30.04.2015 13:42

Präimplantations-Diagnostik

«Wir werden bald Babys nach Mass designen»

Im Juni stimmt das Volk über die Präimplantations-Diagnostik ab. Felix Gutzwiller (FDP) und Jakob Büchler (CVP) über den Wert des menschlichen Lebens.

von
S. Marty
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CVP-Nationalrat Jakob Büchler (links) und FDP-Ständerat Felix Gutzwiller (rechts) diskutieren in einem Sitzungszimmer auf der Redaktion von 20 Minuten über die Präimplantationsdiagnostik (kurz PID). Das Volk stimmt am 14. Juni 2015 über eine entsprechende Verfassungsänderung ab.

CVP-Nationalrat Jakob Büchler (links) und FDP-Ständerat Felix Gutzwiller (rechts) diskutieren in einem Sitzungszimmer auf der Redaktion von 20 Minuten über die Präimplantationsdiagnostik (kurz PID). Das Volk stimmt am 14. Juni 2015 über eine entsprechende Verfassungsänderung ab.

20 Minuten
Gutzwiller ist PID-Verfechter. Die PID will, dass bei einer künstlichen Befruchtung künftig zwölf statt wie bisher drei Embryonen pro Behandlungszyklus im Reagenzglas entstehen und auf Gendefekte untersucht werden dürfen. Büchler lehnt die Vorlage aus ethischen Gründen strikt ab.

Gutzwiller ist PID-Verfechter. Die PID will, dass bei einer künstlichen Befruchtung künftig zwölf statt wie bisher drei Embryonen pro Behandlungszyklus im Reagenzglas entstehen und auf Gendefekte untersucht werden dürfen. Büchler lehnt die Vorlage aus ethischen Gründen strikt ab.

20 Minuten
«Auch ein behinderter Mensch hat ein Recht auf Leben», sagt CVP-Nationalrat Jakob Büchler. Dass Embryonen nach dem Schema «lebenswert» respektive «nicht lebenswert» selektionieren würden, gehe ihm zu weit.

«Auch ein behinderter Mensch hat ein Recht auf Leben», sagt CVP-Nationalrat Jakob Büchler. Dass Embryonen nach dem Schema «lebenswert» respektive «nicht lebenswert» selektionieren würden, gehe ihm zu weit.

20 Minuten

Herr Büchler, in der Schweiz darf eine Frau ihr ungeborenes Kind bis zur 14. Schwangerschaftswoche Gen- und Chromosomen-Tests unterziehen und es allenfalls abtreiben. Warum sollten Eltern dies nicht auch bei einem Embryo vor dessen Einpflanzung dürfen?

Büchler: Das menschliche Leben beginnt für mich bei der Vereinigung von Ei- und Samenzelle. Es muss von Anfang an geschützt werden. Dass man die daraus entstehenden Embryonen untersuchen und sie nach dem Schema «lebenswert» respektive «nicht lebenswert» selektionieren will, geht für mich klar zu weit – wie übrigens damals auch die pränatalen Tests.

Herr Gutzwiller, Sie auf der anderen Seite haben die PID-Forderung bereits vor zehn Jahren aufs politische Parkett gebracht. Ist Ihnen das menschliche Leben weniger wert?

Gutzwiller: Ich verstehe die ethischen Bedenken von Herrn Büchler. Doch das heutige PID-Verbot ist einfach nur paradox, denn wir sagen damit, dass der Embryo im Reagenzglas mehr Wert hat, als der Fötus im Bauch einer Schwangeren. Doch eigentlich sollte die Schutzbedürftigkeit dieses menschlichen Lebens – welches ich übrigens genauso respektiere wie mein Parlamentskollege – im Verlaufe der Zeit nicht ab-, sondern zunehmen. Ausser Litauen ist die Schweiz in Europa das einzige Land, welches diese Methode verbietet. Darum müssen Paare für diese Behandlung ins Ausland reisen. Mir wäre es aber lieber, sie blieben hier und wir könnten die Untersuchungen nach unseren Standards durchführen.

Herr Büchler, die Schweiz hat europaweit eines der restriktivsten Fortpflanzungsgesetze. Wäre es nicht an der Zeit, es nun ebenfalls anzupassen?

Büchler: Es ist doch kein Argument, zu sagen, nur weil kinderlose Paare ins Ausland ausweichen, müsse man diese Methode auch in der Schweiz einführen. Lassen wir die PID zu, ist dies ein klares Zeichen dafür, dass wir keine behinderten Menschen mehr in unserer Gesellschaft wollen. Ich bin selbst Vater von fünf Kindern und ich habe sieben Enkelkinder – sie alle sind zum Glück gesund. Doch ich finde klar, auch ein behinderter Mensch hat ein Recht auf Leben.

Gutzwiller: Es wird auch künftig noch behinderte Menschen geben, nur schon, weil Behinderungen nicht nur allein vor der Geburt entstehen. Doch ich muss es nochmals sagen: Schon heute können Eltern entscheiden, ob sie eine Schwangerschaft, bei der eine Behinderung entdeckt wird, beenden möchten. Mit der PID wird diese Frage einfach vorverlegt, was die Entscheidung für die Eltern keinesfalls leichter macht. Und übrigens wurde bereits bei der Abstimmung zur Pränataldiagnostik vor einer Stigmatisierung der Behinderten gewarnt. Doch die letzten 20 Jahre haben zeigen, Behinderte sind besser integriert denn je.

Die PID will nicht nur Tests an den Embryonen zulassen, neu sollen pro Behandlungszyklus zwölf statt bisher drei Embryonen gezeugt werden dürfen. Auch wäre ein Einfrieren der übrigen Embryonen möglich ...

