Protestler in Peking: «In China wollen viele eine mRNA-Impfung, wie es sie im Westen gibt»

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Protestler in Peking«In China wollen viele eine mRNA-Impfung, wie es sie im Westen gibt»

Will (26) aus Peking erklärt, wieso er sich den Protesten in China anschliesst, was die Forderungen der Demonstranten sind und wieso die WM in Katar eine Rolle spielte. 

von
Ann Guenter

Die Bevölkerung lebt während Jahren quasi in Geiselhaft. Jetzt erlebt China die grösste Protestwelle seit Jahrzehnten. 

NOW-Beitrag

Darum gehts

  • Ein 26-jähriger Chinese aus Peking erzählt, wieso er an den Protesten teilnimmt und welche Risiken dabei bestehen.   

  • Er berichtet, wie die staatliche Zensur umgangen wird und wie Peking auf die Proteste reagiert.

  • «Wir haben uns dieses Leben nicht ausgewählt», sagt Will* (26) und führt aus, welche Forderungen die Protestierenden an die Regierung haben.

  • Ob den Forderungen nachgekommen wird, darf bezweifelt werden. Peking ist in seiner Null-Covid-Politik gefangen. 

Will* (26) wohnt in Peking. Seinen richtigen Namen will er nicht angeben, aus Angst vor der Regierung. Ein Foto kommt aus dem gleichen Grund nicht in Frage. 

Am Sonntag schloss er sich in Peking den aussergewöhnlichen Protesten an, die seit einigen Tagen in mehreren chinesischen Grosstädten über die Bühne gehen. «Im Quartier beim Liangma Fluss haben sich Hunderte versammelt und ‹Freiheit!› gerufen», erzählt er. «Dass so etwas in China passieren kann, habe ich noch nie erlebt. Deswegen ging ich auch hin. Es war eine einmalige Chance, um die Stimme der Bevölkerung zu hören, die ihre Rechte einfordert.»

«Wir wissen nicht, was für Folgen drohen» 

Er hat keine Angst, dass er ins Visier des Überwachungsstaates kommen könnte, denn: «Wir waren so viele, und alle fotografierten mit ihren Kameras und Telefonen - die Menge verschafft einem Schutz.» Will weiss aber, dass der Schutz durch die Menge keine Sicherheitsgarantie ist: «Ein Freund von mir wurde am Wochenende an den Demonstrationen in Shanghai festgenommen. Die Polizei behielt ihn 24 Stunden lang in Gewahrsam und konfiszierte sein Handy für 30 Tage. Wir wissen nicht, was für Folgen ihm noch drohen.» 

Sicher ist, dass eine Festnahme mit einer Registrierung einhergeht. «Das kann negative Konsequenzen auf das Privatleben haben, etwa beim Reisen», sagt Ralph Weber, China-Experte an der Uni Basel im Interview mit 20 Minuten. Nach oben hin sei die Skala offen: von Gewalt auf der Polizeistation, die nie geahndet wird, bis hin zum unerklärlichen Verschwinden. So sagt auch Will: «Ich bleibe vorsichtig – aber ich will auch nicht daran denken, was alles passieren könnte, wenn ich wieder auf die Strasse gehe.»

«Viele wollen die mRNA-Impfung wie im Westen»

Dass sich Menschen trotz der umfassenden Staatszensur überhaupt zu Protesten organisieren konnten, liege vor allem daran, dass man sich über WeChat in privaten Chatgruppen austausche. Dabei ist unklar, wer die Proteste organisiert. Will tippt auf kleine Gruppen, die spontan agieren und denen sich die Menschen ebenso spontan anschliessen.

«Wir verlangen von der Regierung nicht viel. Wir wollen nur eine vernünftige Corona-Politik», sagt Will. Dazu gehörten etwa das Ende der Massen-Lockdowns – «ein paar Ansteckungsfälle ziehen meist einen Lockdown von Tausenden nach sich», so Will –, sowie das Ende der obligatorischen Massentests. Denn ohne ein Resultat, das nicht älter als 24 Stunden ist, kann man in China nicht einmal einfachste Einkäufe tätigen.

«Statt der obligatorischen Massentests wollen wir eine wirksamere Impfung. Viele wollen die mRNA-Impfung, wie es sie im Westen gibt. Die chinesische Regierung gibt ja nicht einmal bekannt, wieso diese bei uns nicht zugelassen sind – doch es sind politische Gründe.»

Peking ist in der Null-Covid-Politik gefangen

Auch die QR-Codes, die das Volk beim Betreten von öffentlichen Räumen scannen müsse, gehörten abgeschafft, so Will. «Die Codes enthalten etwa Informationen, wie oft wir getestet wurden und wie viele Impfungen wir schon erhalten haben. Ohne das Erfassen dieser Informationen ist die Bewegung im öffentlichen Raum faktisch unmöglich. Aber letztlich ist das ein weiteres Instrument für soziale Kontrolle.»

Viele würden auch erwarten, dass Peking endlich einen zeitlichen Rahmen bis zum Ende der Null-Covid-Politik kommuniziert. Doch auch diese Forderung, so simpel sie klingen mag, bereitet Peking Kopfzerbrechen. Denn von heute auf morgen ginge das nicht. Ein Grossteil der Bevölkerung hat nicht genügend Dosen der chinesischen Totimpfstoffe erhalten, um das Risiko schwerer Erkrankungen und Todesfälle erheblich zu verringern. 

«Fussballweltmeisterschaft in Katar hat nicht geholfen»

Der Staat hat die Impfungen auch nicht forciert, sondern massive Abriegelungen vorgezogen. Auch das Gesundheitssystem ist eher schwach aufgestellt. Modelle deuten darauf hin, dass ein Ausstieg aus der Null-Covid-Politik zu überfüllten Krankenhäusern und Hunderttausenden von Todesfällen führen würde. Somit ist China nach drei Jahren und mit seiner Null-Covid-Politik schlecht auf den Umgang mit dem Virus vorbereitet.

Es habe nicht geholfen, dass man in China die unmaskierten Menschenmassen an der Fussballweltmeisterschaft in Katar im Fernsehen gesehen habe – obgleich die Zensur darauf bedacht war, solche Bilder möglichst nicht zu zeigen. «Auf WeChat wurden aber viele Nachrichten und Artikel geteilt, wo es um die Corona-Lage an der WM und generell im Ausland ging», so Will. 

«Vor der Omikron-Virus-Variante waren die Leute stolz»

Auf die Proteste hat Peking bislang mit noch stärkerer Zensur des Internets und mit einem massiven Polizeiaufgebot reagiert. «Die chinesischen Medien berichten kaum über die Proteste, es gibt aber Meinungsbeiträge dazu. Darin heisst es, ausländische Kräfte würden versuchen, eine Revolution anzuzetteln. Auch regierungsnahe Blogger heben hervor, dass hinter den Protesten schlechte Absichten stünden.»

Diese verkannten laut Will, dass es den Leuten allein darum gehe, das Leben der letzten drei Jahre hinter sich lassen zu können – wenn man das isolierte Dasein in einer Null-Covid-Diktatur überhaupt noch Leben nennen kann. «Vor der Omikron-Virus-Variante waren die Leute stolz, weil die Covid-Politik funktionierte und es in China viel weniger Tote gab als im Ausland. Seit Omikron aber funktioniert das nicht mehr, die immer wieder angeordneten Lockdowns ganzer Städte sind einfach nicht mehr die Antwort.»

* Name der Redaktion bekannt

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