Infektiologe zu neuen Massnahmen – «Wir steuern immer mehr auf eine Katastrophe zu»
Publiziert

Infektiologe zu neuen Massnahmen«Wir steuern immer mehr auf eine Katastrophe zu»

2G in Clubs und eine Testpflicht bei der Einreise: Für Infektiologe Andreas Widmer sind die neu verkündeten Covid-Massnahmen zu schwach, um eine Überlastung der Spitäler zu verhindern. Er fordert mehr Nachteile für Ungeimpfte.

von
Michelle Muff

«Wir steuern immer mehr auf eine Katastrophe zu» – Für Infektiologe Andreas Widmer kommen die neuen Massnahmen zu spät.

Video: 20 Minuten

Darum gehts

  • Am Freitag verkündete der Bundesrat neue Covid-Massnahmen.

  • Neu gilt unter anderem eine erweiterte Zertifikatspflicht sowie eine verkürzte Gültigkeitsdauer für Schnelltests.

  • Für Infektiologe Andreas Widmer sind die Massnahmen zu schwach: «Wir steuern immer mehr auf eine Katastrophe zu

  • Für ihn ist klar: Die Nachteile für Ungeimpfte müssen verstärkt werden.

Im Kampf gegen die steigenden Covid-Fallzahlen und Hospitalisationen verkündete der Bundesrat neue Massnahmen. Unter anderem gilt nun eine ausgeweitete Zertifikatspflicht, eine zweifache Testpflicht bei der Einreise in die Schweiz sowie eine verkürzte Gültigkeit bei Schnelltests. Die Massnahmen zielen darauf ab, eine Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern – gemäss Andreas Widmer, Infektiologe und Präsident des nationalen Zentrums für Infektprävention Swissnoso, ist es dafür aber bereits zu spät.

Herr Widmer, können die aktuellen Massnahmen eine Überlastung der Spitäler verhindern?

Die verkündeten Massnahmen reichen wahrscheinlich nicht aus, um einer Überlastung des Spitalwesens effektiv entgegenzuwirken. Wir steuern immer mehr auf eine Katastrophe zu: Wenn wir nicht Glück haben, werden wir uns spätestens zu Weihnachten in einem partiellen Lockdown befinden. Selbst wenn die Massnahmen gut greifen, werden die Auswirkungen frühestens in drei Wochen wirksam.

Welche Massnahmen müssten zusätzlich getroffen werden?

Das Hauptziel der Massnahmen muss sein, die Impfquote zu erhöhen und Booster-Impfungen grossflächig zu verabreichen – mit einer sehr hohen Impfquote kann eine Überlastung der Spitäler verhindert werden. Die Daten der Hospitalisationen zeigen klar, dass die Mehrheit der Erkrankten in den Spitälern und auf den Intensivstationen aktuell ungeimpft ist. Man darf nicht den Geimpften Sanktionen auferlegen, sondern sollte nun die Nachteile für Ungeimpfte verstärken.

Was bedeutet das konkret?

Als weitere Massnahme sollte 2G in allen Innenräumen eingeführt werden. In Berufsfeldern, die exponiert sind und direkten Kontakt zu Risikopatienten haben – beispielsweise im Gesundheits- sowie Polizeiwesen –, kommen wir höchstwahrscheinlich an einem Impfobligatorium nicht vorbei. Ausserdem muss das Contact Tracing dringend digitalisiert werden: Statt einer personell aufwändigen Rückverfolgung durch
die Kantone sollte eine Software installiert werden, die eine GPS-Ortung via Handy möglich macht. Damit kann schneller auf Infektionsketten reagiert werden.

Neu können Clubs die Sitz- und Maskenpflicht umgehen, indem sie 2G verlangen – was halten Sie davon?

Ich begrüsse diese Regelung. Jedoch wäre es in Clubs, die oft nur unzureichende Lüftungssysteme besitzen, angebracht, für den Einlass neben dem 2G-Zertifikat auch einen Antigen-Schnelltest zu verlangen und gratis vor Ort anzubieten, bis wir mehr über die neue Variante Omikron wissen. Das wäre einfach und mit geringen Kosten umsetzbar. Studien aus Frankreich zeigen, dass sich mit 2G+-Regelungen die Ausbreitung an Veranstaltungen gut eindämmen lässt.

Die Quarantäneliste für Omikron-Risikoländer wurde abgeschafft, dafür gilt neu eine zweifache Testpflicht für die Einreise in die Schweiz.

Das ist grundsätzlich ein guter Entscheid. Die Ausbreitung der neuen Variante, die nun bereits europaweit nachgewiesen wurde, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt sowieso nicht mehr verhindern. Bei einer Quarantäneregelung würden die Verluste, die durch Personalausfälle entstehen, den Nutzen übersteigen. Jedoch finde ich es bedenklich, dass sich auch geimpfte Personen auf Eigenkosten testen lassen müssen: Damit fällt ein weiterer Anreiz für Ungeimpfte weg, sich impfen zu lassen. Und die Impfung von noch nicht Geimpften ist auch gemäss BAG die wichtigste Massnahme in der Bekämpfung der Pandemie.

Wie wird es nun weitergehen?

In etwa drei Wochen werden wir die Auswirkungen der jetzigen Massnahmen beobachten können. Leider befürchten ich sowie auch andere Wissenschaftler, dass die jetzigen Massnahmen zu spät kommen und wir uns zur Festzeit in einer unkontrollierbaren Situation befinden werden: Die Intensivstationen werden wohl überfüllt sein und schlimmstenfalls wird die Triage zum Tragen kommen. Nur mit Glück werden wir diesem Szenario entkommen.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

8 Kommentare