Büchler: Und genau hier habe ich grosse Fragenzeichen. Was passiert mit den Embryonen, die nicht gebraucht werden? Das Gesetz sieht vor, dass man sie einfrieren kann. Doch nach spätestens zehn Jahren müssten sie wieder aufgetaut werden. Da das Parlament die PID nicht für genetisch vorbelastete Eltern zulassen will, sondern für alle Paare, die sich einer künstlichen Befruchtung unterziehen lassen, sprechen wir von jährlich 6000 Fällen. Da kommt eine grosse Anzahl Embryonen zusammen. Herr Gutzwiller, sagen Sie mir, was passiert mit den überschüssigen Embryonen, die nicht mehr für die Fortpflanzung gebraucht werden?

Gutzwiller: Erst muss ich sagen, es sind nicht 6000 Fälle. Im letzten Jahr wurden nur 2000 Fruchtbarkeitsverfahren durchgeführt, dies ist im Vergleich zu den 80'000 natürlichen Schwangerschaften eine kleine Minderheit. Dass wir künftig mit der 12er-Regel nicht mehr alle drei Embryonen gleichzeitig, sondern sie einzeln einpflanzen könnten, mindert das Risiko von Mehrlingsschwangerschaften enorm und ist deshalb zu begrüssen. Da aber nicht jede In-vitro Behandlung zum Erfolg führt, ist es wichtig, dass man genügend Embryonen für einen zweiten oder dritten Zyklus bereithat – und die müssten zuvor halt eingefroren werden. Wenn solche übrigbleiben, gibt es klare gesetzliche Grundlagen, wie man mit ihnen weiterverfährt. Wenn die Eltern es möchten, kann man sie zerstören. Oder man kann sie für die Stammzellenforschung weiterverwenden.

Büchler: Sehen Sie, Herr Gutzwiller, genau dagegen wehre ich mich. Da werden Methoden eingeführt, um am menschlichen Leben herumexperimentieren zu können, dies geht einfach viel zu weit.

Gutzwiller: Ich darf sie vielleicht daran erinnern, dass das Volk vor über zehn Jahren mit 70 Prozent der Stammzellenforschung zugestimmt hat. Jedes Paar sollte doch selbst entscheiden können, welche Wege es in der Fortpflanzungsmedizin gehen möchte.

Herr Gutzwiller, finden Sie auch, dass es Eltern freistehen sollte, darüber zu entscheiden, welches Geschlecht und welche Haar- oder Augenfarbe ihr Kind haben soll?

Gutzwiller: Nein, ein Paar soll auch künftig nicht entscheiden dürfen, ob sein Kind blaue Augen und brauen Haare haben soll. Das Verbot sogenannter Designerbabys wird auch mit einem Ja zur PID nicht in Frage gestellt. Aber es ist klar, die Entwicklung wird weitergehen. Ob das Verbot – etwa bei «Retterbabys» – auch in zehn Jahren noch existiert, da bin ich mir nicht sicher. Es ist eine sehr heikle Gratwanderung. Wollen Eltern ein Kind nur als Instrument, dass es dem Geschwisterchen helfen kann, dann finde ich es falsch. Wollen Eltern aber so oder so noch ein Kind und dieses könnte als Nebenprodukt mit seinem Knochenmark das Leben seines Bruders oder seiner Schwester retten, dann ist dies eine ganz andere Sache.

Büchler: Ich zweifle ehrlich gesagt daran, dass wir nicht bald auch Babys nach Mass designen werden. Die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten und bereits stehen neue Forderung – etwa die der Eizellenspende und der Leihmutterschaft – auf dem Tisch.

Gutzwiller: Herr Büchler, dies ist nun wirklich nicht Inhalt der aktuellen Abstimmung, auch wenn es sie vermutlich nicht verwundert, wenn ich sage, dass ich schon meine Fragezeichen habe, warum in der Schweiz eine Samenspende erlaubt ist und eine Eizellenspende nicht. Wenn eine Freundin oder Schwester einer Frau helfen will, deren Kinderwunsch zu erfüllen, wer bin ich dann, um dies zu verbieten?

PID: Darum geht's

Am 14. Juni stimmt die Schweiz zuerst über eine Verfassungsänderung ab, die den Boden für die Präimplantationsdiagnostik PID bereiten soll. Danach beginnt die 100-tägige Referendumsfrist für das revidierte Fortpflanzungsmedizingesetz, das Zulassung und Details der PID regelt. Die Evangelische Volkspartei (EVP) hat bereits angekündigt, dass sie das Referendum ergreifen wird.

Die PID will künftig erlauben, dass bei einer künstlichen Befruchtung zwölf statt wie bisher drei Embryonen pro Behandlungszyklus im Reagenzglas entstehen dürfen. Heute müssen alle drei gleichzeitig in die Gebärmutter eingesetzt werden – ohne vorherige Untersuchung auf genetische Defekte. Neu sollen die Embryonen genetisch getestet und der Mutter einzeln eingepflanzt werden dürfen. Auch wäre es künftig möglich, die Embryonen für eine spätere Benutzung einzufrieren.

Der Bundesrat wollte die PID nur für genetisch vorbelastete Paare erlauben. Das Parlament jedoch will Chromosomen-Screenings für all jene Paare zulassen, die sich einer künstlichen Befruchtung unterziehen. Die Verfassung verbietet weiterhin, Embryonen aufgrund ihres Geschlechts oder anderer Körpermerkmale gezielt auszuwählen oder sogenannte Retterbabys zu erzeugen, die sich als Stammzellenspender für ein schwer krankes Geschwister eignen. (sma)

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