Aktualisiert 17.03.2009 18:31

Winnenden

«Wir waren eine ganz normale Familie»

Die Eltern des Amokläufers Tim K. haben sich in einem offenen Brief für die Tat ihres Sohnes entschuldigt und Opfern und Angehörigen ihr Beileid ausgesprochen.

«Ihnen wurde das Wertvollste und Wichtigste, ein geliebter Mensch, durch die entsetzliche und unbegreifbare Tat unseres Sohnes und Bruders genommen», hiess es in der vom Anwalt der Familie verbreiteteten Erklärung. Die Familie frage sich immer wieder, wieso dies habe geschehen können, hiess es in der Erklärung. «Warum wir seine Verzweiflung und seinen Hass nicht bemerkt haben. Bis zu dem furchtbaren Geschehen waren auch wir eine ganz normale Familie. Wir hätten Tim so etwas nie zugetraut und kannten ihn anders.» Sie seien bestürzt und stünden weinend und stumm vor der unfassbaren Tragödie. «Unser tiefstes Mitgefühl möchten wir den Opfern, Angehörigen und Freunden aussprechen. Alle unsere Gedanken sind auch bei den körperlich und seelisch Verletzten.» Eine Obduktion der Leiche Tim K.s ergab, dass sich der 17-Jährige mit einem Kopfschuss tötete.

Zur Besetzung der getöteten Lehrerinnen kamen allein in Schwäbisch Gmünd laut Polizei rund 800 Trauergäste, darunter viele Polizisten. Die Frau war mit einem Beamten verheiratet, der als einer der ersten am Tatort in der Albertville-Realschule eingetroffen war. Die dritte Lehrerin soll am (morgigen) Mittwoch beerdigt werden. Bis Freitag sollen alle Opfer beigesetzt sein.

In Winnenden sollen die betroffenen Schüler schrittweise wieder an den Schulalltag herangeführt werden. Ab kommender Woche gilt laut Regierungspräsidium Stuttgart für sie wieder die Schulpflicht. Allerdings werde der Unterricht nicht in der Albertville-Schule, sondern in umliegenden Ersatzräumen stattfinden. Zudem sollen laut Stadtverwaltung 30 zusätzliche Lehrer zum Einsatz kommen. Eine Entscheidung über die Zukunft des Gebäudes ist nach Angaben der Stadt noch nicht gefallen.

Ermittlungen gehen weiter

Derweil gehen die Ermittlungen zum Hintergrund der Tat weiter: Die angebliche Ankündigung der Bluttat war nach Angaben von Landesinnenminister Heribert Rech wahrscheinlich eine Fälschung. Es spreche vieles dafür, dass der Eintrag zur Tat im Internet gefälscht sei. Bis zur endgültigen Klärung muss nach Rechs Worten aber weiter auf die Übermittlung der Verbindungsdaten aus den USA gewartet werden, wo der Betreiber des Servers ansässig ist.

In der Diskussion über die Konsequenzen aus der Bluttat lehnte SPD-Fraktionschef Peter Struck Änderungen des Waffenrechts und ein Verbot von Schusswaffen in Privathaushalten ab. Doch müssten Menschen, die legal viele Waffen besässen, schärfer kontrolliert werden.

Die baden-württembergische Landesregierung will laut Ministerpräsident Günther Oettinger über Konsequenzen beraten. Er sei zu «sehr restriktiven Massnahmen im Umgang mit gewaltverherrlichenden Computerspielen bereit», sagte der CDU-Politiker. «Der Jugendschutz wird ein wichtiges Feld sein.» In drei bis vier Wochen wird Rech dem Kabinett einen Bericht nach Auswertung der Abläufe in Winnenden vorlegen.

Unterdessen hielten Nachahmer die Behörden in Atem: In Baden-Württemberg wurde ein 17-Jähriger festgenommen und vorübergehend in die Psychiatrie eingewiesen, der im Internet bereits am vergangenen Donnerstag mit einer ähnlichen Tat im Raum Ehingen nahe Ulm gedroht hatte. Zu weiteren Polizeieinsätzen kam es unter anderem in Frankfurt (Oder) und Cuxhaven.

(dapd)

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