Das junge Modelabel Habibi will die arabische Schrift entpolitisieren
Die Shirts und Pullis von Habibi zieren arabische Schriftzüge.
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Die Shirts und Pullis von Habibi zieren arabische Schriftzüge.

Instagram/habibi.you.know
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Junges Modelabel Habibi«Wir wollen die arabische Schrift entpolitisieren»

Imad El Rayess und Jessica Rees führen das Label Habibi. Mit Pullis und Shirts mit arabischen Schriftzeichen wollen sie Vorurteile gegen die arabische Kultur abbauen.

von
Johanna Senn

Mit ihren Kleidungsstücken lösen sie auf der Strasse öfters Begegnungen und Gespräche aus: Imad El Rayess und Jessica Rees haben die Kleidermarke Habibi gegründet. Das Label mit Sitz in Hamburg bestickt T-Shirts und Pullis mit arabischen Schriftzügen beziehungsweise dem Wort «Habibi». Wofür Habibi steht und wie Imad und Jessica mit ihrer Streetwear Vorurteile abbauen, haben sie mit 20 Minuten Lifestyle im Interview gesprochen:

20 Minuten Lifestyle: Was bedeutet Habibi?

Imad El Rayess: Habibi bedeutet Freund, Schatz oder Liebling – es ist ein universales Wort. Und ein Ausdruck, den man zu jeder Person sagen kann.

Jessica Rees: Habibi kannst du zu einem Mann, einer Frau, dem Friseur um die Ecke oder einer guten Freundin sagen. Imads Mama nennt mich beispielsweise auch Habibi.

Wie ist Habibi entstanden?

Imad: Zum Geburtstag meines besten Kumpels hab ich ihm einen Pulli geschenkt, auf dem ich mit den Stickmaschinen unseres Familienunternehmens auf arabisch Habibi draufstickte – weil er halt auch ein Habibi ist! (lacht) Darauf hat er viele positive aber auch einige negative Feedbacks bekommen.

Zum Beispiel?

Imad: Die Leute stellten ihm Fragen wie: «Bist du konvertiert?» Oder: «Bist du jetzt beim IS?» Da habe ich gemerkt, dass man die arabische Schrift entpolitisieren muss. Ich habe dann Shirts gemacht und an Freunde verkauft, erste Shootings durchgeführt und eine Instagram-Seite aufgezogen.

Und du, Jessica?

Jessica: Ich bin halb Schweizerin, halb Engländerin und vor vier Jahren nach Hamburg um zu studieren. So haben Imad und ich uns kennengelernt und es hat privat, wie auch kreativ, geklickt. Ich habe das Manifest zu Habibi geschrieben, in dem es darum geht, dass das arabische Alphabet negativ konnotiert ist und dass wir mit Habibi eine süsse Botschaft verbreiten wollen, die Vorurteile abbaut. Vor anderthalb Jahren haben wir uns dann voll auf den Brand konzentriert und uns damit selbständig gemacht.

Wer ist bei euch wofür zuständig?

Imad: Wir sind ein Team aus fünf festangestellten Leuten und vier Aushilfen. Wir sind drei Partner: Jessi und ich machen alles, was in Richtung Kommunikation, Konzeption und Kreation geht. Und mein Bruder ist für die Finanzen und das Juristische verantwortlich. Meine Schwester ist auch dabei, sie macht den Support und den Einkauf.

Jessica: Unsere Hoodies und T-Shirts werden in einem Familienunternehmen in Tunesien produziert und anschliessend bei uns bestickt.

Jessica Rees und Imad El Rayess haben sich vor anderhalb Jahren mit Habibi selbstständig gemacht.

Jessica Rees und Imad El Rayess haben sich vor anderhalb Jahren mit Habibi selbstständig gemacht.

ZVG

Wann habt ihr zum ersten Mal gemerkt, dass die arabische Schrift nicht immer positiv aufgenommen wird?

Imad: 2015 habe ich ein T-Shirt gemacht, auf dem mit arabischer Schrift Almanija, also Deutschland draufstand. Da gab es auf der Strasse die ersten Blicke und ich merkte, dass das die Leute interessant und sonderbar zugleich finden. Mit Vorurteilen gegen die arabische Kultur bin ich schon als Kind aufgewachsen. Meine Eltern kommen aus dem Libanon und sind in den 80ern während des Bürgerkrieg nach Deutschland geflüchtet. Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen, wo wir die einzige arabische Familie waren. Obwohl ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin, habe ich schon von klein auf miterlebt, wie man nie richtig angenommen wird.

Wieso ist die arabische Schrift in den Köpfen der Menschen negativ assoziiert?

Jessica: Zum grossen Teil durch die Medien. In der Schweiz kommen viele nur mit arabischer Schrift in Kontakt, wenn sie Kriege und Bombenanschläge in Newsvideos sehen. Das bleibt dann so in den Köpfen stecken.

Darum wollt ihr die arabische Schrift entpolitisieren.

Imad: Genau. Die arabische Kultur und Schrift kämpfen in der westlichen Welt mit einer Menge Vorurteile. Ich habe selber miterlebt, wie sich das auf das tägliche Leben auswirkt. Dabei ist sie lediglich eine Schrift, die dazu noch wunderschön ist. Indem wir die arabische Schrift in westliche Mode integrieren, normalisieren wir sie.

Jessica: Vor fünf Jahren waren in der Mode- und Streetwear-Szene japanische oder chinesische Schriftzeichen ein grosses Thema. Niemand hat sich überlegt, was da stehen könnte, aber alle fanden es cool. Das passiert mit der arabischen Schrift nicht, ist aber genau unser Ziel. Wir wollen die arabische Schrift durch Mode in die Popkultur bringen.

Welche Reaktionen bekommen die Trägerinnen und Träger?

Jessica: Wir haben erst kürzlich auf Instagram nachgefragt, was die Community so erlebt. Ein paar haben von negativen Erfahrungen erzählt, aber es waren auch so viele gute Geschichten dabei. Jemand ist zum Beispiel wegen eines Pullis plötzlich mit dem Nachbar in Kontakt gekommen die beiden haben sieben Jahre im selben Block gewohnt und sind seitdem Freunde.

Imad: Eine Kundin hat uns auch geschildert, wie sie im Bus auf ihren Habibi-Beutel angesprochen wurde und mit einer arabisch sprechenden Frau in Kontakt kam. Sie sei mittlerweile auch mit dem Supermarktmitarbeiter per du. Sowas ist wunderschön und wir wollen mehr solche Nachrichten bekommen.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Rassismus oder Islamfeindlichkeit betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsnetz für Rassismusopfer

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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