Aktualisiert 09.10.2011 17:38

Perspektiven und Hoffnung

«Wir sind unserer Zeit voraus»

Aufbruchstimmung: Nach dem Aus in der EM-Qualifikation geht Ottmar Hitzfeld motiviert an die Aufgabe, den Verjüngungsprozess der Schweizer Nati weiter voranzutreiben.

von
Eva Tedesco
Die Nati ist am Samstag nach der Niederlage in Wales kurz nach 15 Uhr in der Schweiz gelandet und nach einem kurzen Steigerungslauf gegen England und Bulgarien auch wieder auf dem Boden der Realität. (Bild: Keystone/AP)

Die Nati ist am Samstag nach der Niederlage in Wales kurz nach 15 Uhr in der Schweiz gelandet und nach einem kurzen Steigerungslauf gegen England und Bulgarien auch wieder auf dem Boden der Realität. (Bild: Keystone/AP)

In fast genau einem Jahr beginnt die Qualifikation für die WM 2014 in Brasilien. Bis dahin hat Nati-Coach Ottmar Hitzfeld Zeit, eine gute Mischung in seinem neuformierten Team zu finden. Denn nach kurzer Euphorie muss man einsehen – die neue Generation braucht noch Zeit zum Wachsen. Auch wenn Hitzfeld immer wieder betont, dass die heutigen Talente «reifer und selbstbewusster» sind. Das 2:2 im Juni in England und der 3:1-Heimsieg im September gegen Bulgarien haben Ansätze davon gezeigt. Bei der 0:2-Niederlage in Wales musste die Nati, die mit sieben U21-Spielern im Kader nach Swansea gereist war, ihre Limiten erkennen und Lehrgeld bezahlen.

«Es ist bei so einer jungen Mannschaft normal, dass es Rückschläge gibt. Der Umbruch war doch recht heftig», sagt Hitzfeld am Samstag am Flughafen in Cardiff. Aber wenn sieben oder acht routinierte Spieler plötzlich fehlen, ginge der Wechsel nicht einfach so von heute auf morgen. «Die Jungen müssen Erfahrung sammeln. Vor allem die Erfahrung auf internationaler Ebene ist wichtig und dazu brauchen sie viele Spiele.» Jetzt, wo die EM-Kampagne 2012, die in erster Linie durch Unzulänglichkeiten und Turbulenzen in Erinnerung bleiben wird und in Wales abrupt zu Ende gegangen ist, wird man den Umbruch erst recht weiter voran führen.

Diskussionen um den Verjüngungsprozess

Das Ausscheiden in der EM-Qualifikation allein an der jungen Mannschaft festzumachen, ist für Hitzfeld falsch. «Ich bin überzeugt, dass wir auch mit der jungen Mannschaft die Qualifikation hätten schaffen können.» Aber die Hypothek aus der schwachen Startphase in die Quali mit zwei Niederlagen gegen England und Montenegro habe zu schwer gewogen und viel Unruhe in die Mannschaft gebracht. Und auch die Polemik um Alex Frei und Marco Streller hätten nicht zur Beruhigung der Situation rund um das Schweizer Team beigetragen.

Die Diskussion, ob der Verjüngungsprozess zu einem zeitlich günstig oder eher ungünstigen Moment erfolgte, sei müssig. Hitzfeld: «Natürlich hätte ich die Qualifikation lieber mit verdienten Spielern wie Alex Frei und Marco Streller weiter gespielt. Aber das war nicht der Fall und ich musste den Zeitpunkt so nehmen, wie er ist.» So erfolgte der Umbruch früher als nötig, aber auch darin sieht Hitzfeld durchaus Vorteile. «Wir sind deshalb weiter, als wenn wir den Verjüngungsprozess jetzt erst eingeleitet hätten. Wir haben einige junge und verheissungsvolle Spieler gefunden und sind unserer Zeit voraus.»

Neue schweizerische Experimentierlust

Aber die Nati verpasst nach vier Teilnahmen in Folge wieder eine Endrunde und Einnahmen von rund acht Millionen Franken brutto. Aber das sei noch kein Grund zur Sorge und in erster Linie sei man nur enttäuscht, dass die fünfte Teilnahme an einer Endrunde nach 2004, 2006, 2008 und 2010 verpasst worden sei. SFV-Präsident Peter Gilliéron: «Die Arbeit mit den jungen Spielern hat aber gut angefangen und daran werden wir festhalten und weitermachen. Es ist auch klar, dass wir nun weniger Einnahmen haben werden, als wenn wir uns für die Euro qualifiziert hätten. Aber wir können diese Zeit überbrücken, weil man in guten Zeiten Reserven gebildet hat.»

Die neue schweizerische Experimentierlust soll beibehalten werden – so lautet das Vorhaben für die Zukunft der Nationalmannschaft. Zudem sollen zusätzlich zu einer guten Mischung im Team jene Eigenschaften zum Tragen kommen, die zuletzt viel Hoffnung gemacht haben: das frische, freche und selbstbewusste Auftreten der Auswahl von Ottmar Hitzfeld. «Es macht unheimlich Spass mit der jungen Mannschaft, in der soviel Potenzial steckt, zu arbeiten und sie weiter zu entwickeln. Ich bin top motiviert», sagt Hitzfeld kaum 12 Stunden nach der bitteren Niederlage.

Spiel gegen Montenegro wird zum Charaktertest

Das erste Spiel nach dem bitteren Ende am Dienstag in Basel wird so zum Charaktertest. Die Schweizer wollen sich mit einem positiven Resultat aus der Kampagne verabschieden, denn auch die Verarbeitung von Enttäuschungen wie die in Wales, gehört zum Reifeprozess dieser jungen Mannschaft. Hitzfeld: «Leider haben wir in Basel kein Endspiel. Es ist nun eine Charakterfrage und man wird gegen Montenegro sehen, welcher Spieler sich zusammenreisst. Wir wollen eine Topleistung zeigen.» Denn das letzte Spiel in der EM-Qualifikation soll gleichzeitig schon das erste für die Vorbereitung auf die WM-Qualifikation werden.

«Man kann halt nicht jeden Tag einen Kübel hochstemmen. Man muss uns Jungen noch Zeit geben.» Xherdan Shaqiri

«Der Countdown für Brasilien hat nun begonnen.» Ottmar Hitzfeld

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