Türken in Deutschland: «Wir werden von einer Diktatur befreit»
Aktualisiert

Türken in Deutschland«Wir werden von einer Diktatur befreit»

Die Kurdenpartei HDP hat es ins türkische Parlament geschafft. In Deutschland gab's deshalb sogar Autokorsos. Doch nicht alle Deutsch-Türken sind euphorisch.

von
Mark Heywinkel
In der Türkei wird der Einzug der pro-kurdischen HDP ins Parlament gefeiert.

In der Türkei wird der Einzug der pro-kurdischen HDP ins Parlament gefeiert.

Die Alleinherrschaft des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan bröckelt. Diese Entwicklung hat bei den gestrigen Wahlen in der Türkei ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht: Zwar ist Erdogans konsvervative Partei AKP mit 40,9 Prozent der Stimmen immer noch die stärkste Kraft. Sie braucht allerdings zum ersten Mal in 13 Jahren einen Koalitionspartner.

Die kurdische Interessensvertretung HDP bietet sich dafür an. Sie hat am stärksten an Stimmen gewonnen. Auch überraschend viele Türken haben die Kurden gewählt. Sogar in Deutschland sorgte der Einzug der Partei ins Parlament am Sonntagabend für begeisterte Autocorsos. In Hamburg, Stuttgart, Berlin und Frankfurt am Main kamen am Sonntagabend einige Hundert Menschen zusammen.

«Für die Türkei ein Gewinn, für die Kurden noch nicht»

Beim Verband der Vereine aus Kurdistan Komkar hält sich die Euphorie trotzdem in Grenzen. «Das Ergebnis hat uns nicht überrascht», sagt Fevzi Aktas, Geschäftsführer des 1974 gegründeten Vereins in Berlin. «Die HDP hatte bei dieser Wahl sehr große Unterstützung durch die Medien und finanzielle Förderer.» Das sei aber erst dadurch möglich geworden, dass die Partei viele ihrer pro-kurdischen Ziele aufgegeben hätte. Zudem habe die Hälfte der Parteimitglieder keine kurdische Abstammung. «Es wird sich erst noch zeigen müssen, ob sich für die kurdische Bevölkerung in der Türkei tatsächlich etwas ändert.»

Dennoch sei das Wahlergebnis wichtig. «Für die Türkei ist der Ausgang der Wahl ein großer Gewinn», sagt Aktas. «Wir werden von einer Diktatur befreit. Erdogan hat zehn Jahre gut regiert und danach alles an sich gerissen. Es wird Zeit, dass das endet.»

Keine Verbesserung für die deutsch-türkische Beziehung in Sicht

Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland schätzt den Stimmengewinn der HDP durchweg positiv ein. Die HDP sei auf dem richtigen Weg, erklärt Gökay Sofuolu. «Sie erklärt dem türkischen Volk, dass die Kurdenfrage nicht mit Waffengewalt geklärt werden darf, sondern im Parlament.» Das Wahlergebnis habe ihn daher auch nicht groß überrascht. Das Volk mag es nicht, wenn sich jemand ohne Befugnis in den Wahlkampf einmischt. Das habe Erdogan getan, mit dem Koran in der Hand gegen die Konkurrenten gewettert, die HDP als terroristische Partei bezeichnet.

Für die deutsch-türkische Beziehung habe das Wahlergebnis keine Konsequenzen, sagte Sofuolu weiter. «Es wird eine vorübergehende Entspannung seitens Deutschland geben», glaubt er. «Aber da die Beziehungen vor allem von wirtschaftlichen Faktoren bestimmt werden, wird sich erst mal nichts ändern.»

«Willkommen, Chaos!»

Auf Facebook und Twitter wettern einige Anhänger des Präsidenten derweil verbal gegen die HDP. Sie habe ihre Wähler zur Stimmabgabe gezwungen und würden dem Chaos Tür und Hof öffnen. Manche beschweren sich über eine ideologische Berichterstattung der deutschen Presse über Erdogan.

Erdogan selbst hat sich noch nicht ausführlich zum Wahlergebnis geäußert. Er rief die Parteien lediglich zu verantwortlichem Handeln auf. «Demokratische Errungenschaften» müssten geschützt werden, zitiert die dpa eine Pressemitteilung im Netz.

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