14.04.2019 18:49

IS-Terrorist belastet Erdogan«Wir trafen den türkischen Geheimdienst oft»

Ein im Irak inhaftierter IS-Mann macht brisante Aussagen: Er habe als Vertreter des «Islamischen Staates» eng mit der Türkei zusammengearbeitet. Was ist da dran?

von
Ann Guenter
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Undurchsichtiges Spiel? Analysten vermuten schon lange, dass es eine konkrete Kooperation der Türkei mit der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) gegeben hat. Die Aussagen eines inhaftierten IS-Mannes geben diesem Verdacht weiter Auftrieb. (Im Bild: Ein Porträt des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan)

Undurchsichtiges Spiel? Analysten vermuten schon lange, dass es eine konkrete Kooperation der Türkei mit der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) gegeben hat. Die Aussagen eines inhaftierten IS-Mannes geben diesem Verdacht weiter Auftrieb. (Im Bild: Ein Porträt des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan)

AP/Emrah Gurel
Der Marokkaner Abu Mansour gibt an, als Vertreter des IS an Verhandlungen mit dem türkischen Geheimdienst MIT teilgenommen zu haben. Auch hohe türkische Regierungsvertreter seien involviert gewesen: «Ein türkischer Geheimdienstler sagte mir, dass Präsident Erdogan mich sehen wolle. Aber dazu kam es nie.» Weitere Aussagen von Abu Mansour im Überblick:

Der Marokkaner Abu Mansour gibt an, als Vertreter des IS an Verhandlungen mit dem türkischen Geheimdienst MIT teilgenommen zu haben. Auch hohe türkische Regierungsvertreter seien involviert gewesen: «Ein türkischer Geheimdienstler sagte mir, dass Präsident Erdogan mich sehen wolle. Aber dazu kam es nie.» Weitere Aussagen von Abu Mansour im Überblick:

ICSVE
So habe die Türkei vom IS profitiert:«Der Vorteil für die Türkei war, dass wir (der IS) im Grenzgebiet waren und die Türkei die Kontrolle über die Grenze und Nordsyrien wollte.» Man habe die Kurden auch im Nordirak kontrollieren wollen. Als NATO-Mitglied habe sich die Türkei aber zurückhalten müssen: «Sie wollen die kurdische Gemeinschaft zerstören, können dies aber nicht direkt machen. Deswegen setzen sie den IS ein.»

So habe die Türkei vom IS profitiert:«Der Vorteil für die Türkei war, dass wir (der IS) im Grenzgebiet waren und die Türkei die Kontrolle über die Grenze und Nordsyrien wollte.» Man habe die Kurden auch im Nordirak kontrollieren wollen. Als NATO-Mitglied habe sich die Türkei aber zurückhalten müssen: «Sie wollen die kurdische Gemeinschaft zerstören, können dies aber nicht direkt machen. Deswegen setzen sie den IS ein.»

AP/str

Ein IS-Anhänger sitzt in Bagdad im Todestrakt. Er nennt sich Abu Mansour und er hat Explosives zu erzählen: «Meine Aufgabe war es, als Vertreter des ‹Islamischen Staates› (IS) Beziehungen zum türkischen Geheimdienst zu unterhalten.»

Der gelernte Ingenieur stammt ursprünglich aus Marokko. Er schloss sich 2013 dem IS in Syrien an und wurde im Transitgeschäft für ausländische IS-Kämpfer eingesetzt, wie er im mehrstündigen Gespräch mit Anne Speckhard angibt, der Leiterin des amerikanischen Anti-Extremismus-Zentrums ICSVE.

Einer von fünf Top-Schleusern

Tatsächlich gab es beim IS fünf so genannte «top border facilitators». Diese Grenzwächter leiteten Schleuser in der Türkei an, wenn diese IS-Kämpfer nach Syrien brachten. Belegt ist, dass Abu Mansour sicher 165 Personen ermöglichte, von der türkischen Südprovinz Hatay ins syrische Atimah zu gelangen, wo er seinen Posten als Grenzwächter hatte.

Abu Mansours Job aber schien weiter zu gehen. «Anfangs registrierte ich die Einreisenden. Dann stieg ich zum Supervisor auf, wurde ein IS-Emir», so der Marokkaner. Damit übernahm er quasi diplomatische Aufgaben, agierte nach eigenen Angaben als Verbindungsmann zwischen dem IS-Geheimdienst Emni und dem türkischen Geheimdienst MIT.

«Die Türken schickten immer einen Wagen»

Er habe «sehr viele Treffen» mit MIT-Leuten, aber auch mit Vertretern des türkischen Militärs gehabt. «Manchmal trafen wir uns wöchentlich, je nachdem, was gerade los war. Die Treffen waren meist nahe der Grenze, einige auch in Ankara oder in Gaziantep.» Wenn er die Grenze zur Türkei passierte, «schickten die Türken immer einen Wagen zu meinem Schutz». Bei den Treffen sei es jeweils um «gemeinsame Interessen» gegangen, so Mansour.

