Victorinox-CEO Carl Elsener im Exklusiv-Interview - «Wir verkaufen täglich 45’000 Sackmesser»
Publiziert

Victorinox-CEO Carl Elsener im Exklusiv-Interview«Wir verkaufen täglich 45’000 Sackmesser»

Die Krise traf die Kult-Messerschmiede wie ein Tsunami. Die Victorinox-Shops an den Flughäfen blieben leer, kaum jemand brauchte noch Reisekoffer. Jetzt spricht der Urenkel des Victorinox-Gründers über die Zeit und verrät, welches Sackmesser er immer dabei hat.

von
Fabian Pöschl

Victorinox-CEO Carl Elsener spricht über die Krise und sein Lieblings-Sackmesser.

20 Minuten/Marco Zangger, Fabian Pöschl

Darum gehts

  • Victorinox hat in der Krise deutlich weniger Umsatz erzielt.

  • Trotzdem entliess die Firma keine Mitarbeitenden in den Werken Ibach und Delémont.

  • CEO Carl Elsener spricht im Talk mit 20 Minuten über die Gründe.

Fast jede und jeder kennt die roten Sackmesser von Victorinox. Die Schweizer Kultmarke verkauft ihre Messer, Reisekoffer, Uhren und Parfüms in 120 Ländern. In der Heimat hat sie einen ausgezeichneten Ruf. Gleich nach der Migros vertrauen die Schweizerinnen und Schweizer am meisten der Marke Victorinox.

Trotz Corona-Krise baute Victorinox im vergangenen Jahr aus, schnappte sich die Zürcher Firma Zena und damit den Kult-Schäler Rex. Zudem zentralisierte sie die 17 bisherigen Lagerstandorte in der Schweiz und Europa im neuen Verteilzentrum in der Nähe des Hauptsitzes in Schwyz. Der kürzlich eröffnete 50-Millionen-Bau hat eine Solaranlage auf dem Dach und einen direkten Bahnanschluss.

Doch die Messerschmiede hat schwere Zeiten hinter sich. In der Corona-Krise blieben die Victorinox-Shops an den Flughäfen leer. Kaum jemand brauchte noch Reisekoffer. Der Umsatz brach um fast ein Drittel ein, wie Victorinox-CEO Carl Elsener im Interview sagt.

Wer braucht heute noch ein Sackmesser?

Carl Elsener (63): Wir verkaufen täglich 45'000 Exemplare. Es ist also auch im digitalen Zeitalter weltweit ein nützlicher Begleiter. Telefonieren oder fotografieren kann das Taschenmesser von morgen nicht. Solche Funktionen sind beim Handy besser aufgehoben. Das Taschenmesser wird ein analoges Produkt bleiben und auch in Zukunft die mechanische Komponente in unserem Leben unterstützen.

Victorinox ist eine der grössten Schweizer Kultmarken. Können Sie so überhaupt noch innovativ sein?

Wir sind neugierig und immer offen für Neues. Als der Golfsport boomte, gingen wir auf die Plätze und entwickelten ein Tool dafür, dasselbe taten wir beim Segeln. Wir arbeiteten auch mit Polizei- und Feuerwehrkräften zusammen und entwickelten ein Rescue Tool mit einer Glassäge und einem Gurtenschneider. Mit diesen Werkzeugen kann man sich selber oder andere aus brenzligen Situationen befreien.

Welches Messer haben Sie im Sack?

Ich habe immer zwei Messer dabei: Das Signature Light mit Kugelschreiber und LED-Lämpchen, mit dem ich schon viele wichtige Verträge unterschrieben habe. Und das Modell Traveller mit allen wichtigen Funktion plus digitaler Uhr mit Höhenmesser, Barometer und mehr. Es war für mich ein nützlicher Begleiter auf unserer Kilimandscharo-Expedition.

Wie hat die Krise Victorinox geschadet?

Sie war wie ein Tsunami, der uns in allen Märkten weltweit traf. Das letzte Jahr schlossen wir mit fast 30 Prozent weniger Umsatz ab.

Mussten Sie Mitarbeitende entlassen?

Nein, dank Kurzarbeit und unseren Reserven mussten wir keinen der 1200 Mitarbeitenden an den Standorten in Ibach und Delémont entlassen.

Warum sind die Reserven so wichtig?

Victorinox hat in seiner 137-jährigen Geschichte viele Krisen erlebt, von den beiden Weltkriegen bis zu 9/11, als der Taschenmesser-Umsatz über Nacht um über 30 Prozent eingebrochen ist. Diese Krisen haben uns gelehrt, wie wichtig finanzielle Reserven sind. Wir haben uns darum auch noch nie Dividenden auszahlen lassen.

Warum verzichten Sie auf dieses Geld?

Wir wollen damit die Firma stärken. Damit die gebildeten Reserven auch in Zukunft in der Firma bleiben, haben wir 90 Prozent der Aktien in eine Unternehmensstiftung eingebracht. Die verbleibenden zehn Prozent sind in einer wohltätigen Stiftung, die verschiedene Projekte und Organisationen in der Schweiz und im Ausland unterstützt.

Hat die Gründerfamilie keine Anteile mehr an Victorinox?

Ja, wir besitzen heute keine Aktien der Victorinox, tragen aber weiterhin die volle Verantwortung. Alle Familienangehörigen haben aber die Möglichkeit, bei uns zu arbeiten und erhalten dafür einen entsprechenden Lohn.

In welchen Ländern wollen Sie wachsen?

Wir sehen praktisch in allen Märkten Wachstumspotential, momentan wachsen wir am stärksten in Asien und Lateinamerika.

Was kommt derzeit besonders gut an?

Junge Leute lieben die neue Classic-Colors-Kollektion, die es in 40 verschiedenen Farben gibt. Dazu bieten wir verschiedene Etuis an, die das Sackmesser wie eine Handyhülle schützen. Besonders beliebt bei Sammlern sind die jährlichen Limited Editions. Dieses Jahr haben wir ein ganz besonderes Brotmesser aus Damast-Stahl gefertigt.

Das ist Carl Elsener

Carl Elsener führt das Familienunternehmen Victorinox in vierter Generation seit 2007 als Konzernchef und Verwaltungsratspräsident. Der 63-Jährige ist der Urenkel des Firmengründers Karl Elsener. Er ist seit seinem 20. Lebensjahr für Victorinox tätig, spielte aber schon als Kind gerne in der Fabrik in Ibach (SZ), wie er zu 20 Minuten sagt. Victorinox machte 2020 einen Umsatz von 335 Millionen Franken.

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

75 Kommentare