Olympische Winterspiele 2022 in Peking  – «Wir wollen, dass die Spiele abgesagt werden»
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Olympische Winterspiele 2022 in Peking «Wir wollen, dass die Spiele abgesagt werden»

Tibetische Organisationen in der Schweiz kritisieren China als Austragungsort der Winterspiele 2022. Sie fordern einen Boykott. Unsinn, heisst es von der Gegenseite.

von
Lisa Horrer
Nicolas Meister
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Menschenrechts-Aktivistinnen und -Aktivisten mit Tibet-Flagge stören die Entzündung der Olympischen Flamme in Olympia, Griechenland. 
Menschenrechts-Aktivistinnen und -Aktivisten mit Tibet-Flagge stören die Entzündung der Olympischen Flamme in Olympia, Griechenland. imago images/ZUMA Wire
Tashi Shitsetsang, Präsidentin des Vereins Tibeter Jugend in Europa, fordert, dass die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking abgesagt werden. 
Tashi Shitsetsang, Präsidentin des Vereins Tibeter Jugend in Europa, fordert, dass die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking abgesagt werden. Privat
SVP-Nationalrat Roland Büchel bezeichnet einen Boykott der Winterspiele in Peking als Unsinn. 
SVP-Nationalrat Roland Büchel bezeichnet einen Boykott der Winterspiele in Peking als Unsinn. Parlamentsdienste

Darum gehts

  • Im Februar finden die Olympischen Winterspiele in Peking statt. Die Austragung in China steht unter heftiger Kritik.

  • Die Verein Tibeter Jugend in Europa verteilt Transparente und fordert, dass der Anlass gestrichen wird.

  • Das Internationale Olympische Komitee (IOK) möchte nicht Stellung zu den Vorwürfen um Menschenrechtsverletzungen in China beziehen.

«No more bloody Games», #NoBeijing2022 und ein Link zur Kampagnen-Webseite Boycott Beijing 2022 zieren Flugblätter und Fahnen des Vereins Tibeter Jugend in Europa. Er verteilte sie Anfang Januar an 500 Haushalte in Bern und Zürich. Zudem hängte der Verein in Zürich, Bern, Basel, Lausanne und Luzern Transparente mit den Aufschriften «No Beijing 2022» und «Boycott Beijing 2022» auf. Tashi Shitsetsang kritisiert die chinesische Regierung für ihre wiederholten Menschenrechtsverletzungen. Sie ist Präsidentin des Vereins, der sich primär für die Wiederherstellung der Freiheit in Tibet einsetzt.

Weitere Ziele sind, die tibetische Kultur zu bewahren und Jugendliche in der Schweiz sowie in Europa zu vernetzen. Sie nennt mitunter die Unterdrückung der Tibeter und Uiguren als gravierende Probleme. Auch die Zerschlagung der Demokratie in Hong Kong sei nicht hinnehmbar. Die Forderungen ihres Vereins sind weitreichend: «Wir wollen, dass die Spiele abgesagt werden», so Shitsetsang. Ferner wünscht sie sich, dass künftig keine Olympischen Spiele in China oder in anderen autoritären Staaten stattfinden.

Kontroverse um Boykott der Winterspiele

SVP-Nationalrat Roland Büchel bezeichnet einen Boykott diplomatischer oder sportlicher Natur als Unsinn. Die Schweiz sei ein kleines, neutrales Land, «wir müssen den grossen Nationen wie den USA nicht nachtrotten», sagt Büchel. Dennoch stehe es Sportlerinnen und Sportlern frei, sich gegen eine Teilnahme zu entscheiden. «Wenn jemand findet, Menschenrechte werden verletzt, oder man sorgt sich wegen Corona, ist das ein Entscheid des Einzelnen. Es ist nicht an der Politik oder an Swiss Olympic, einen solchen Entscheid für alle zu treffen», so Büchel.

Für Shitsetsang wäre ein kompletter Boykott der Schweiz das «Nonplusultra». Vom Bundesrat fordert sie zumindest einen diplomatischen Boykott. Zudem hofft die Vereinspräsidentin, dass die Olympia-Teilnehmenden die Plattform nutzen und sich etwa für Tibeter oder Uiguren aussprechen. Sie betont, auch Zuschauerinnen und Zuschauer zuhause könnten einen Beitrag leisten, wenn sie die Olympischen Spiele bewusst nicht im Fernsehen oder online verfolgten.

Kritik an China

China missachte laut Karma Choekyi, Präsidentin der Tibeter Gemeinschaft in der Schweiz und Lichtenstein, die grundlegenden Menschenrechte der Tibeterinnen und Tibeter. Diese werden seit 1950 systematisch von der chinesischen Regierung benachteiligt, unterdrückt und verfolgt. Die Regierung versuche gezielt, die Tibetische Kultur und Sprache auszulöschen. Choekyi erklärt: «Sie schliesst unsere Schulen, sendet die Kinder in «Erziehungslager», wo ihnen patriotische Werte vermittelt werden.»

Die Tibeter Gemeinschaft in der Schweiz und Liechtenstein hielt kürzlich einen Protest vor den Vereinten Nationen (UNO) in Genf ab. «Wir rufen die internationale Gemeinschaft dazu auf, die Olympischen Winterspiele in Beijing diplomatisch zu boykottieren», sagt Choekyi. Man rufe jedoch nicht zu einem generellen Boykott auf, sagt sie weiter.

Das IOK sei neutral

Aufgrund der Corona-Pandemie wurden die Sommerspiele 2020 in Tokio um ein Jahr verschoben. Dass die Winterspiele stattfinden, überrascht Shitsetsang: «Wieso hält man an den Spielen in Peking nächsten Monat fest; trotz der prekären Corona-Situation und den Menschenrechtsverletzungen?» Sie befürchtet zudem, dass Athleten und Journalisten unter dem Deckmantel der Pandemie isoliert werden und das zu einer einseitigen Berichterstattung führen könne.

Das Internationale Olympische Komitee (IOK) wollte zur Kritik an den Olympischen Winterspielen nicht Stellung beziehen. Stattdessen teilte die Medienstelle schriftlich mit, dass die Olympischen Spiele einen hohen Symbolgehalt haben. Ausserdem sei das IOK politisch neutral und positioniere sich nicht zu politischen Strukturen oder Menschenrecht-Standards im Austragungsland.

Vor einigen Jahren gab es in der Menschenrechtsfrage immerhin noch einen Dialog: Im Rahmen der Sommerspiele 2008 hatte nämlich die chinesische Regierung dem IOK versprochen, dass die Spiele Frieden und Menschenrechte bringen sollen. Doch die Situation in Tibet, in Hong Kong und der Uigurinnen und Uiguren habe sich markant verschlechtert, sagt Tashi Shitsetsang. Deshalb engagiere sich ihr Verein weiter dafür, auf die Situation vor Ort aufmerksam zu machen.

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