27.10.2020 19:58

Aggressionen wegen Covid«Wir werden tagtäglich beschimpft»

Ob Pöbeleien in der Migros, beleidigende Kommentare im ÖV oder hässige Kundschaft: Leser-Reporter berichten von einer aggressiven Grundstimmung in der Bevölkerung. Soziologe Ueli Mäder erklärt, weshalb das so ist – und wie man sich bei Pöbeleien verhalten kann.

von
Michelle Muff
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«Es ist schrecklich», sagt die 51-jährige Alexandra R.* «Die Anspannung hängt in der Luft – wie ein zweites Virus.»

«Es ist schrecklich», sagt die 51-jährige Alexandra R.* «Die Anspannung hängt in der Luft – wie ein zweites Virus.»

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 «Die Leute sind Corona-müde. Die Grundstimmung ist schlecht, die Menschen sind unfreundlich», sagt R. aus dem Raum Basel.

«Die Leute sind Corona-müde. Die Grundstimmung ist schlecht, die Menschen sind unfreundlich», sagt R. aus dem Raum Basel.

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Seitdem die Fallzahlen steigen, hätten die Anfeindungen stark zugenommen, wie F. sagt.

Seitdem die Fallzahlen steigen, hätten die Anfeindungen stark zugenommen, wie F. sagt.

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Darum gehts

  • Die zweite Welle macht den Menschen zu schaffen: Viele Leute sind angespannter als sonst.

  • Leser-Reporter berichten davon, dass es in ihrem Alltag vermehrt zu Anfeindungen kommt.

Die Fallzahlen steigen exponentiell, die Massnahmen werden wöchentlich verschärft, die Meinungen werden extremer: Die Anspannung hängt wie ein zweites Virus in der Luft. Der Corona-Groll zeigt sich im Alltag.

Stefan F.* (38) spürt den Missmut in der Gesellschaft tagtäglich: Er darf aus gesundheitlichen Gründen keine Hygienemaske tragen. Zwar hat er stets ein vom Arzt bescheinigtes Attest mit sich, das ihn von der Maskenpflicht befreit – trotzdem wird er regelmässig zur Zielscheibe von Anfeindungen. «Ich werde beim Einkaufen von meinen Mitmenschen beschimpft, angerempelt oder in heftige Diskussionen verwickelt.»

Seitdem die Fallzahlen steigen, habe dies stark zugenommen, wie F. sagt. «Vergangene Woche wurde ich in der Migros von einer Dame tätlich angegriffen: Ich wollte Blumen kaufen – als sie plötzlich auf mich zukam, mich mit beiden Händen schupfte und mich übel beschimpfte», sagt F. «Sie war wie eine Furie.» Trotz Attest habe sie nicht von ihm abgelassen – ihr Mann habe gar vor dem Laden auf ihn gewartet, um ihn zur Rede zu stellen. Der Vorfall sei keine Seltenheit: Laut F. hätten die Menschen in den vergangenen Monaten vorzu ihre Hemmungen abgelegt.

«Im Detailhandel werden wir täglich beschimpft»

«Ich habe den Eindruck, dass sich niemand mehr für den anderen interessiert», sagt Maria E. (24)*, die im Detailhandel tagtäglich in Kundenkontakt steht. Die Situation habe sich mit der Maskenpflicht und den steigenden Fallzahlen verschärft: «Die Leute sind immer aggressiver, die Stimmung ist enorm angespannt», sagt die Ostschweizerin. «Wir werden tagtäglich beschimpft.» Teilweise müsse sie Personen wegweisen. «Einige wurden auch schon so hässig, dass sie ihre Ware hingeworfen haben und aus dem Laden gestürmt sind.»

Wie kann man heikle Situationen entschärfen?

Was tun, wenn Wut und Frustration über die Situation oder andere Meinungen aufkommen?

Soziologe Ueli Mäder: Es nützt wenig, wenn man nur wütend ist und deswegen über andere herzieht. Stattdessen soll man darauf achten, was die Aggression hervorruft. Man kann auch versuchen, die Wut in eine positive Energie umzuwandeln, mit der man etwas verändern kann. Ausserdem sollte man Emotionen zulassen und aussprechen. Dabei kann zum Beispiel ein Gespräch mit einer Freundin oder einem Freund helfen. Zudem ist es wichtig, andere Meinungen zuzulassen und sie zu verstehen, was keineswegs heisst, sie zu akzeptieren.

