West-Nil-Virus - «Wir stellen Mückenfallen auf, um Viren zu identifizieren»
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West-Nil-Virus«Wir stellen Mückenfallen auf, um Viren zu identifizieren»

Das West-Nil-Virus könnte bald die Schweiz erreichen. Ein Experte schlägt ein Frühwarnsystem durch die Überwachung von Mücken vor. Das BAG sieht keinen Handlungsbedarf.

von
Daniel Graf
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Mücken vermehren sich in heissen und feuchten Sommern. 

Mücken vermehren sich in heissen und feuchten Sommern.

Unsplash
Das West-Nil-Virus wird von verschiedenen Stechmücken übertragen. Mithilfe der Mücken kam es nach Europa. 

Das West-Nil-Virus wird von verschiedenen Stechmücken übertragen. Mithilfe der Mücken kam es nach Europa.

AFP
Seit 2012 kennt man das Virus auch in Serbien, im Bild Belgrad. 

Seit 2012 kennt man das Virus auch in Serbien, im Bild Belgrad.

Wikimedia Commons/Orjen/CC BY-SA 3.0

Darum gehts

  • Über Vögel und Mücken verbreitet sich in Europa das West-Nil-Virus, das auch für den Menschen gefährlich werden kann.

  • In der Schweiz gab es noch keine Fälle – das könnte sich gemäss eines Experten ändern.

  • Nur bei 0,1 Prozent der Infizierten verläuft eine Infektion tödlich.

  • Trotzdem schlägt der Experte ein Frühwarnsystem vor – auch, um Blutspenden zu schützen.

Serbien bereitet sich auf eine Mückenplage und mehr Infektionen mit dem West-Nil-Virus vor. Gemäss der Homepage des Bundesamts für Gesundheit (BAG) ist nicht auszuschliessen, dass das Virus auch in der Schweiz auftritt.

Eine Infektion verläuft meist harmlos, rund ein Viertel der Infizierten leidet unter Grippesymptomen. Es kann aber auch zu gefährlichen Hirn- und Hirnhautentzündungen bis hin zum Tod kommen (siehe unten). Experte Pie Müller erklärt, welche Gefahr für die Schweiz vom Virus ausgeht.

Wurden schon infizierte Mücken in der Schweiz gefunden?
Pie Müller*:
Bis jetzt nicht und soweit ich weiss auch keine infizierten Vögel. Allerdings werden die Mücken auch nicht systematisch untersucht, wie dies etwa in Italien der Fall ist. Immerhin werden seit einem oder zwei Jahren vereinzelt Mückenfallen im Tessin und in Graubünden aufgestellt. Dabei wird ein von uns weiterentwickeltes Verfahren eingesetzt, um Viren effizient identifizieren zu können. In der Region Basel haben wir im vergangenen Jahr ebenfalls Mücken auf das West-Nil-Virus untersucht, aber keine war positiv.

Also könnte das Virus schon hier sein, ohne dass wir es bemerkt haben? Das ist theoretisch möglich. In verschiedenen Nachbarländern wurden bereits infizierte Mücken entdeckt, es ist also wohl nur eine Frage der Zeit, bis es auch in der Schweiz ist.

Das erwartet Infizierte

In Einzelfällen kann der Erreger das Nervensystem befallen und es kommt zu Hirn- und Hirnhautentzündungen. Meist bleibt eine Infektion allerdings ohne Folgen. Bei etwa 20 Prozent entwickeln sich grippeähnliche Symptome wie Gliederschmerzen, Übelkeit, Schwindelgefühle, Kopfweh und geschwollene Lymphknoten. Rund 80 Prozent der Infizierten überstehen die Infektion ohne Symptome. Impfungen gibt es nicht.

Das West-Nil-Virus wird vor allem von Stechmücken zwischen wild lebenden Vögeln übertragen. An Vögeln infizierte Mücken können das Virus aber auch auf Säugetiere wie Pferde und Menschen übertragen. Oftmals dienen Häufungen von Fällen toter Vögel und erkrankter Pferde als Auslöser dafür, die Fallsuche auch auf Menschen auszudehnen. Inzwischen ist auch bekannt, dass sich das Virus über Organtransplantation, Bluttransfusionen sowie während der Schwangerschaft übertragen kann. In der Schweiz haben medizinische Dienste, wie Blutspendedienste, bereits darauf reagiert.

Weshalb breitet sich das Virus gerade jetzt in Europa aus? Das hat vermutlich klimatische Gründe: Wir hatten in den letzten Jahren immer wieder überdurchschnittlich warme Sommer, in denen trotzdem ausreichend Feuchtigkeit vorhanden war. Das begünstigt die Ausbreitung der Mücken und die Entwicklung des Virus.

Wie befällt das Virus Menschen? Es wird vorwiegend über die Hausmücke übertragen, könnte aber auch durch die asiatische Tigermücke verbreitet werden. Beide sind auch in der Schweiz zu finden. Das Virus zirkuliert eigentlich unter Vögeln. Wenn eine Mücke erst einen infizierten Vogel und dann einen Menschen sticht, kann das Virus übertragen werden.

Ist es von Mensch zu Mensch übertragbar? Nein. Das Virus überlebt im Menschen nicht sehr gut. Es kann also vom Vogel auf den Menschen übertragen werden, dort ist dann aber im Normalfall Endstation.

Wie schätzen Sie die Gefahr ein, die von diesem Virus ausgeht? Die Infektion verläuft in den meisten Fällen asymptomatisch, also ohne Erkrankung. Nur bei einem sehr kleinen Prozentsatz der Erkrankungen treten schwerwiegende Komplikationen wie Hirn- oder Hirnhautentzündungen auf, die im Extremfall bis zum Tod führen können. Es müsste aber schon sehr viele Infektionen geben, damit das statistisch ins Gewicht fällt. Ein Problem stellen allerdings Bluttransfusionen dar.

«Wer sich infiziert hat, aber keine Symptome bemerkt und dann Blut spendet, kann das Virus ungewollt weitergeben.»

Pie Müller

Inwiefern? Wenn sich ein Mensch mit dem Virus ansteckt, aber keine Symptome hat, und danach Blut spenden geht, kann er das Virus ungewollt weitergeben. Dagegen könnte eine systematische Überprüfung der Mückenpopulation helfen und als eine Art Frühwarnsystem dienen.

Serbien kämpft derzeit mit Insektiziden gegen die Mücken an, weil die Behörden eine Plage und viele Infizierte fürchten. Sollte es wirklich hart auf hart kommen und wir stellen eine starke Verbreitung infizierter Mücken fest, wäre es auch hier denkbar, dass wir die Mückenpopulationen eindämmen müssten. Sinnvoller wäre aber, wie erwähnt, ein Frühwarnsystem mit Mückenfallen.

Wie Sars-Cov-2 ist das WNV eine Zoonose. Müssen wir künftig vermehrt mit für den Menschen gefährlichen Viren rechnen?Das ist gut möglich und hat einerseits mit der Globalisierung zu tun: Ein Virus hat es heute viel leichter, sich über grosse Strecken auszubreiten. Dazu kommt, dass der Mensch immer tiefer in die Wälder vorgedrungen ist. Oft zirkulieren Viren zwischen Tieren und springen dann aufgrund der Nähe in besiedelte Gebiete über. Es ist also durchaus denkbar, dass künftig vermehrt Viren von Tieren über Mücken auf den Menschen übertragen werden.

*Pie Müller ist Einheitsleiter Vektorbiologie am Schweizerischen Tropen- und Puclib Health-Institut.

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