Corona und das Sorgentelefon: «Wir spüren die Verzweiflung der Menschen sehr stark»
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Corona und das Sorgentelefon«Wir spüren die Verzweiflung der Menschen sehr stark»

Beim Sorgentelefon 143 gehen derzeit mehr Anrufe ein als üblich. Auch viele junge Menschen leiden unter Einsamkeit in der Adventszeit. Daniela Humbel von der Dargebotenen Hand in Bern im Gespräch.

von
Simon Ulrich
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Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sorgentelefons 143 haben derzeit alle Hände voll zu tun. 

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sorgentelefons 143 haben derzeit alle Hände voll zu tun.

zVg
Bis zu 120 Anrufe gehen täglich ein. 

Bis zu 120 Anrufe gehen täglich ein.

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Die Problematik der Einsamkeit in der Adventszeit erhält durch Corona zusätzlichen Auftrieb.

Die Problematik der Einsamkeit in der Adventszeit erhält durch Corona zusätzlichen Auftrieb.

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Darum gehts

  • Der Telefondienst der Dargebotenen Hand wird derzeit stärker beansprucht als üblich.

  • Neben Existenzängsten rückt in der Adventszeit vor allem das Problem der Einsamkeit in den Fokus.

  • Daniela Humbel, Kommunikationsverantwortliche der Dargebotenen Hand in Bern, erklärt, wie man Ratsuchenden hilft – und wie die Anlaufstelle den Anstieg bei den Anrufen bewältigt.

Was bedeutet die Adventszeit in normalen Zeiten für ihr Team?

Einerseits ist es eine Zeit der Besinnlichkeit und Entschleunigung, die Menschen rücken mehr zusammen. Daher kann es sogar vorkommen, dass sich Anfang Dezember weniger Leute als sonst bei uns melden. Doch je näher die Festtage kommen, desto mehr wird die Einsamkeit zum Thema. Für jene, die nicht in die Gesellschaft eingebettet oder fernab der Familie sind, ist es eine schwere Zeit. Anderen dagegen wird bange, gerade weil ihnen Festlichkeiten bevorstehen.

Inwiefern?

Wir erhalten beispielsweise Anrufe von Personen, die Weihnachten am liebsten zu Hause mit ihrem Mann oder ihrer Frau und den Kindern verbringen würden oder Zeit für sich bräuchten. Doch es stehen die Besuche bei Eltern, Schwiegereltern und Freunden an. Damit verbunden ist oft das Gefühl, es allen recht machen zu müssen und stets gut gelaunt zu sein. Das kann zu Stress und auch zu familiären Spannungen führen.

Wie hat sich Corona auf die Psyche der Menschen ausgewirkt?

Am Anfang der Pandemie war die Angst vor einer Ansteckung ein grosses Thema. Mit zunehmender Dauer des Lockdowns rückten psychische Probleme in den Vordergrund, Suizidgedanken in den Telefongesprächen häuften sich. Auffallend war, dass vor allem viele junge Leute Mühe mit der Situation bekundeten und sich einsam fühlten. Seit im Herbst die zweite Welle begann, drehen sich die Anrufe mehrheitlich um Existenzängste und die psychische Belastung, die die Pandemie mit sich bringt. Viele Menschen sind mental erschöpft und wissen nicht mehr weiter – was wiederum zu einem leichten Anstieg bei der Suizidalität geführt hat.

Sicherlich keine leichte Aufgabe für die Telefonberaterinnen und -berater.

Ganz und gar nicht. Die Gespräche sind schwerer und intensiver als in anderen Jahren. Wir spüren die Verzweiflung der Menschen sehr stark. Leider lädt sich der Frust manchmal auch in Ausfälligkeiten gegenüber unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus. Die Stimmung ist zuweilen angespannt.

Seit im Herbst die zweite Welle begann, drehen sich die Anrufe mehrheitlich um Existenzängste und die psychische Belastung.»

Daniela Humbel

Nehmen Sie zurzeit mehr Anrufe entgegen als üblich?

Im November hatten wir rund vier Prozent mehr Anrufe als im Vorjahr. Für den Dezember können wir es noch nicht genau sagen. Wir gehen allerdings nicht davon aus, dass sich der Anstieg verringert – zumal die heikle Phase mit den Festtagen ja noch bevorsteht. Derzeit nehmen wir in der Regionalstelle bis zu 120 Anrufe pro Tag entgegen.

Mussten Sie zusätzliches Personal rekrutieren?

Nein, jedoch haben wir zusätzliche Schichten eingeführt, insbesondere am Sonntagnachmittag. Diese können wir mit den bestehenden freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern abdecken. Für ihre Bereitschaft und Solidarität sind wir ihnen sehr dankbar.

Das Problem der Einsamkeit in der Adventszeit wird durch Corona zusätzlich verschärft. Spüren Sie das bei Ihren Anrufen?

Definitiv. Viele haben ihre sozialen Kontakte massiv reduziert und leiden darunter. Hinzu kommt bei vielen die Verunsicherung: Was ist überhaupt noch erlaubt? Gefährde ich meine Eltern oder meine Grosseltern, wenn ich sie besuche? Was, wenn ich sie plötzlich anstecke?

Melden sich vor allem ältere Menschen, die einsam sind und jemanden zum Reden brauchen?

Ganz und gar nicht. Auch viele junge Menschen fühlen sich derzeit einsam. Mit Einsamkeit verbinden wir allzu oft das Bild eines älteren Menschen, der jeden Tag allein in seiner Wohnung sitzt und nichts mehr hat. Es gibt aber auch Leute mit einem Job und gutem Umfeld, die unter Einsamkeit leiden – auch wenn das von aussen nicht sichtbar ist. Ihnen fehlt eine richtige Bezugsperson. Corona führt gerade jetzt in der Adventszeit vielen Menschen schmerzlich vor Augen, dass sie eigentlich niemanden haben, der für sie da ist.

Corona führt gerade jetzt in der Adventszeit vielen Menschen schmerzlich vor Augen, dass sie eigentlich niemanden haben, der für sie da ist.»

Daniela Humbel

Wie können Sie diesen Leuten helfen?

Wir lösen keine Probleme und erteilen auch keine Ratschläge. Wir hören zu und versuchen, Impulse zu geben, damit die Menschen selbst einen Weg aus ihrer schwierigen Situation finden. Man versucht zum Beispiel, herauszufinden: Woran hat die Person Freude? Wann hat sie sich das letzte Mal glücklich gefühlt? Die Hilfesuchenden sollen aus eigener Kraft darauf kommen, was ihnen guttun könnte – und so erkennen, dass ihr Leben vielleicht doch nicht so schlecht ist, wie sie es in dem Moment empfinden.

Zum Schluss bitte ich Sie dennoch um ein paar grundsätzliche Ratschläge: Wie können einsame Menschen vermeiden, dass sie an den Festtagen in ein seelisches Loch fallen?

Bewegung ist extrem wichtig. Ein Spaziergang in der Natur kann heilsam sein, wenn einem zu Hause die Decke auf den Kopf fällt. Statt negativen Gefühlen Raum zu geben, sollte man sich überlegen, was man gern macht oder was einem guttut. Warum nicht jemanden anrufen, wieder mal einen Brief schreiben oder den Nachbarn einen Kuchen backen? Aktivsein hilft, die Gedanken an die eigene Einsamkeit zu vertreiben.

Hast du oder jemand, den du kennst, Suizidgedanken? Oder hast du jemanden durch Suizid verloren?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirche

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Tel. 147

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