Aktualisiert 01.05.2020 15:08

Lehrer kritisieren BAG

«Wir werden als Versuchskaninchen missbraucht»

Das Lehrpersonal macht sich Sorgen um seine Gesundheit im vollen Klassenzimmer. Auch die oberste Schweizer Lehrerin kritisiert die Schulöffnung des BAG als «unkoordinierte Hauruck-Übung».

von
Joel Probst
1 / 5
Am 11. Mai müssen Schweizer Schüler wie hier in Baden-Württemberg wieder im Klassenzimmer antraben. Wie das genau aussehen wird, ist von Kanton zu Kanton anders.

Am 11. Mai müssen Schweizer Schüler wie hier in Baden-Württemberg wieder im Klassenzimmer antraben. Wie das genau aussehen wird, ist von Kanton zu Kanton anders.

KEYSTONE/DPA/Felix Kästle
Eine Aargauer Lehrerin hat Angst, da in ihrem Kanton nach regulärem Stundenplan unterrichtet wird. «Wir Lehrpersonen und unsere Kinder werden einfach als Versuchskaninchen missbraucht», sagt sie.

Eine Aargauer Lehrerin hat Angst, da in ihrem Kanton nach regulärem Stundenplan unterrichtet wird. «Wir Lehrpersonen und unsere Kinder werden einfach als Versuchskaninchen missbraucht», sagt sie.

KEYSTONE
Auch die Präsidentin des Schweizer Lehrerverbands, Dagmar Rösler, ist mit den jetzigen Rahmenbedingungen der Schulöffnung «überhaupt nicht glücklich». Das Ganze sei eine «unkoordinierte Hauruck-Übung».

Auch die Präsidentin des Schweizer Lehrerverbands, Dagmar Rösler, ist mit den jetzigen Rahmenbedingungen der Schulöffnung «überhaupt nicht glücklich». Das Ganze sei eine «unkoordinierte Hauruck-Übung».

KEYSTONE

Darum gehts

  • Lehrer fürchten sich vor der Schulöffnung am 11. Mai.
  • Eine Aargauer Lehrerin, die dann wieder regulär unterrichtet, fühlt sich als «Versuchskaninchen» missbraucht.
  • Auch die oberste Schweizer Lehrerin kritisiert das BAG und die grossen kantonalen Unterschiede. Sie ist noch nicht überzeugt, dass es in der Schule sicher sei für Kinder und Lehrpersonen.
  • Das BAG sagt derweil, dass keine Gefahr für Eltern und Lehrerschaft bestehe. Auch ein Kinderarzt stützt die Öffnung.

Am 11. Mai müssen Kinder wieder im Schulhaus antraben, ab dann sind die Schulen in der ganzen Schweiz wieder geöffnet. Nicht alle freuen sich auf diesen Tag. Eine Lehrerin aus dem Aargau, die anonym bleiben will, hat sich bei 20 Minuten gemeldet. Sie hat Angst.

«Ich frage mich, ob ich einfach davon ausgehen muss, mich anzustecken», sagt sie. Denn im Aargau wird wie etwa auch in den beiden Basel und Luzern sofort wieder nach regulärem Stundenplan unterrichtet. Eine Auftrennung in Gruppen wie sie etwa die Kantone Zürich und Bern vorsehen gibt es nicht.

«Wir werden als Versuchskaninchen missbraucht»

Mehr Massnahmen als eine markierte «Schutzzone» von zwei Metern, welche die Schüler nicht betreten dürfen, sind an ihrer Schule bislang nicht geplant. Die Lehrerin klagt: «Das kanns doch nicht sein. Es ist illusorisch, dass es möglich sein soll, zwei Meter Abstand zu halten in einem vollen Klassenzimmer.»

Die Lehrerin will am 11. Mai trotzdem unterrichten: «Aber ich habe wirklich Angst. Ich will nicht, dass meine Kinder deswegen keine Mutter mehr haben.» Das Risiko, dass sie sich das Virus im vollen Klassenzimmer einfängt, hält sie für gross. «Man strengt sich sehr wenig an, um die Sicherheit zu garantieren. Wir Lehrpersonen und unsere Kinder werden einfach als Versuchskaninchen missbraucht.»