Die Kontakte zu IS-Vertretern beschränkten sich Mansour zufolge nicht nur auf die türkischen Sicherheitsapparate. Auch Regierungsvertreter seien involviert gewesen – bis ganz oben: «Ein türkischer Geheimdienstler sagte mir, dass Präsident Erdogan mich in privatem Rahmen sehen wolle. Aber dazu kam es nie.»

Wie glaubwürdig ist der IS-Mann?

Das ist nur eine von vielen aufsehenerregenden Behauptungen des marokkanischen IS-Mannes. Was er über die angeblichen Beziehungen zwischen der Türkei und dem IS alles noch zu sagen hat, sehen Sie in der Bildstrecke.

So spektakulär Abu Mansours Aussagen sind – sind sie auch glaubwürdig? Die türkische Botschaft in Bern gab trotz mehrfacher Anfrage von 20 Minuten keine Stellungsnahme zum Thema ab.

Für Anne Speckhard vom Anti-Extremismus-Zentrum ICSVE, die fünf Stunden lang mit dem Marokkaner gesprochen und bereits hunderte inhaftierte Jihadis interviewt hatte, ist klar: «Mein Team, aber auch unsere Ansprechpartner aus Sicherheitskreisen stufen Abu Mansours Aussagen als konsistent und glaubwürdig ein», sagt sie zu 20 Minuten.

Andere IS-Quellen hätten ihr bereits Ähnliches berichtet. «Neu aber war, dass wir jetzt mit einem IS-Vertreter sprechen konnten, der direkt in die Verhandlungen zwischen dem IS und der Türkei involviert war.»

«Die Aussagen von IS-Gefangenen häufen sich»

Auch der österreichische Politologe und Nahostexperte Thomas Schmidinger sieht Mansour als glaubwürdige Quelle. «Es gibt eine Reihe von Indizien, dass es eine Zusammenarbeit der Türkei mit dem IS gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG/YPJ gab», sagt er zu 20 Minuten.

Manches gehe dabei schon über Indizien hinaus: «Es gibt mittlerweile gesicherte Beweise für die Behandlung von IS-Kämpfern in türkischen Spitälern und selbst für diplomatische Kontakte zwischen dem IS und höchsten türkischen Regierungskreisen», sagt Schmidinger. «Für weitere Kooperationen gibt es nur Aussagen von IS-Gefangenen, die sich allerdings häufen und die bei einem ordentlichen Prozess wohl auch ins Gewicht fallen würden.»

Transporte belegt, Waffenlieferungen nicht

Belegt seien auch die türkischen Hin- und Rücktransporte von IS-Kämpfern: «Europäische Kämpfer und Frauen wurden bereits in Istanbul abgeholt und völlig problemlos zum IS geschafft», so Schmidinger. «Ab 2016 gab es dann pro forma etwas genauere Grenzkontrollen und ein offizielles Vorgehen gegen den IS, allerdings werden bis heute ehemalige IS-Kämpfer in den protürkischen Milizen in Afrin eingesetzt.»

Für türkische Waffenlieferungen an den IS gebe es hingegen «bislang nur Indizien», so Schmidinger. Er und der Schweizer Islamwissenschafter Urs Gösken verweisen in dieser Frage auf 2015: Damals hatten renommierte türkische Journalisten Fotos veröffentlicht, die eine Waffenlieferung aus der Türkei für Extremisten in Syrien zeigen sollen. Die türkischen Behörden verhängten eine Nachrichtensperre und verhafteten die Journalisten.

Motive des IS-Mannes hinterfragen

Grundsätzlich, so der Islamwissenschaftler Gösken, überraschten ihn die Aussagen des IS-Mannes nicht, auch wenn sie stellenweise Ungereimtheiten aufwiesen. Entsprechend könne man «nicht alles für bare Münze nehmen, was er sagt. Aber man kann die Aussagen auch nicht einfach als unwahr abtun.»

Ähnlich sieht es der deutsche Jihad-Experte Guido Steinberg: Einige Aussagen des IS-Grenzwächters bezeichnet er als «ziemlich explosiv», andere – etwa das angeblich geplante Treffen mit Erdogan – hingegen als «wenig glaubhaft». Grundsätzlich müsse man Mansours Motive hinterfragen: «Gut möglich, dass er sich durch das Interview Aufmerksamkeit und Schutz erhofft und mit seinen Aussagen darauf abzielt, sich für Nachrichtendienste interessant zu machen.»

Pässe ohne türkische Ausreisestempel

So wie sich Abu Mansours Aussagen nicht restlos verifizieren lassen, gibt es noch viele offene Fragen zur möglichen Kooperation zwischen der Türkei und dem IS. Gut möglich, dass der Fall des «IS-Kalifats» zu neuen Erkenntnissen führt.

So sichtete ein «Spiegel»-Team diese Woche über hundert Reisepässe von IS-Mitgliedern aus 21 Ländern. Sie waren in Nordsyrien gefunden worden und mit einem türkischen Einreisestempel versehen. Dass kein einziger aber einen Ausreisestempel hatte, belegt die Rolle der Türkei als Transitland für die Terroristen des IS.

Dass viele in Nordsyrien inhaftierte, ausländische IS-Angehörige nach dem Fall des «Kalifates» davon träumen, von der Türkei befreit zu werden und dort leben zu können – siehe das Video unten –, dürfte auch kein Zufall sein.

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