Die Datenkrake lebt: «Wir stehen am Beginn der totalen Überwachung»

Aktualisiert

Die Datenkrake lebt«Wir stehen am Beginn der totalen Überwachung»

Ist die digitale Revolution ein Fluch oder ein Segen? Für Bestsellerautor Roman Koidl ist der Fall klar. Und es kommt alles noch viel schlimmer.

von
Laura Frommberg
Buchautor Roman Maria Koidl.

Buchautor Roman Maria Koidl.

Dass unsere Daten nicht mehr nur uns selbst zugänglich sind, hat inzwischen fast jeder verstanden. Die Webgemeinde akzeptiert das. Ein fataler Fehler, findet Roman Koidl. Der Bestsellerautor und Unternehmer lebt in der Schweiz und wurde einer breiteren Öffentlichkeit als Internetberater des deutschen Ex-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück bekannt. Er malt ein düsteres Szenario der digitalen Welt. Wir befänden uns am Beginn einer modernen Sklaverei, beherrscht von wenigen Grosskonzernen, schreibt er in seinem neuen Buch «Web Attack – Der Staat als Stalker». Im Interview mit 20 Minuten erklärt er, warum. Und wie man sich schützen kann.

Sie schreiben in Ihrem Buch von Risiko-Agenda, moderner Sklaverei, einem Überwachungsstaat - ist das nicht ein bisschen paranoid?

Vor allem ist es Realität. Sie bemerken es nur nicht, weil es spielerisch daherkommt, nicht riecht, unsichtbar ist und uns als gute Sache verkauft wird. Das ist der Atom-Diskussion der 80er-Jahre nicht unähnlich. Die digitale Revolution ist nur viel gefährlicher.

Was ist Ihre grösste Angst angesichts dieser Entwicklungen?

Wir haben nach Meinung fast aller Experten die Grenze zur Manipulation des Einzelnen überschritten. Die Menschen denken: «Ist mir doch egal, wenn die alles über mich wissen, ich habe nichts zu verbergen.» Ein fataler Trugschluss. Denn nicht Ihr gespeichertes Gestern ist das grosse Problem, sondern moderne Möglichkeiten, daraus Ihre ganz persönliche Zukunft vorherzusagen.

Was genau denn?

Was Sie essen, wohin Sie reisen, wen Sie wählen werden. Klingt nach Science-Fiction, ist aber schon Realität. Und wer Ihre Zukunft vorhersagen kann, der kann Sie auch manipulieren, und zwar ohne dass Sie es merken. Bedeutet: Sie glauben, selbst zu entscheiden, aber in Wirklichkeit werden Sie gesteuert. Sie fahren doch schon links, wenn Ihnen Ihr Navi im Auto sagt, rechts sei Stau. Woher wissen Sie eigentlich, dass rechts Stau ist?

Was schadet es der Welt denn, wenn jemand das Foto von seinem Rührei bei Facebook postet?

Echt, machen Sie diesen Blödsinn immer noch? Es geht nicht um alberne Fotos. Es geht darum, dass wir alle ein gigantisches Datenhirn, ein Zentralhirn füttern. Dieses Hirn erinnert sich und je mehr Informationen Sie der grossen Datenkrake geben, desto besser erinnert es sich: und zwar an Sie.

Immerhin nutze ich das Internetangebot ja freiwillig, habe kostenlos Zugang zu allen nur erdenklichen Informationen.

Das Internet ist weder frei noch kostenlos. Es gehört vor allem wenigen grossen, privaten Unternehmen. Und der Rohstoff des 21. Jahrhunderts, das Gold der Gegenwart, sind Ihre ganz persönlichen Daten. Übermittelt in E-Mails, Whatsapp-Chats, bei Facebook, durch Ihre Kredit- und Kundenkarten, Telefongespräche und so weiter. Die Daten der Nutzer sind Goldgruben, deswegen heisst es auch «Data Mining». Früher waren wir Kunden, heute sind wir das Produkt.

Wenn ich wegen meines Internetverhaltens extra zugeschnittene Angebote erhalte, kann ich die ja immer noch ablehnen...