Lehrerverband ist «überhaupt nicht glücklich»

Die Aargauer Lehrerin ist mit ihren Bedenken nicht allein. Der Schweizer Lehrerverband ist mit den jetzigen Rahmenbedingungen «überhaupt nicht glücklich», wie Präsidentin Dagmar Rösler gegenüber 20 Minuten sagt. «Das BAG gibt zwar Grundprinzipien vor, doch ganz vieles bleibt unklar und gibt den Kantonen grossen Spielraum. Es macht keinen Sinn, dass es keine schweizweit einheitliche Umsetzung gibt, obwohl das Coronavirus ein nationales Problem ist.»

Die Schulöffnung hält Rösler für eine «unkoordinierte Hauruck-Übung»: «Ich habe ein wenig den Eindruck bekommen, dass man einfach mal macht und dann schaut, was passiert.» Sie denke aber nicht, dass das BAG das vorsätzlich mache, sondern der Druck wohl zu gross worden sei, die Schulen wieder aufzumachen.

Oberste Lehrerin «noch nicht überzeugt, dass Schule sicher ist»

Die oberste Lehrerin der Schweiz fordert deshalb: «Wir wollen klare Vorgaben.» Jetzt gebe es riesige Unterschiede zwischen den Kantonen. Es sei aber «unsicher, ob unter Vollbetrieb der Schutz von Kindern und Lehrern gewährleistet werden kann». Rösler wird deutlich: «Im Moment bin ich noch nicht überzeugt, dass es in der Schule sicher ist für Kinder und Lehrpersonen.»

Das BAG sehe zwar vor, dass Lehrpersonen auf zwei Metern Distanz zu den Schülern bleiben sollen. «Aber sind wir ehrlich, das konsequent umzusetzen ist unmöglich. Mir bleibt schleierhaft, wie man einem Erstklässler aus der Entfernung etwa eine Rechenaufgabe erklären soll.» Rösler hofft, dass die Kinder wie vom BAG kommuniziert für die Lehrpersonen keine Gefahr darstellen und umgekehrt. Aber: «Ich verstehe die Eltern und Lehpersonen, die sich Sorgen machen.»

BAG und Kinderarzt stützen Schulöffnung

Das BAG will dazu keine Stellung nehmen und verweist stattdessen auf die heutige Medienkonferenz. Dort sagt Experte Daniel Koch: «Es wird nicht zu einer Epidemie unter den Schulkindern kommen und es besteht keine Gefahr für Eltern und Lehrerschaft.» Laut Koch zeigten dabei Studien etwa aus Australien und China, dass Schulen die Verbreitung des Coronavirus nicht vorantrieben.

Kinderarzt Christoph Berger, der die Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Kinderspital Zürich leitet, bekräftigt Kochs Aussagen auf Anfrage von 20 Minuten: «Basierend auf den jetzigen Daten finde ich es richtig, die Schulen zu öffnen.» Wichtig sei, dass die Kinder ihre Hände waschen, zwei Meter Abstand zu halten gehe in der Schule hingegen nicht.

Berger mahnt aber auch: «Wir müssen vorsichtig sein und die Lage beobachten, damit nicht unbemerkt ein Infektionsherd entsteht.» Möglich wäre etwa, ganze Schulen stichprobenartig zu testen. Bereits jetzt werden anders als zuvor Kinder mit Symptomen auf das Coronavirus getestet. Klar ist laut Berger aber: «Mit allen Lockerungen wird es eine grössere Viruszirkulation geben, besonders Gefährdete muss man deshalb schützen.»

Fehler gefunden?Jetzt melden.
488 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Echt jetzt

02.05.2020, 23:54

Himmel, jetzt hört doch auf mit dieser Panik! Natürlich ist ein Restrisiko vorhanden, aber das wird es auch noch in einem Jahr sein. Sollen die Kinder so lange zu Hause bleiben? Jetzt nehmt euch mal zusammen und lebt euer Leben! Versuchskaninchen sind wir übrigens alle, denn niemand kennt dieses Virus wirklich, alles beruht nur auf Annahmen und Spekulationen. Wollen wir nun deswegen zu Hause sitzen und auf bessere Zeiten warten?

Muessmernoennameüberlegge

02.05.2020, 23:44

Wenn sich Lehrer mit einem Mindestabstand schützen müssen, sind wir Eltern nicht auch in Gefahr? Ich chume nöm drus, da stimmt ebbis ned!

Mari

02.05.2020, 23:40

Ich habe ein Brief der Schule erhalten mit ich zitiere, " "Kinder bis 10 Jahren sind kaum ansteckend und auch ab 10 Jahren ist das Erkrankungsrisiko tief. Unter den Schülerinnen und Schüleren aller Altersstufen können und müssen daher die Abstandsregeln nicht eingehalten werden." Ich bin damit nicht einverstanden....