Lohndumping: «Wir verdienen nur vier Franken pro Stunde»
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Lohndumping«Wir verdienen nur vier Franken pro Stunde»

Sie schuften in Zürich für einen Hungerlohn und leben in einer schimmligen Unterkunft: Gipser aus Ungarn kritisieren die Bauherrin, die Migros-Pensionskasse, scharf.

von
som
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Die ungarischen Bauarbeiter B.J., B.N. und K.Z. wurden mit grossen Lohnversprechungen in die Schweiz gelockt. Nun verdienen sie aber nur 4 bis 5 Franken pro Stunde, sagen sie.

Die ungarischen Bauarbeiter B.J., B.N. und K.Z. wurden mit grossen Lohnversprechungen in die Schweiz gelockt. Nun verdienen sie aber nur 4 bis 5 Franken pro Stunde, sagen sie.

Die Arbeiter beklagen auch die Zustände in ihrer Unterkunft. So schlafen sie zu zweit oder zu dritt in einem Zimmer und müssen sich mit acht bis 15 Personen eine Dusche teilen.

Die Arbeiter beklagen auch die Zustände in ihrer Unterkunft. So schlafen sie zu zweit oder zu dritt in einem Zimmer und müssen sich mit acht bis 15 Personen eine Dusche teilen.

Zudem sind die Wände schimmlig...

Zudem sind die Wände schimmlig...

Sie haben kräftige Oberarme und Hände zum Zupacken: Doch seit zwei Wochen kommen B.J.*, B.N.* und K.Z.* nur mit Beruhigungsmitteln über die Runden. «Mein Blutdruck ist sonst auf 220», sagt B.J. Hinzu kommt die Enttäuschung: «Ich dachte immer, dass in einem so schönen und reichen Land wie der Schweiz alles korrekt ablaufen würde.»

Vor sechs Wochen brachte ein Fahrer die Gipser aus Ungarn hierher: «Es sagte uns, dass wir in Zürich 25 Franken pro Stunde kriegen würden.» Ein verlockendes Angebot: «In Ungarn verdienen wir nur 300 bis 500 Euro pro Monat. Damit können wir unsere Familien nicht durchbringen.»

Schimmlige Unterkunft und Hungerlohn

Nun aber mussten ihre Frauen bereits den Schmuck verpfänden, da der Lohnsegen aus der Schweiz ausblieb. Bis zu 50 Stunden pro Woche haben sie in den letzten eineinhalb Monaten für eine Gipserfirma auf einer Baustelle an der Zurlindenstrasse im Kreis 3 gearbeitet, wie die Arbeiter sagen: «Bisher haben wir nur 1800 Franke in bar erhalten – das sind etwa 4 bis 5 Franken pro Stunde.»

Davon müssten sie 20 Prozent ihrem Fahrer für den Transport in die Schweiz abdrücken. Weitere 500 Franken verlangte ihr Chef für die Unterkunft in Uznach SG – eine Stunde Fahrt von der Zürcher Baustelle entfernt. In diesem 5-Zimmer-Abbruchhaus leben laut B.N. acht bis 15 Arbeiter: «Wir teilen uns eine Dusche und zwei Toiletten.» Zudem seien die Wände schimmlig und bei Regen tropfe Wasser durchs Dach, «überall sind Maden und andere Insekten.»

«Sie bedrohten ihn mit Schlagstöcken»

Ein Kollege von ihnen habe sich gegen diese Zustände beim Chef beschwert, sagen die Bauarbeiter: «Er und sein Bodyguard bedrohten ihn mit einem Schlagstock.» Zudem hätten sie gesehen, dass auf seinem Autositz eine Waffe lag.

Seither haben sie sich nicht mehr auf die Baustelle getraut – die Unia Zürich-Schaffhausen hat sie in einem Hotel untergebracht, wie Sprecher Lorenz Keller sagt: «Sonst sind diese Leute nicht in Sicherheit.» Ihr Schicksal sei kein Einzelfall: «Bei ihrem Arbeitgeber hat das Lohndumping System. Er hat bereits zahlreiche Männer aus Ungarn mit leeren Versprechungen in die Schweiz bringen lassen.»

Migros-Pensionskasse will Situation analysieren

Die Gipserfirma* arbeitet im Auftrag der Migros-Pensionskasse (MPK), die die Bauherrin der Überbauung an der Zurlindenstrasse ist. Die Unia habe mit der MPK bereits Kontakt aufgenommen, sagt Keller, «sie ist dafür verantwortlich, dass auf ihrer Baustelle kein Lohndumping betrieben wird». Die Forderung der Unia: «Die MPK hat dafür zu sorgen, dass die Arbeiter ihre korrekten Löhne erhalten.» Hier gehe es schnell um Ausstände von 40'000 bis 50'000 Franken.

Bei der MPK heisst es, dass man die Situation analysieren werde, wie Geschäftsleiter Christoph Ryter sagt: «Sollten sich die Vorwürfe erhärten, werden wir Massnahmen einleiten.» Man sei daran interessiert, dass alle Subunternehmen auf der Baustelle die gesetzlichen Vorgaben einhielten.

«Vorwürfe sind absoluter Blödsinn»

Der Chef der beschuldigten Gipserfirma bezeichnet sämtliche Vorwürfe als «absoluten Blödsinn» und betont, dass die betroffenen Arbeiter in einem Subunternehmen von ihm arbeiten würden: «Aus unseren Unterlagen geht hervor, dass sämtliche Mitarbeiter von dieser Firma mehr als 5000 Franken pro Monat verdienen.» Zudem lebten sie in einer Wohnung, die in gutem Zustand sei. Auch Drohungen mit Waffen habe es keine gegeben.

*Namen bekannt

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