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Sommaruga über Ceneri-Eröffnung«Wir verlangen, dass Deutschland sein Versprechen einhält»

Der Ausbau der Zulaufstrecken für die Neat stockt in Deutschland. Vor der Eröffnung des Ceneri-Basistunnels rüffelt Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga den Nachbarn.

von
Daniel Waldmeier

Darum gehts

  • Dank dem Ceneri-Basistunnel kann die Schweiz noch mehr Güter auf die Schiene verlagern, sagt Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga (SP).
  • Das Problem: In Deutschland verläuft der Ausbau der Zulaufstrecken für die Neat schleppend.
  • Sommaruga verlangt, dass Deutschland nun Gas gibt.
  • Sie äussert sich auch zu den zwei Mineuren, die auf der Ceneri-Baustelle tödlich verunfallten.

Mit dem Ceneri-Basistunnel ist die Neat vollendet. Was bedeutet der Milliarden-Bau für die Schweiz?
Mit dem Ceneri-Tunnel vollenden wir unser Jahrhundertwerk. Die Schweiz darf stolz sein darauf. Mit der Neat erhalten wir eine Flachbahn durch die Alpen. Das stärkt unsere Verlagerungspolitik. Wir können so noch mehr Güter von der Strasse auf die Schiene verlagern. Und das Tessin bekommt dank dem Ceneri eine S-Bahn mit markant kürzeren Fahrzeiten zwischen Bellinzona, Lugano und Locarno. Die Schweiz wächst zusammen.

Die Schweiz hat die Hausaufgaben gemacht. Aber wie siehts bei den Zulaufstrecken nördlich und südlich der Schweiz aus?
Die Neat ist das Herzstück des europäischen Güterbahnkorridors von Rotterdam bis Genua. Italien ist mit dem Ausbau der Zulaufstrecken auf Kurs. Deutschland hingegen ist beim Bahnausbau in Verzug. Hier hat die Schweiz bereits Druck gemacht.

«Die Schweiz darf stolz auf die Neat sein.»

Simonetta Sommaruga

Wie genau?
Eine meiner ersten Handlungen als Verkehrsministerin war, dass ich den deutschen Verkehrsminister besucht und mit ihm eine Vereinbarung getroffen habe. Deutschland verpflichtet sich darin, auf der Rheintalstrecke zwischen Karlsruhe und Basel mit betrieblichen und technischen Verbesserungen schnell zusätzliche Kapazitäten zu schaffen, damit wir die Neat besser nutzen können, bis der Ausbau steht. Wir verlangen aber auch, dass Deutschland sein Versprechen einhält und mit dem eigentlichen Ausbau vorwärtsmacht. Parallel dazu werde ich Kontakt mit Frankreich und Belgien aufnehmen. Ziel ist eine zweite Zulaufstrecke das linke Rheinufer entlang.

Wie bewegt die kleine Schweiz Deutschland dazu, schneller auszubauen? Müssen Sie da Klartext sprechen?
Ja. Deutschland hat Verspätung und muss sehr viel investieren. In Deutschland geht die Politik aber auch in Richtung Verlagerung.

Das deutsche Versprechen

1996 hatten die Schweiz und Deutschland vereinbart, die deutschen und schweizerischen Zulaufstrecken zu den Neat-Basistunnels am Gotthard und Lötschberg auszubauen. Vereinbart wurde insbesondere ein «durchgehender viergleisiger Ausbau zwischen Karlsruhe und Basel im Hinblick auf die Vollauslastung der Neat». Gemäss aktuellen Prognosen werden die letzten Elemente des Vierspurausbaus zwischen Karlsruhe und Basel nun aber erst 2041 fertiggestellt sein – zudem fehlt es an Ausweichrouten für die Rheintalstrecke. Das hat sich gezeigt, als der Einsturz eines Tunnels zu einem 51-tägigen Unterbruch führte.

Beim Bau des Tunnels sind zwei Arbeiter ums Leben gekommen. Denkt man auch an sie, wenn man die Eröffnung feiert?
Meine Gedanken sind auch bei den Familien. Wir müssen uns bewusst sein, dass zwei Menschen auf der Baustelle ihr Leben gelassen haben, was mich sehr traurig macht. Anfang September wird beim Tunnelportal eine Gedenkstätte für die beiden verstorbenen Arbeiter eingeweiht. Dazu sind auch die Angehörigen eingeladen.

Die Witwe eines Arbeiters klagt die Schweiz an: Sie fühle sich vergessen. Was sagen Sie ihr?
Es ist wichtig, dass wir das nicht ausblenden. Ein verlorenes Menschenleben ist für die Angehörigen auch zehn Jahre später noch sehr traurig. Wir bleiben in Gedanken bei den Angehörigen. Gleichzeitig darf man sagen, welch grosse Bedeutung die Vollendung der Neat für die Bevölkerung, für die Schweiz, ja für ganz Europa hat.

«Meine Gedanken sind auch bei den Familien.»

Simonetta Sommaruga

Die Eröffnung fällt in eine Zeit, in der die SBB nichts zu feiern hat. Macht Ihnen das Corona-Loch in der Kasse der SBB Sorgen?
Nicht nur die SBB hat Ausfälle, sondern der ganze öffentliche Verkehr. Darum hat der Bundesrat 700 Millionen Franken gesprochen. Der Bundesrat schaut auch, dass die Liquidität der SBB gewährleistet ist.

Wird Homeoffice das Kapazitätsproblem des öffentlichen Verkehrs lösen?
Es ist noch zu früh für eine Bilanz, weil die Firmen erst Erfahrungen sammeln müssen. Wenn Firmen oder die Verwaltung in Zukunft aber tatsächlich mehr auf Homeoffice setzen, wird das den öffentlichen Verkehr sicher entlasten – genauso wie die Strasse auch. Das ist auch aus Umweltsicht eine Chance.

Ceneri-Eröffnung

In der Nacht auf Dienstag ist der 15,4 Kilometer lange Ceneri-Basistunnel von der Bauherrin AlpTransit an die Betreiberin SBB übergegangen. Am kommenden Freitag wird der Ceneri – das letzte Stück der Neat – offiziell eröffnet. Die SBB wird anschliessend im Probebetrieb rund 4000 bis 5000 Züge mit Reisenden oder Gütern durch den Tunnel schicken, bevor sie den Tunnel im Dezember 2020 fahrplanmässig in Betrieb nimmt.

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372 Kommentare
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Emanze

02.09.2020, 12:48

Wir bauen einfach die BAHNSTRECKE IM GROSSEN KANTON UND VERDOPPELN DIE GRÖSSE DE ZKLINE SCHWYZ UF 20 MIO. WILHELM TELL

Elisabeth

02.09.2020, 11:39

Da sieht man wieder, wie unser Nachbar Deutschland sich nicht an das Versprechen hält. Darum bei der BGI unbedingt ja stimmen!!

helveticus

02.09.2020, 11:24

Verlangen tönt anders.Wer Verträge nicht einhält,wird normalerweise zitiert. Hilft das nicht,kommen Gegenmassnahmen,wie das die EU mit uns tut.