Wie soll man reagieren, wenn man in der Öffentlichkeit angerempelt wird?

Ruhig und klar, mental und verbal. Selbstverständlich auch ohne Gegentreten. Aber von der Haltung her gilt es, die Grenze zu markieren – ohne dabei zu protzen. Man kann durchaus auch umstehende Menschen um Hilfe bitten.

Wie kann man jemanden auf das Fehlen der Maske ansprechen?

Zuerst soll man tief durchatmen und dann allenfalls freundlich gegenüber der betroffenen Person feststellen, dass sie keine Maske trägt. Das gibt ihr die Möglichkeit, sich zu erklären. So lassen sich Missverständnisse und hitzige Wortwechsel eher vermeiden.

Ähnlich nimmt auch Alexandra R.* an der Kasse eines Grosskonzerns dies wahr: «Es ist schrecklich», sagt die 51-Jährige aus dem Raum Basel. «Die Anspannung hängt in der Luft – wie ein zweites Virus.» In den vergangenen Wochen habe sich der Umgang miteinander verändert: «Die Leute sind Corona-müde. Die Grundstimmung ist schlecht, die Menschen sind unfreundlich.» Täglich müsse sie sich hässige Kommentare gefallen lassen und mit Leuten über die Maskenpflicht streiten, Beleidigungen seien an der Tagesordnung.

«Bei mir haben die Aggressionen zugenommen», sagt Pendlerin Barbara K.* (45) von sich. Auf ihrem täglichen zweistündigen Arbeitsweg spreche sie mittlerweile regelmässig Menschen an, die ohne Maske Zug fuhren: «Ich habe mich so geärgert, dass ich nicht länger still sein konnte.» Die Reaktionen seien ganz unterschiedlich, sagt die Zürcherin. «Einige reagieren sehr beschämt und anständig, andere weigern sich.» Besonders frech habe ein hustender Jugendlicher vor einigen Tagen reagiert: «Es würden eh nur die Alten sterben, und um die sei es nicht schade, sagte dieser auf meine Aufforderung hin.» Seit kurzer Zeit fahre K. nun nur noch in der ersten Klasse Zug – damit sie sich nicht zu fest ärgere.

«Mit den Beeinträchtigungen nehmen die Spannungen zu»

Ueli Mäder ist Soziologe an der Universität Basel und beschäftigt sich mit Konfliktforschung. Im Interview schätzt er die momentane Lage ein.

Wie erklären Sie sich die Schilderungen aus der Bevölkerung – sind die Menschen tatsächlich aggressiver geworden, seit die Fallzahlen wieder steigen?

Die Spannungen haben sich in den vergangenen Wochen in Teilbereichen des öffentlichen wie privaten Lebens wohl verschärft. Das kann dazu führen, dass die Leute teils extrem reagieren. Die zweite Welle trifft alle. Allerdings unterschiedlich. Wer knapp bei Kasse ist, leidet mehr. Das erhöht Spannungen. Aber wir lernen auch aus den Erfahrungen. Das kann die Toleranz und Nachsicht fördern.

Welche Umstände haben konkret zu dieser Entwicklung geführt?

Wir müssen uns schon länger einschränken als erwartet. Zudem drohen schärfere Massnahmen. Das verunsichert und weckt Ängste. Aggressionen sind dann ein Ventil. Mit den Beeinträchtigungen und Befürchtungen nehmen auch die Spannungen zu.

Wie wird sich die Stimmung in der Gesellschaft weiter entwickeln? Es ist nun wichtig, dass in der Gesellschaft eine lebhafte Diskussion stattfindet. In der Schweiz haben wir dafür eine gute Ausgangslage, da unser Staat gut funktioniert und wir verglichen mit anderen Ländern viel Reserven haben. Wir müssen nun einen konstruktiven, demokratischen Umgang mit der Krise pflegen.

*Name der Redaktion bekannt

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