Aktualisiert 27.02.2020 09:39

Cybermobbing-Fall vor Gericht

Célines Peiniger muss zur Strafe 4 Tage arbeiten

Der heute 17-jährige Ex-Freund von Céline musste sich am Mittwoch vor dem Jugendgericht Dietikon verantworten. Freundinnen von ihr hielten vor dem Gebäude eine Mahnwache.

von
hoh/wed
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Emotionale Momente vor dem Bezirksgebäude Dietikon, wo am Mittwochnachmittag der Fall Céline verhandelt wird.

Emotionale Momente vor dem Bezirksgebäude Dietikon, wo am Mittwochnachmittag der Fall Céline verhandelt wird.

Eltern und Freunde treffen und umarmen sich.

Eltern und Freunde treffen und umarmen sich.

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Vier Freundinnen von Céline im Alter von 18 bis 20 Jahren halten eine Mahnwache vor dem Gebäude.

Vier Freundinnen von Céline im Alter von 18 bis 20 Jahren halten eine Mahnwache vor dem Gebäude.

Emotionale Momente vor dem Bezirksgebäude Dietikon, wo am Mittwochnachmittag der Fall Céline verhandelt wird. Eltern und Freunde treffen und umarmen sich, vier Freundinnen von Céline im Alter von 18 bis 20 Jahren halten eine Mahnwache. «Wir waren ihre engsten Freundinnen und vermissen bis heute die positive Ausstrahlung und das Lachen von ihr – sie hat eine Lücke hinterlassen», sagen sie zu 20 Minuten. Vom Gerichtsfall erhoffen sie sich eine gerechte Strafe, damit der Beschuldigte daraus lernt. «Zudem hoffen wir, dass der Fall eine Wirkung in der Öffentlichkeit hat und Cybermobbing als ernstes Problem erkannt wird.»

Der Prozess vor dem Jugendgericht startete dann um 13.30 Uhr – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Nur zugelassene Journalisten dürfen an den Plädoyers des Jugendanwaltes und des Verteidigers teilnehmen. Der Grund: Es handelt sich beim Beschuldigten um einen 17-jährigen Jugendlichen aus Dietikon. Er ist der Nötigung im Zusammenhang mit dem Cybermobbingfall Céline angeklagt und wird von seinen Eltern begleitet. Das 13-jährige Mädchen aus Spreitenbach hatte sich im August 2018 in der Wohnung der Familie umgebracht, nachdem es massiv vom damals 15-jährigen Ex-Freund und dessen eifersüchtiger Ex-Freundin (16) gemobbt worden war.

Jugendanwältin fordert eine Leistung von 7 Tagen

Der Jugendanwalt hatte den heute 17-Jährigen per Strafbefehl der Nötigung und Pornografie – er hatte Céline rund 20 Fotos seines Penis geschickt – schuldig gesprochen und wurde zu einem kurzen Arbeitseinsatz verurteilt. Dagegen haben die Eltern von Céline Einsprache erhoben und eine Verurteilung wegen sexueller Nötigung sowie eine härtere Bestrafung verlangt.

Diese Jugendanwältin verlangte am Mittwochnachmittag erneut eine Verurteilung wegen Nötigung und Pornografie. Das Gericht soll eine persönliche Betreuung anordnen und ihn zu einer Leistung von 7 Tagen – davon 3 Tage bedingt – verurteilen. Laut der Jugendanwältin liegt keine sexuelle Nötigung vor. Es seien erotische und nicht pornografische Fotos gewesen. Der Beschuldigte habe Celine nicht aufgefordert, Nacktfotos zu schicken, und auch nicht zu sexuellen Handlungen aufgefordert.

«Der Beschuldigte hat Céline schamlos ausgenutzt»

Der Anwalt von Célines Eltern verlangte aber eine Verurteilung wegen sexueller Nötigung. «Der Beschuldigte hat Fotomaterial mit sexuellem Inhalt verlangt», sagt der Anwalt. «Körperkontakt ist bei sexueller Nötigung nicht zwingend nötig.» Zudem verlangte er eine Genugtuung von 5000 Franken für Célines Eltern. Dies sollen die Eltern des Jugendlichen zahlen.

Laut dem Anwalt hatten die beiden Jugendlichen eine On-off-Beziehung, in der die Schlagseite bei Céline lag. «Es war ein Teufelskreis, aus dem Céline nicht mehr herauskam.» Der Beschuldigte habe sie schamlos ausgenutzt. Während den Schilderungen des Anwalts brach Célines Mutter im Gerichtsaal immer wieder in Tränen aus.

«Ein Stich ins Herz»

Die Situation sei eskaliert, als der Knabe das Mädchen dazu aufgefordert habe, ihn bei sich zu Hause oral zu befriedigen, was Céline abgelehnt habe und worauf er böse wurde. «Dann hat er die Drohung wahr gemacht und ein erotisches Bild von Céline an seine Ex-Freundin geschickt.» Diese veröffentlichte das Foto während rund einer Stunde in ihrer Snapchat-Story, bevor sie es wieder löschte.

Dieser schwere Vertrauensmissbrauch und die Angst, dass er noch weitere Bilder von ihr verschicken könnte, habe Céline in den Suizid getrieben. «Diese Drohung und die Veröffentlichung des Fotos war wie ein Stich ins Herz», sagte der Anwalt der Eltern.

Das Jugendgericht Dietikon folgte der Argumentation der Jugendanwältin und verurteilte den 17-Jährigen wegen Nötigung und mehrfacher Pornografie zu einem Arbeitseinsatz von sieben Tagen. Davon muss er vier Tage leisten. Die restlichen drei werden nur fällig, falls er sich innerhalb eines halben Jahres etwas Neues zuschulden kommen lässt. Dazu ordnete das Gericht eine «persönliche Betreuung» durch eine Sozialarbeiterin an.

Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe

Beratung:

Dargebotene Hand, Tel. 143, (143.ch)

Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, (147.ch)

Kirchen (Seelsorge.net)

Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:

Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (Nebelmeer.net);

Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (Verein-refugium.ch);

Verein Regenbogen Schweiz (Verein-regenbogen.ch).

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