... oder die Angebote lehnen Sie ab! Zum Beispiel weil Sie für bestimmte Partner auf der Partnerbörse zu alt sind, für Ihre Autoversicherung zu viel trinken oder sich für Ihre Krankenkasse zu wenig bewegen. Das ist kein paranoides Horrorszenario. Eine Zürcher Firma erhebt über eine App spielerisch Gesundheitsdaten von Menschen, die sich gern freiwillig vermessen: Blutdruck, Herzfrequenz, Schrittanzahl und so weiter.

Das ist ja eigentlich ganz praktisch.

Zahlende Partner des Unternehmens sind unter anderem deutsche Krankenkassen wie die AOK Nordost. Die interessieren sich brennend für diese Daten! Solange man jung und dynamisch ist, mag das alles unterhaltsam sein. Aber wehe, die Werte werden schlechter, weil man alt, krank oder behindert ist. Da wird das lustige Datensammeln dann zur digitalen Diskriminierung, weil Ihre Kasse beispielsweise sagt: Tut uns leid, aber Sie sind leider nicht mehr gesund genug, Sie also abgelehnt werden.

Mit Ihren Prophezeihungen sprechen Sie den Internetnutzern aber auch den freien Willen ab.

Ja. Denn es ist das Wesen guter Manipulation, dass man meint, man handle immer noch nach seinem eigenen Willen. Meine Grossmutter war Zeit ihres Lebens der Meinung, sie sei von TV-Werbung unbeeinflusst. Gekauft hat sie aber stets Persil. Gegen das, was wir heute erleben, ist die TV-Werbung der 70er/80er-Jahre ein harmloser Witz aus einer selbstbestimmten Vergangenheit.

Sie fordern in Ihrem Buch eine Bürgerrechtsbewegung. Was soll die machen?

Vor allem auf paneuropäischer Ebene der US-Datensammelwut durch Gesetze Grenzen setzen. Sie denken an die NSA. Aber Facebook, Google, Amazon und Apple haben weit grössere Server. Es ist absurd, dass bei uns auf jeder 100-g-Cervelat die Inhaltsstoffe deklariert sein müssen, selbst die Schriftgrösse für diese Inhaltsstoffe ist gesetzlich geregelt. Doch bei Angeboten im Internet herrscht WWW - wirtschaftlicher wilder Westen.

Wären Sie gerne der Sheriff?

Jeder tut, was er kann. Ich schreibe Bücher, versuche einen komplexen Sachverhalt unterhaltsam und kurzweilig darzustellen.

Gerade in den letzten Jahren hat sich auch gezeigt, wie viel Positives soziale Netzwerke schaffen können, etwa beim arabischen Frühling.

Gegenbeispiel: Im März 2012 wurde im norddeutschen Emden die 11-jährige Lena ermordet, kurz darauf ein 17-jähriger Schüler unter Tatverdacht festgenommen. Ein Trottel aus Emden rief via Facebook zur Lynchjustiz auf. Tatsächlich: 50 brave Bürger versammelten sich vor der Polizeistation, forderten zum Zwecke der Selbstjustiz den Schüler heraus. Es zeigte sich später, dass der Junge unschuldig war. Wir stellen fest: Man kann Menschen schon ziemlich leicht auf die Palme bringen. Agitation nennt man das.

Sie geben in Ihrem Buch auch Tipps, wie man sich im Netz schützen kann. Welches ist der wichtigste?

Lernen Sie Datensparsamkeit, so wie Sie das Stromsparen gelernt haben.

Lässt sich das Übel überhaupt noch aufhalten?

Nein. Wir müssen offenbar damit leben, dass uns der Staat in Zukunft vollständig kontrolliert. Und wir müssen wissen, dass sich jederzeit ein gigantischer Staatscomputer zuschalten kann. Ordnungspolitisch hätten wir das vor 15 Jahren thematisieren müssen. Beim wirtschaftlich wilden Westen könnten wir noch etwas machen, wenn unsere Regierungen jetzt rasch Grenzen setzen, Bürgerrechte schützen, Konsumenten aufklären. Passiert das nicht, besteht die Gefahr, dass Diktatur privatisiert wird. Wir stehen am Beginn der totalen Überwachung des Einzelnen, in der Hand privater Unternehmen.

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