Kälte in Donezk: «Wir sitzen hier wie Ratten»
Aktualisiert

Kälte in Donezk«Wir sitzen hier wie Ratten»

Zehn Prozent der Häuser in Donezk tragen Narben des Krieges, viele sind unbewohnbar. Die Menschen wissen nicht, wie sie den eisigen Winter überstehen sollen.

von
Nataliya Vasilyeva
AP

Dunkle Gänge führen zu einem notdürftigen Unterschlupf im Keller des zerbombten Krankenhauses Nummer 18 in Donezk. Drinnen ist es kaum heller, das einzige Licht stammt vom Flackern selbst gemachter Öllampen. Wie Schatten bewegen sich die Bewohner des Notlagers. Ihre Augen sind trüb, die Gesichter müde. Die ausgezehrten Körper sind in ausgeleierte Sweatshirts, Westen und Jacken gehüllt.

Seit Monaten harren rund zwei Dutzend Menschen hier aus, nachdem ihre Wohnungen in den Kämpfen zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischen Truppen zerstört wurden. Sie sind zu arm, zu schwach, zu alt, um vor dem Krieg zu fliehen. Jetzt steht der Winter bevor, bei dem die Temperaturen in der in der Ostukraine selten über den Gefrierpunkt klettern. Für die Obdachlosen von Donezk könnte das den Kältetod bedeuten.

Keine Heizung, kein Wasser

«Wir können nirgendwo hin», beklagt Vera Dwornikowa. Die 70-Jährige lebt im Klinikkeller, seit ihr Haus im Juli unter Beschuss geriet und zerstört wurde. «Wir wissen nicht einmal, wen wir um Hilfe bitten sollen», sagt sie. «Wir sitzen hier wie Ratten.»

Es gibt weder Wasser noch Heizung. Der Strom wurde vor einem Monat abgeschaltet. Wie sie den Winter überstehen soll, weiss Dwornikowa nicht. Sie werde versuchen, sich mit zwei Decken und einem Öltuch warm zu halten, die sie in dem kaputten Krankenhaus gefunden hat, sagt sie.

Irreparable Schäden

Draussen auf der Strasse streunen Katzenbanden. Das Viertel besteht aus mehrstöckigen Gebäuden mit fehlenden Dächern und klaffenden Löchern in den Wänden. Etwas weiter entfernt reparieren Arbeiter gerade eine Warmwasserleitung, um in einem der beschädigten Häuser wieder die Heizung in Schwung zu bringen. Für Vera Dwornikowa und ihre Leidensgenossen sieht Teamleiter Alexander Sujew jedoch keine Chance: Das Krankenhaus ist zu stark zerstört. Ohne Dach und Fenster habe das Reparieren der Heizung keinen Sinn, sagt Sujew.

Rund 1000 Häuser und Wohnblocks sind nach Angaben von Maxim Rowinski, einem früheren Stadtbeamten, in den Kämpfen beschädigt worden - etwa zehn Prozent der Gebäude von Donezk. Viele davon können nicht mehr instand gesetzt werden. Laut ukrainischem Sozialministerium sind die Regionalregierungen verpflichtet, die betroffenen Bewohner in Übergangsunterkünften unterzubringen. In der Praxis finden die Obdachlosen aber keinen, der sich zuständig fühlt. Der Ministerpräsident der selbst erklärten separatistischen Volksrepublik Donezk, Alexander Sachartschenko, erklärte derweil, dass Russland beim Wiederaufbau der Infrastruktur finanziell unter die Arme greife - wie und in welchem Umfang, das sagte er aber nicht.

Enorme Preise

Abgesehen von fehlenden Heizmöglichkeiten ist die Versorgungslage in Donezk überraschend gut. Obwohl die Rebellenhochburg fast komplett von Regierungstruppen umrundet ist, bieten Geschäfte und Märkte ihre Waren an. Auch die Speisekarten der Restaurants lassen noch Auswahl zu.

Die Preise allerdings sind nach oben geschossen. Ihre Lieferanten verlangten 25 Prozent mehr als im Juni, sagt Valentina Dedik vom Lebensmittelgrosshändler Sotrudnitschestwo. Einiges komme aus Donezk, das meiste aber aus dem Umland. Dass es dabei über Feindeslinie transportiert werden müsse, lasse die Kosten steigen.

Warten auf Rente

Für Menschen wie Vera Dwornikowa sind die gut bestückten Marktstände nur Augenschmaus. Leisten können sich die älteren Donezker kaum noch etwas, haben sie doch seit mindestens drei Monaten keine Renten mehr bekommen. Auch Kohlebergleute und Angestellte der Gemeinde wie Reparaturarbeiter Sujew haben seit Monaten kein Gehalt gesehen.

Zunächst hatte die Regierung zumindest die Renten noch weiter gezahlt, nachdem sie im Frühjahr die Kontrolle über die Region verloren hatte. Im Mai stellte sie die Zahlungen ein, weil das Geld in dem Separatistengebiet «einfach gestohlen werden könnte». Die Pensionäre könnten sich ihr Geld aber «an jedem Ort unter Regierungskontrolle» holen, erklärte das Sozialministerium. Rebellenführer Sachartschenko kündigte an, ab dem kommenden Monat einen «Teil» der Renten zu zahlen.

Derweil kämpfen Vera Dwornikowa und ihre Kellernachbarn täglich neu ums Überleben. «Irgendwie werden wir schon durch den Winter kommen, solange uns keine Granaten auf den Kopf fallen», macht sich der Automechaniker Wladimir Tumanow Mut, der seit August zusammen mit seiner 73-jährigen kranken Mutter im Keller von Krankenhaus Nummer 18 lebt. «Alle hier beten täglich, dass der Krieg ein Ende hat.»

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