Kanton Freiburg - «Wir wussten, dass wir schuldig sind»
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Kanton Freiburg«Wir wussten, dass wir schuldig sind»

Ein Ehepaar aus dem Kanton Freiburg steht vor Gericht, weil es seine Tochter Corona-bedingt total 30 Tage nicht zur Schule schickte. Im Interview erklären die beiden, was sie zu ihrem Entscheid bewogen hat.

von
Simon Ulrich
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Verlängertes Homeschooling: Nach dem Lockdown nahmen die Eltern die Tochter dreimal von der Schule. (Symbolbild)

Verlängertes Homeschooling: Nach dem Lockdown nahmen die Eltern die Tochter dreimal von der Schule. (Symbolbild)

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Das Kind des Ehepaars aus dem Sensebezirk fehlte 30 Tage in der Schule. (Symbolbild)

Das Kind des Ehepaars aus dem Sensebezirk fehlte 30 Tage in der Schule. (Symbolbild)

Sebastian Gollnow/dpa
Die Schule reichte zweimal Anzeige gegen die Eltern ein. (Symbolbild)

Die Schule reichte zweimal Anzeige gegen die Eltern ein. (Symbolbild)

Sven Hoppe/dpa

Darum gehts

  • Im Kanton Freiburg standen am Donnerstag ein Vater und eine Mutter (beide 42) wegen Verletzung der Schulpflicht vor Gericht.

  • Die beiden hatten ihre Tochter (9) während Corona mehrmals unerlaubt von der Schule genommen.

  • Die Eltern erhielten daraufhin einen Strafbefehl mit einer Busse von 3000 Franken. Diesen haben sie nun vor das Polizeigericht Tafers weitergezogen.

  • Im Interview spricht der Vater über die Beweggründe, die Tochter zuhause zu behalten, wie das Mädchen die Zeit erlebt hat und ob er gegen die Schule nun Vorwürfe erhebt.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als der Strafbefehl mit den 3000 Franken Busse ins Haus flatterte?

Wir hatten mit einem Strafbefehl gerechnet und waren uns auch bewusst: Wir sind schuldig in dem Sinne, dass wir die Schulpflicht verletzt haben. Die Höhe der Busse empfanden wir aber als unangemessen.

Warum?

Das Strafmass richtet sich ja unter anderem danach, wie gewissenhaft die Eltern das Kind zuhause unterrichten. Aufgrund der Höhe der Busse könnte man meinen, dass meine Frau und ich unser Kind aus der Schule genommen und es dann zuhause überhaupt nicht unterstützt haben. Aber das Gegenteil ist der Fall: Wir haben mit unserer Tochter den ganzen Schulstoff durchgearbeitet.

Sie haben Ihre Tochter insgesamt dreimal von der Schule genommen. Was war der Grund?

Das erste Mal war im Mai 2020, nach dem grossen Lockdown. Damals war noch wenig bekannt über das Ansteckungsrisiko bei Kindern, es gab wenige Fakten und viel Unsicherheit. Wir beschlossen deshalb, abzuwarten und zu schauen, ob es in den ersten Wochen nach der Schulöffnung zu Ausbrüchen kommt. Beim zweiten und dritten Mal im Herbst 2020 und im Frühling 2021 war die Risikoschwangerschaft meiner Frau der ausschlaggebende Punkt, das Kind nicht mehr zur Schule zu schicken. Wir wollten einfach nicht riskieren, dass der Mutter oder dem Ungeborenen aufgrund einer potenziellen Infektion etwas passiert.

Nach der Wiedereröffnung verfügte die Schule über ein Schutzkonzept. Wieso hat Sie das nicht überzeugt?

Mein Standpunkt ist: Schutzkonzepte bringen nur etwas, wenn sie überall konsequent umgesetzt werden. Wenn im Klassenraum alle Massnahmen eingehalten werden, sich die Kinder dann aber auf dem Schulweg oder auf dem Pausenplatz durchmischen und austauschen, ist es nur eine Alibi-Übung.

Ist Ihnen der Entscheid, die Tochter zuhause zu behalten, leicht gefallen?

Nein, gar nicht. Wir sind nicht Fans davon, unser Kind selber zu unterrichten. Es gab deswegen auch harte Diskussionen zwischen meiner Frau und mir. Dabei waren auch allfällige soziale Einbussen ein Thema, die unserer Tochter entstehen können, wenn sie ihre Kolleginnen eine Weile nicht sieht. Aber letztlich haben wir so entschieden – und unsere Tochter konnte mitentscheiden.

Und wie hat sie die Zeit ohne Präsenzunterricht und Gspänli erlebt?

Am Morgen haben wir jeweils den Schulstoff bearbeitet, wobei meine Frau und ich uns je nach Fach abwechselten. Am Nachmittag haben wir etwas zusammen unternommen, das fand unser Kind super. Das Zeugnis mit den guten Noten zeigt klar, dass kein Rückstand beim Schulstoff entstanden ist. Aber es gab auch die weniger schönen Momente: Wenn die Gspänli unserer Tochter draussen am Spielen waren und sie bloss vom Balkon aus zusehen konnte, war das nicht einfach für sie.

Wie hat die Schulleitung auf Ihren Entscheid reagiert, das Kind eine Zeit lang nicht zur Schule zu schicken?

Nach dem Lockdown im Mai 2020 sah sie noch von einer Anzeige ab. Im darauffolgenden Herbst hielt die Schulleiterin Rücksprache mit uns, bevor sie uns verzeigte. Sie sagte auch, dass die Anzeige ihr leid tue, dass sie von Gesetzes wegen aber dazu verpflichtet sei. Dafür hatten wir vollstes Verständnis: Wir wollten schliesslich auch nicht, dass die Schule wegen uns Probleme bekommt. Überhaupt machen wir der Schule keinen Vorwurf: Sie war stets zuvorkommend und hat uns unterstützt, wo sie konnte. Auch wussten wir von Anfang an, worauf wir uns einlassen.

In den nächsten Tagen erfolgt das Urteil des Gerichts. Was erwarten Sie?

Vor allem hoffen wir, dass die Busse reduziert wird. Das Wichtigste ist aber, dass wir für unsere Überzeugungen eingestanden sind und gemäss unseren Prinzipien gehandelt haben. Das wichtigste Gut auf Erden ist die Gesundheit – für sie würden wir alles tun.

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