Brisanter Vorschlag : «Wir sollten den DNA-Code von jedem Bürger haben»
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Brisanter Vorschlag «Wir sollten den DNA-Code von jedem Bürger haben»

Ein deutscher Rechtsmediziner will die Polizeiarbeit revolutionieren: Jeder Mensch im Land soll eine DNA-Probe abgeben.

von
gux
Klaus Püschel, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin in Hamburg, will, dass die DNA-Codes aller Menschen in Deutschland gesammelt und Verbrecher so sofort identifiziert werden können.

Klaus Püschel, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin in Hamburg, will, dass die DNA-Codes aller Menschen in Deutschland gesammelt und Verbrecher so sofort identifiziert werden können.

Christian Charisius

Rechtsmediziner Klaus Püschel sorgt mit einem radikalen Vorschlag für Diskussionen: «Wir sollten den DNA-Code von jedem Menschen in unserem Land haben», fordert der Direktor des Hamburger Institutes für Rechtsmedizin. Das heisst: Von jedem Neugeborenen, jedem Erwachsenen, aber auch von jedem Touristen und von allen Flüchtlingen sollte eine DNA-Probe genommen und in einer Datenbank angelegt werden.

«Dann können wir Verbrechen viel schneller und viel besser aufklären, weil wir bei jeder Spur an einem Geschehensort sagen könnten, von wem die Spur ist», sagt er dem «Stern». Würden an einem Tatort DNA-Spuren gefunden, würde das die heute sehr mühsame Ermittlung eines nicht schon polizeibekannten Täters enorm vereinfachen. Deutschland würde viel sicherer – «geradezu eine Oase im verbrecherischen Umfeld».

«Tief unten in einem Bergwerk» aufbewahren

Dass es sich um äusserst sensible Daten handeln würde, die auch Hacker interessieren könnten, ist Püschel bewusst. Der Rechtsmediziner schlägt deswegen vor, sie an einem sicheren Ort zu speichern, etwa «tief unten in einem Bergwerk». Mehrere Richter sollten Zugang zu den Daten haben, welche sie nur in gesetzlich klar festgelegten Fällen wie Entführung, Vergewaltigung, Mord oder Totschlag herausgeben würden.

Nicht nur Datenschutzbeauftragten läuft es angesichts dieser Idee kalt den Rücken herunter. Auch Jan Reinecke, Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter in Hamburg, ist skeptisch. Zwar stimmt er zu, dass eine DNA-Datenbank der gesamten Bevölkerung die polizeiliche Arbeit erheblich vereinfachen würde. Aber: «Wer sichert uns zu, dass diese Datenbank nicht in falsche Hände gerät, beispielsweise in die von Kriminellen, anderen Staaten oder auch der privaten Wirtschaft, die daraus ihren Nutzen ziehen könnten und wohl auch würden?».

Zahlencodes wären «wie Lottozahlen»

Für Hamburgs Datenschützer Johannes Caspar ist der Vorschlag ein rotes Tuch. Die Erfassung des individuellen genetischen Codes der Bevölkerung würde einen massiven Eingriff in das Grundrecht der informationellen Selbstbestimmung und der Menschenwürde darstellen und das Prinzip der Unschuldsvermutung und den Grundsatz der Verhältnismässigkeit verletzen. «Eine Strafverfolgung um jeden Preis, die den Einzelnen ohne Anlass als Objekt der staatlichen Kontrolle behandelt, mag es in totalitären Systemen geben. Dem Rechtsstaat sind derartige Ansätze fremd», sagt Caspar dem «Stern».

Dazu komme die Gefahr, dass genetische Anlagen ausgeforscht werden könnten. Diesem Argument widerspricht Rechtsmediziner Püschel aber ausdrücklich: Bei einer DNA-Sammlung wäre «nichts von unserer Persönlichkeit dabei», vielmehr handle es sich um Zahlencodes «wie Lottozahlen», die darüber nichts aussagen würden. Heute müssten Ermittler immer noch überlegen, ob ein Täter blond sei und dunkle Augen habe. «Das hilft einem doch nicht viel, ehrlich gesagt. Sie kommen nur auf diese Person, wenn Sie ihren DNA-Code haben», so Püschel.

«Nie abschliessen»

Auch bei der Opferhilfe Weisser Ring ist man hellhörig geworden. Zwar bezweifelt man auch hier, dass eine nationale DNA-Datenbank auf Dauer ausreichend dem Zugriff Dritter entzogen und vor Hackerangriffen geschützt werden könnte.

Gleichwohl ist man sich hier aber auch bewusst, wie wichtig es für die Opfer eines Gewaltverbrechens oder deren Angehörige ist, dass der Täter ausfindig gemacht werden kann. Sei das nicht der Fall, könnten «Betroffene schwerer Gewaltdelikte wie zum Beispiel Vergewaltigungsopfer oder Eltern, deren Kind getötet wurde, nie abschliessen».

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