Zypern-Krise: «Wir werden alle zur Hölle fahren»
Aktualisiert

Zypern-Krise«Wir werden alle zur Hölle fahren»

Die Menschen pilgern täglich zum Geldautomaten, jeder überlegt zweimal, bevor er tankt – auf Zypern wächst die Angst vor dem Kollaps. Die Insel fühlt sich von der EU im Stich gelassen.

von
Sandro Compagno
Limassol

Wer bis vor wenigen Tagen an Zypern dachte, der dachte an Aphrodite oder Ayia Napa – je nach Interessenlage und Bildungsstand. Ist heute die Rede von der Insel im östlichen Mittelmeer, ist das Wort Krise nicht weit. Zypern taumelt am Abgrund. 17 Mia. Euro braucht der kleine Staat mit einer knappen Million Einwohner, 11 Milliarden davon für das marode Bankensystem, sonst droht der Staatsbankrott.

Die Szenerie an diesem März-Tag in Limasol passt: Heftige Sturmwinde peitschen über die zweitgrösste Stadt Zyperns, wirbeln Sand und Unrat durch die Gassen. Taxi-Fahrer Andreas berichtet gar von einem Tornado, der an der Uferpromenade Bäume entwurzelt hat: «Einer fiel 20 Meter vor meinem Auto auf die Strasse!» Glück gehabt. Eine Reparatur seines Mercedes hätte den 50-jährigen Familienvater in arge Bedrängnis gebracht.

«Ganz Europa wird neidisch sein auf uns»

Das Leben ist schon so kompliziert genug. Andreas hat zwar ein Bankkonto, aber weder Kredit- noch Debitkarten, um an einem Automaten Bargeld zu beziehen: «Allmählich geht mir das Geld aus». Und nicht nur ihm: «Schauen Sie sich die Uferstrasse mit ihren Läden an. Sie sind leer. Die Menschen gehen nicht mehr aus, sie kaufen nicht mehr ein. Sie sitzen zuhause, schauen fern oder hören Nachrichten».

Von Europa erwartet das kleine EU-Land mittlerweile gar nichts mehr. Europa = Deutschland = Merkel lautet die simple Gleichung. «Deutschland will unseren Reichtum stehlen», schimpft Nektarios, der eine kleine Bar im Touristenviertel betreibt, «das ist ein Wirtschaftskrieg der deutschen Bastarde gegen uns!» Der Reichtum, den Nektarios meint, liegt 4500 Meter tief unter dem Meeresgrund: Erdgas! Spricht man mit den Menschen über die Krise, landet man schnell beim Erdgas, das dereinst alle Probleme lösen soll. «In vier oder fünf Jahren wird ganz Europa neidisch auf uns sein», sagt Nektarios.

Alle wollen Cash

Es ist eine seltsame Mischung als Hoffnung, Verzweiflung und Stolz, welche die Menschen in Zypern umtreibt. Die Hoffnung heisst Russland. Auch wenn Finanzminister Michalis Sarris am Freitag unverrichteter Dinge von Verhandlungen in Moskau zurückgekehrt ist. «Es ist nicht so, dass wir die Russen unbedingt wollen», sagt Restaurant-Besitzer Dino, «aber ein Ertrinkender klammert sich auch an alles, was ihm in die Finger kommt».

Dino übrigens akzeptiert nur noch Cash, bezahlen mit Kreditkarte ist in Zypern nicht mehr möglich. Vor den Geldautomaten der Laiki-Bank stehen die Menschen Schlange, um wenigstens die Tageslimite von 260 Euro abheben zu dürfen. An die Bank of Cyprus in der St. Andrews Street hat jemand mit schwarzer Farbe «Diebe» geschrieben.

Tanken oder nicht tanken?

Bis Dienstag bleiben die Banken geschlossen. Was danach passiert, weiss niemand. «Wir werden alle zur Hölle fahren», sagt Wirt Dino. «Glaub mir, hier in Zypern erleben wir gerade das Anfang vom Ende des Euro-Raumes». Noch funktioniert das öffentliche Leben. Die Taxis fahren, der Flughafen ist offen, die Restaurants auch. Doch unter der Oberfläche gärt es. So hat das Bus-Unternehmen, das die Medienschaffenden und die Fans, die mit der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft nach Zypern gereist sind, eine eigene Zapfsäule. Seit Donnerstag wird sie rund um die Uhr bewacht.

Es sind weniger Autos unterwegs als auch schon auf Zyperns Strassen. «Die Leute überlegen sich zweimal, ob sie tanken sollen oder nicht», erklärt Dimitra, die für ein lokales Reisebüro arbeitet. Dimitra steht jeden Morgen am Geld-Automaten und bezieht ihre Tageslimite: «Und am nächsten Dienstag hoffentlich mehr». Viele denken so wie die Mittvierzigerin. Viele werden versuchen, möglichst viel Geld abzuheben, wenn die Bankschalter wieder öffnen, und damit das marode Finanzwesen weiter schwächen.

«Das Schlimmste ist die Ungewissheit»

Zypern fühlt sich von Europa im Stich gelassen. «Spanien haben sie 100 Milliarden gegeben. Uns lassen sie wegen 17 Milliarden vor die Hunde gehen», sagt Kellner Lakis. Natürlich wisse er, dass der Finanzsektor für die kleine Insel enorm aufgebläht sei. Lakis: «Wir sind ein Offshore-Platz. Aber wovon sollen wir denn leben? Wir haben keine Industrie, und die paar Orangen und Oliven, die bei uns wachsen, bringen uns nicht weiter».

Wie weiter mit Zypern? Worauf weder die Politiker des Inselstaates noch jene in Brüssel klare Antworten finden, lässt auch die Zyprer ratlos zurück. «Das Schlimmste», sagt Taxi-Fahrer Andreas, «das Schlimmste ist die Ungewissheit».

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