten in der Hauptstadt. In letzter Zeit hatte sich die Sicherheitslage deutlich verbessert - bis zu diesem blutigen Sonntag. Die Attentate sind ein Schlag ins Gesicht der Regierung Maliki.

von
Qassim Abdul-Zahra
AP

«Die Wände sind eingestürzt, und wir sind um unser Leben gerannt!» Jasmin Afdhal, eine Angestellte bei der Regionalverwaltung in Bagdad, hat den Doppelanschlag vom Sonntagmorgen hautnah miterlebt. «Es gab viele, viele Opfer. Ich habe gesehen, wie sie weggetragen wurden», schildert die 24-Jährige. Sie selbst hat grosses Glück gehabt und blieb unversehrt. Über 155 Menschen wurden indes in den Tod gerissen, etwa 600 wurden verletzt.

Nicht genügend Ambulanzen

Videoaufnahmen von Mobiltelefonen zeigen das Ausmass der Zerstörung. Nach der zweiten Explosion steigt ein gigantischer Flammenball in die Luft, danach hört man eine Salve Maschinengewehrfeuer. Dichter schwarzer Rauch verdunkelt den Himmel über Bagdad. Rettungskräfte eilen herbei, um die Opfer aus den Trümmern der zerstörten Gebäude zu bergen. Zivilpersonen werden gebeten, Verletzte in ihren Privatfahrzeugen in Kliniken zu bringen, weil nicht genügend Krankenwagen zur Verfügung stehen.

Strasse erst vor kurzem freigegeben

Anschläge in diesem Ausmass hat es in Bagdad seit August nicht mehr gegeben, und auch im übrigen Irak ist die Gewalt in der letzten Zeit erheblich abgeflaut. Die Strasse, in der sich die jüngsten Attentate ereigneten, wurde erst vor kurzem für den Verkehr freigegeben, weil die Behörden die Sicherheitslage als ausreichend einschätzten. Doch am Sonntag wurde abermals deutlich, dass Aufständische immer noch über das Potenzial verfügen, ein riesiges Blutbad anzurichten. Davor scheint niemand sicher zu sein - auch nicht die Angestellten der schwer bewachten Regierungsgebäude.

«Jeder Politiker ist dafür verantwortlich»

Generalmajor Qassim al Mussawi vom Kommandozentrum in Bagdad lässt keinen Zweifel daran, gegen wen diese Anschläge gerichtet waren: «Sie galten der Regierung und dem politischen Prozess in diesem Land.» Beobachter befürchten, dass die Gewalt vor der Parlamentswahl am 16. Januar wieder ansteigen könnte. Dies wäre nicht zuletzt ein schwerer Schlag für Ministerpräsident Nuri al-Maliki. Denn nur bei einer verbesserten Sicherheitslage dürfte er gute Aussichten auf seine Wiederwahl haben.

«In diesem Land tobt ein politischer Kampf, und wir zahlen dafür den Preis», klagt Mohammed al Rubaiej, Mitglied des Regionalrats von Bagdad. Allein in seiner Behörde wurden am Sonntag mindestens 25 Mitarbeiter getötet. «Jeder Politiker ist dafür verantwortlich, und auch die Regierung ist verantwortlich und ebenso die Sicherheitsbehörden», fügt der Schiit hinzu.

Al-Maliki besuchte später den Anschlagsort, um sich persönlich ein Bild der Lage zu verschaffen. Der Regierungschef ist sich darüber im Klaren, welche Aufgabe jetzt vor ihm liegt. Er muss der Bevölkerung beweisen, dass seiner Regierung trotz des Abzuges der US-Truppen aus den grossen irakischen Städten eine weitere Stabilisierung der Sicherheitslage gelingt. Denn US-Präsident Barack Obama will bislang an seinem Plan für einen vollständigen militärischen Rückzug der USA aus dem Irak bis August kommenden Jahres festhalten.

Schweiz und Obama verurteilen

Die Schweiz hat die beiden Anschläge im Irak verurteilt. Es handle sich um «einen Akt sinnloser Gewalt und Grausamkeit», schreibt das Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) in einer Medienmitteilung vom Sonntag.

«Das EDA bezeigt den Angehörigen der Opfer sein Beileid», heisst es weiter. Bei zwei Selbstmordattentaten in der irakischen Hauptstadt Bagdad sind über 100 Menschen ums Leben gekommen und über 700 verletzt worden.

Auch US-Präsident Barack Obama hat den schweren Doppelanschlag scharf verurteilt. Die verheerendste Bluttat im Irak seit gut zwei Jahren offenbare die hasserfüllten und zerstörerischen Ziele derjenigen, die den Fortschritt in dem Land aufhalten wollten, erklärte Obama in Washington. Die Anschläge könnten den Mut und die Widerstandskraft der Iraker jedoch nicht brechen. Die USA würden dem Land auch weiterhin dabei helfen, Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit zu erlangen. Obama telefonierte mit irakischen Spitzenpolitikern, um ihnen das Mitgefühl der USA zu bekunden.

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