Aktualisiert 13.08.2009 18:11

Interview«Wir tun mehr für Tiere als jeder Tierschützer»

Professor Adriano Aguzzi hat massgeblich zur Eindämmung von Rinderwahnsinn beigetragen - auch dank Tierversuchen. Im Interview spricht er über die Notwendigkeit solcher Versuche und über militante Tierschützer.

von
Olaf Kunz

20 Minuten Online: Inwieweit bemühen Sie sich, alternative Methoden zu Tierversuchen einzusetzen?

Prof. Aguzzi: Weder ich noch irgendein anderer ernsthafter Naturwissenschaftler fügt einer Maus gerne Leiden zu – das können sie mir glauben. Wenn es Methoden gibt, mit denen wir auf alternative Weise zu neuen Erkenntnissen gelangen, dann setzen wir sie konsequent ein: zum Beispiel Zellkulturen oder Computersimulationen. Aber auch im Jahr 2009 ist es immer noch nicht möglich, gänzlich auf Tierversuche zu verzichten. Noch immer wissen wir nur so wenig über biologische Vorgänge, und viele schlimme Krankheiten wie Krebs oder multiple Sklerose sind weiterhin unheilbar. Trotzdem: Tierversuche sind für mich und meine KollegInnen immer die Ultima ratio.

Kann man bei Tieren aus ethischer Sicht auch von Würde sprechen, wie man es beim Menschen tut?

Ich finde diesen Begriff etwas wischiwaschi. Für mich als Naturwissenschaftler verdient jedes Naturphänomen – ob Mensch, Tier, Pflanze oder Berg – Respekt.

Bei Tierversuchs-Anträgen müssen Wissenschaftler auch angeben, welchen Schweregrad die Versuche an Tieren haben werden. Inwieweit lässt sich so etwas überhaupt bestimmen?

Es gibt handfeste Kriterien dafür. Wenn zum Beispiel eine Behandlung zum Tod des Tieres führt, wird das generell als höchster Schweregrad, also 3, angegeben. Doch darauf lassen wir es möglichst nicht ankommen. Sogar bei einer notwendigen Injektion von Prionen bei Mäusen, können wir das so gestalten, dass diese nicht zum Tod führt. Wissen und Erfahrung helfen dabei ganz entscheidend. Ich forsche seit 25 Jahren, und in all der Zeit war die überwiegende Mehrheit der Versuche dem Schweregrad 1 oder 2 zuzuordnen.

Wie gehen Sie persönlich mit der Tatsache um, dass für Ihre wissenschaftliche Arbeit Tiere leiden müssen?

Meine Arbeitsgruppe besteht aus ca. 25 Mitarbeitern. Ihnen allen ist eines gemeinsam: sie sind Idealisten. Sie wollen die Entstehung von schlimmen Krankheiten, wie zum Beispiel Alzheimer und Parkinson, verstehen, um diese zu bekämpfen. Was aber Wenige wissen: die Forschung, die wir betreiben, kommt schliesslich auch den Tieren zugute. Als ich meine wichtigsten Entdeckungen gemacht habe, waren 280.000 Rinder an BSE verendet. Heute gibt es praktisch keine BSE-Todesfälle unter Rindern mehr – weil die Wissenschaft die Ursache von BSE durch Maus-Versuche herausgefunden hat. Wäre ich ein Rind, müsste ich meinen Arbeitskollegen immens dankbar sein! Wir tun also viel Gutes für die Tierwelt – im Gegensatz zu den fanatischen Tierschützern.

Sind Sie selbst schon einmal ins Fadenkreuz von Tierschützern geraten?

Die Schweizer Bevölkerung hat allgemein einen hohen Bildungsgrad und versteht sehr wohl die Notwendigkeit der Forschung. Die demokratischen Volksabstimmungen über Tierversuche, Stammzellen, und Gentechnologie haben immer wieder bewiesen, dass 70-85% der Bevölkerung will, dass wir den medizinischen Fortschritt vorwärts treiben – wenn nötig auch mit Tierversuchen. Es gibt aber eine kleine Minderheit von Fanatikern, denen jedes Mittel recht ist, um ihre Ideologie gegen den Willen der Gesellschaft durchzusetzen. Die Grabschänder und Attentäter des Ferienhauses Vasellas haben ja öffentlich bedauert, dass der Hausherr nicht ums Leben gekommen sei. Somit unterscheiden sie sich nicht von den Taliban oder Al Kaida: diese Leute sind keine Idealisten, sondern Terroristen.

Professor Adriano Aguzzi ist Leiter des Instituts für Neuropathologische Medizin am Universitaetsspital Zürich. Seit 25 Jahren forscht er auf dem Gebiet der Neurodegeneration (Prionen-Krankheiten, Alzheimer, Parkinson). Mit seiner Arbeit hat massgeblich zur Aufklärung der Ausbreitungswege des Rinderwahnsinns beigetragen. 2009 wurde er mit mit dem Antonio Feltrinelli-Preis ausgezeichnet.

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