Aktualisiert 06.04.2020 07:46

Deutsches Paar an Grenze zur Schweiz

«Wir sind wie Flüchtlinge unterwegs»

Ein Neustart in der Schweiz – damit muss ein deutsches Paar wohl noch warten. Weil der Bund wegen Corona das Notrecht ausgesprochen hat, sind die beiden an der Grenze gestrandet.

von
Qendresa Llugiqi

Lorenz Minks (22) und seine Freundin Karolina Luka (27) wollen in Benken SG ein neues Leben beginnen. «Wir haben uns in die Schweiz verliebt und wollen hier zusammen in die Zukunft starten.» Doch der Dresdner und die Hamburgerin sind seit Mittwoch an der Schweizer Grenze gestrandet. Obwohl Minks und Luka gültige Arbeits- und Mietverträge besitzen, werden sie nicht in die Schweiz gelassen, weil der Bund wegen der Corona-Krise die Grenzen dichtgemacht hat. 20 Minuten hat die beiden an der künstlichen Grenze Kreuzlingen TG/Konstanz (D) getroffen. Dort, wo ein neu errichteter Grenzzaun in kürzester Zeit verdoppelt werden musste, damit sich die Menschen nicht zu nahe kommen.

«Unsere Reise war bis zum Zollamt Schaffhausen toll, doch dann folgte der Schock», sagt Minks. «Unsere Dokumente wurden als minderwertig und nicht ausreichend für einen Grenzübertritt eingestuft. Es fehle eine offizielle behördliche Meldung für uns, ein kantonal ausgestellter Aufenthaltstitel.»

Freundin Karolina ist am Boden zerstört: «Wir hatten einen Traum, den wir gerade nicht mehr leben können. Ich könnte die ganze Zeit weinen. Mir fehlt ein eigenes Zuhause.» Ähnlich ergeht es Minks: «Ich fühle mich niedergeschlagen, ratlos, richtig scheisse.»

«Kantone entscheiden, ob sie jemanden reinlassen»

Seit mehreren Tagen versucht das Paar nun, mit den Behörden eine Lösung zu finden. «Wir stecken in einem Teufelskreis fest: Wir werden nicht hineingelassen, weil wir eine Aufenthaltsbewilligung brauchen, doch diese können wir gar nicht stellen, weil wir nicht im Land sind», erklärt Minks. «Beim Migrationsamt St. Gallen hiess es, dass Meldungen zurzeit nicht möglich seien. Wir wurden an das Staatssekretariat für Migration verwiesen.» Doch auch dort kam das Paar nicht weiter. Minks: «Für Umzügler fehlen der Schweiz in Zeiten von Corona die richtigen Prozesse. Nach Aussagen von kantonalen Ämtern sind Hunderte Menschen in einer ähnlichen Situation wie wir.»

Dadurch, dass der Bund das Notrecht ausgesprochen hat, ist die Personenfreizügigkeit vorübergehend eingeschränkt, heisst es beim Staatssekretariat für Migration. «Um in die Schweiz einreisen zu können, müssen Personen aus dem EU-/EFTA-Raum eine Bestätigung der Aufenthaltsbewilligung oder eine Meldebestätigung vorweisen. Diese wird von der kantonalen Migrationsbehörde ausgestellt», sagt Kommunikationschef Daniel Bach. «Im Moment entscheiden die Kantone, ob sie eine solche ausstellen und die Betroffenen einreisen lassen.»

Wie viele andere Personen betroffen sind, könne statistisch noch nicht erhoben werden, so Bach: «Im Moment haben wir sehr viele Anfragen zu Ein- und Ausreisen. Es ist uns schlicht unmöglich, jetzt schon alles auszuwerten.»

Paar lässt sich nicht unterkriegen

Vorübergehend ist das Paar bei Freunden im Schwarzwald untergekommen. «Sonst wären wir obdachlos», sagt Minks. «Wir sind eigentlich gerade wie Flüchtlinge unterwegs.» Auch das Schweizer Netzwerk – bestehend aus Vermieterin, Arbeitgeber und Freunden – sei in der turbulenten Zeit eine extreme Hilfe. «Sie hängen sich für uns voll rein. Dafür sind wir ihnen sehr dankbar.» Die Vermieterin habe ihnen gar eine Monatsrate erlassen und arbeiten könne das Paar vorerst auch im Homeoffice.

Trotz des Rückschlags lassen sich die beiden nicht unterkriegen: «Uns bleibt wohl nichts anderes übrig, als jeden Tag wieder und wieder Kontakt mit den Behörden aufzunehmen und zu hoffen, dass irgendwann eine Lösung für uns gefunden wird.»

Fehler gefunden?Jetzt melden.